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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 23/24 - 15.12.2018

Standpunkt Vize-Präs. Johannes Steinhart


Dringender Weckruf für Impfmüde!

© Gregor Zeitler

„Stell Dir vor es ist Grippeimpfungs-Saison, und keiner geht hin.“ Der hier etwas abgewandelte Anti-Kriegs-Slogan der Friedensbewegung der 1970er-Jahre beschreibt leider sehr zutreffend die Influenzaimpfungs-Malaise in Österreich, mit einer Durchimpfungs-Rate von zuletzt etwa sechs Prozent. Ein aktueller und geeigneter Anlass, um die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass Impfprogramme bekanntlich wie wohl keine andere Präventionsmaßnahme zum Abwenden von Volkskrankheiten und zur höheren Lebenserwartung beigetragen haben.

Die zunehmende Impfmüdigkeit stellt uns Ärztinnen und Ärzte vor große Herausforderungen. Und das in zweierlei Hinsicht: Wir sind aufgefordert, Impfmythen und Impfmüdigkeit in der Bevölkerung konsequent entgegenzuwirken. Und wir sollten mit dem guten Beispiel vorangehen und uns selbst impfen lassen – auch gegen die Influenza. Gerade Menschen, die aufgrund ihres Berufes häufige und intensive Patientenkontakte haben, sollten das tun. Das dient nicht nur dem Selbstschutz, sondern schützt auch Patienten vor einer Infektion durch Ärzte und Pflegepersonen. Das Motto der diesjährigen Europäischen Impfwoche lautete aus gutem Grund: „Impfung ist ein individuelles Recht und eine gemeinsame Verantwortung.“

Das gilt natürlich nicht nur für die Grippe-Impfung. Die Botschaft, dass es nur bei hohen Durchimpfungsraten möglich sein wird, einzelne Krankheitserreger regional und vielleicht sogar global zu eliminieren, ist leider noch nicht bei allen Bürgern angekommen.

Gefordert ist also Aufklärung – sowohl auf breiter Basis durch geeignete Kampagnen, als auch durch systematische Arzt-Patient-Gespräche. Wir müssen – am Beispiel der Influenza – Patienten konsequent darüber aufklären, dass die echte Grippe eine ernste Krankheit ist, und weitaus gefährlicher als der zum Verwechseln ähnlich klingende „grippale Effekt“. Und wir müssen das personen- und zielgruppenspezifisch tun: Nicht nur alte Menschen und Patienten mit chronischen Krankheiten sind besonders gefährdet und müssen gezielt informiert werden. Sondern – in ganz anderer Weise – zum Beispiel Selbstständige und Kleinunternehmer. Ein mehrwöchiger Arbeitsausfall durch eine Influenza bzw. Komplikationen, wenn diese übergangen wird, kann auch sehr ernste wirtschaftliche Konsequenzen haben.

Treten wir also den Fake News der Impf-Gegner ebenso entgegen wie den Bedenken der Impfskeptiker, und wecken wir die Impf-Müden auf. Niemand kann das besser und glaubwürdiger tun als wir Ärztinnen und Ärzte.


Dr. Johannes Steinhart
2. Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2018