ÖÄZ 3 - 10.02.2009 Interview zu künstlichen Allergenen - Univ. Prof. Fatima Ferreira

Interview - Univ. Prof. Fatima Ferreira


Wissenschaft mit „open mind“


Univ. Prof. Fatima Ferreira – sie leitet das Christian Doppler-Labor für Allergiediagnose und Allergietherapie an der Universität Salzburg – wurde vor kurzem vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zur Wissenschafterin des Jahres gekürt. Im Interview mit
Sabine Fisch spricht sie u.a. über die Herstellung von künstlichen Allergenen.

ÖÄZ: Woran arbeiten Sie mit Ihrem Team?

Ferreira:
Unser wichtigstes Thema ist die Herstellung von rekombinanten Allergenen. Zum ersten Mal gelang dies mit der Herstellung von Birkenpollen. Damals war ich noch im Wiener Allgemeinen Krankenhaus unter Prof. Dietrich Kraft tätig, der mich sehr unterstützt hat. Schon damals haben wir mit dem Unternehmen Biomay zusammengearbeitet. Dieses Unternehmen ist auch einer der Financiers meines Christian Doppler Labors an der Universität Salzburg.

Was „können“ rekombinante Allergene?

Diese „künstlichen“ Allergene haben das Potenzial, die Diagnostik und Therapie von Allergien zu revolutionieren, weil sie in einer standardisierten, immer gleich bleibenden Qualität erzeugt werden können. Bisher mussten Allergene für Tests oder Desensibilisierungstherapien aus der Natur gewonnen werden. Dadurch ist es unmöglich, immer eine gleichbleibende Qualität der Substanzen zu gewährleisten. Das kann zu falsch positiven oder falsch negativen Testergebnissen führen. Auch in der Therapie führt das zu Problemen. So kann etwa nicht einfach ein Präparat von einer Firma gegen ein anderes ausgetauscht werden, weil die Allergenqualität zwangsläufig unterschiedlich sein muss. Mit künstlich hergestellten, standardisierten Allergenen gehören diese Probleme der Vergangenheit an.

Was sind die nächsten Projekte?

Gegenwärtig arbeiten wir an rekombinanten Allergenen aus Beifuß und Ragweed. Diese Allergien nehmen stark zu, der Bedarf ist also vorhanden. Um die zunehmenden Allergien unter Kontrolle zu bekommen, sie korrekt zu diagnostizieren und zu behandeln, werden die „künstlichen“ Allergene sehr hilfreich sein.

Sie leiten ein Christian Doppler-Labor und arbeiten eng mit einem industriellen Partner zusammen. Wie gestaltet sich das in der Praxis?

Ich halte dieses Konzept für einen guten Weg, Industrie und akademische Forschung zusammen zu bringen. Die Finanzierung der Christian Doppler-Labors ist geteilt: 50 Prozent kommen von der Industrie, 50 Prozent vom Bund. Diese Kombination ermöglicht es uns, die Grundlagenforschung direkt in die klinische Anwendung zu bringen. Und die Industrie profitiert von unseren Entwicklungen.

Kommt es seitens der Industrie zu Eingriffen in Ihre Forschungsarbeiten?

Nein. Wir forschen in einem sehr freien intellektuellen Umfeld. Anders wäre das auch gar nicht möglich. Was dazu unbedingt erforderlich ist, ist gegenseitiges Vertrauen. Und das funktioniert an meinem Labor sehr gut. Die Beziehung zu Biomay dauert bereits viele Jahre an, der Gründer dieses Biotech-Unternehmens war mein erster Chef hier in Wien und mein Mentor, Dietrich Kraft. Vertrauen ist auch ein wichtiges Thema für die Arbeit mit meinem Team. Die Arbeit in der Gruppe ist für mich sehr wichtig, ich ermutige meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu, eigene Ideen zu entwickeln und unabhängig zu forschen.

Sie wurden in Brasilien geboren und leben seit vielen Jahren in Österreich. Wie kam es dazu?

Ferreira (lacht): Ich wurde in einer Gegend geboren, die durchaus mit dem Wilden Westen vergleichbar ist. In Cachoeira de Goias in Brasilien gab es keinen Strom, keine Schulen, keine Strafen, nur viele Männer mit Waffen. Selbstjustiz war an der Tagesordnung. Ich selbst habe erlebt, wie mein Vater einen Zaun zum Nachbarhof bauen wollte. Mein Vater hatte zehn Brüder. Dem Nachbarn hat das nicht gepasst. Am nächsten Tag konnte ich sechs meiner zehn Onkel mit Schusswunden im Krankenhaus besuchen. Mein Vater hatte allerdings auch ein Alkoholproblem. Meine Mutter sah keinen anderen Ausweg als ihn mit mir, meiner Schwester und meinem Bruder zu verlassen. Sie wollte unbedingt, dass wir eine gute Ausbildung bekommen.

Das war sicher nicht leicht.

Mit Sicherheit nicht. Meine Mutter konnte nur wenig lesen und schreiben. Sie sagte uns immer: „Ich habe keine Ausbildung, ich kann euch nicht helfen. Ich kann euch nur in die Schule schicken, lernen müsst ihr. Das haben wir getan. Für mich war immer klar, ich wollte einen Beruf haben, ich wollte unabhängig sein. Als ich sah, wie die Ehe meiner Eltern scheiterte, wusste ich, so ein Leben will ich nicht.

Für welches Studium haben Sie sich entschieden?

Ich habe zuerst Zahnmedizin studiert, weil mich die Grundlagenforschung in diesem Bereich sehr interessiert hat und dann – um diesem Interesse nachgehen zu können – Biochemie. Danach wollte ich meinen Horizont erweitern und ging als Postdoc an die Universität von Toronto. Dort lernte ich meinen Mann kennen, Peter Briza, ebenfalls Biochemiker. Und der bekam ein Angebot aus Österreich – da ging ich mit ihm.

Wie kam es dann zur Beschäftigung mit der Allergieforschung?

Ich habe in Österreich rasch bemerkt, dass das Thema Grundlagenforschung in der Zahnmedizin hier nicht sehr populär ist. Außerdem wollte ich in einem Bereich forschen, der mit dem Land zu tun hat, in dem ich lebe. Allergien sind in Österreich ein wesentliches Thema. Zudem lernte ich Dietrich Kraft kennen, der mich in sein Team am Wiener AKH aufnahm und mich nach Kräften förderte. Mein Interesse wuchs mit meiner Aufgabe und so blieb ich dabei.

Haben Sie Ihren Weg jemals als schwierig empfunden?

Nein. Einen schwierigen Lebensweg hatte meine Mutter, als sie vor 35 Jahren meinen Vater verließ, sich einen Beruf suchte und uns, einer Schwester und meinem Bruder, eine umfassende Ausbildung ermöglichte. Was könnte schwieriger sein als dies? Ich habe keine Angst vor Schwierigkeiten, ich sehe sie als Herausforderungen.


Zur Person


Univ. Prof. Mag. Dr. Fatima Ferreira wurde am 16. Februar 1959 in Cachoeira de Goias, einem winzigen Dorf im brasilianischen Staat Goias geboren.
Sie studierte Zahnmedizin an der Universidade de Uberlandia, Minas Gerais, und Biochemie an der Universidade de Sao Paulo, Sao Paulo, und ging nach ihren Diplomen 1988 als Postdoc nach Kanada an die University of Toronto.
1990 übersiedelte sie mit ihrem Ehemann, dem Biochemiker Peter Briza, nach Österreich und begann am AKH Wien, gemeinsam mit Univ. Prof. Dietrich Kraft, an künstlichen Allergenen zu forschen. Mit ihrem Mentor erforschte sie das erste künstliche Allergen, jenes der Birke.
2000 habilitierte sich Fatima Ferreira im Fach Genetik an der Universität Salzburg.
2006 wurde sie Gründungsdirektorin des Christian-Doppler-Labors für Allergiediagnostik und Allergietherapie. Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten hat die Forscherin zu Wissenschafterin der Jahres 2008 gekürt.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.02.2009

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