ÖÄZ 3 - 10.02.2009 Koronare Herzerkrankung - Prävention & Behandlung

Arznei & Vernunft: Koronare Herzerkrankung


Prävention & Behandlung


Neben der leitlinienbasierten Therapie der KHK stellt die soeben publizierte Leitlinie der Initiative Arznei & Vernunft vor allem auf die Prävention und Diagnostik dieser häufigen Erkrankung ab.

Von Sabine Fisch


Es ist bemerkenswert, dass sich ein Projekt, das von vier Partnern mit völlig unterschiedlichen Interessen getragen wird, bereits seit 14 Jahren erfolgreich behauptet“, hielt der ärztliche Direktor des Wiener Hanusch-Krankenhauses, Univ. Prof. Klaus Klaushofer, anlässlich der Präsentation der Leitlinie „Koronare Herzerkrankung“ eingangs fest. Hauptverband der Sozialversicherungsträger, Pharmig, Ärztekammer und Apothekerkammer sind in diesem Gremium versammelt. Die Gruppe konnte bis dato elf Leitlinien zur Diagnostik und Therapie häufiger Erkrankungen erarbeiten. Die neueste Leitlinie, die kürzlich in Wien präsentiert wurde, beschäftigt sich mit einem Volksleiden, der Koronaren Herzerkrankung (KHK).


Immer noch Platz 1


Herz-Kreislauferkrankungen nehmen mit 44 Prozent aller Todesfälle immer noch Platz 1 der Sterbestatistik ein. Außerdem werden jedes Jahr rund 20 Prozent aller finanziellen Mittel für Medikamente zur Therapie der KHK ausgegeben: „Deshalb haben wir in der aktuellen Leitlinie auch großen Wert auf das Thema Prävention gelegt“, sagte Beate Hartinger, Generaldirektor-Stellvertreterin des Hauptverbandes der Österreichischen Sozialversicherungsträger. „Die Leitlinie enthält umfassende Informationen zur Lebensstilmodifikationen, insbesondere was die Risikofaktoren Rauchen, Bewegungsmangel, Adipositas, Diabetes mellitus, Hypertonie und Hyperlipidämie betrifft“, führte Hartinger weiter aus.


Risikofaktoren vermeiden


„Eine Vermeidung dieser Risikofaktoren kann diese Erkrankung weitgehend verhindern“, zeigte sich auch die Vizepräsidentin der Österreichischen Apothekerkammer, Christiane Körner, in ihrem Statement überzeugt. Dabei dürfe man den Patienten allerdings nicht zwangsbeglücken, so Jörg Pruckner, Obmann der Sektion Allgemeinmedizin in der ÖÄK: „Nur eine gemeinsame Anstrengung von Arzt und Patient zur Erarbeitung einer Lebensstilmodifikation führt zu einem Erfolg.“ Pruckner spricht sich in diesem Zusammenhang für eine rigorose Durchsetzung eines Rauchverbots in allen österreichischen Gaststätten aus, was von den am Podium anwesenden Experten heftig akklamiert wurde. Die wesentliche Rolle eines gesunden Lebensstils hob Univ. Prof. Georg Kaul, Vorstand der II. Medizinischen Abteilung am Wiener Hanusch-Krankenhaus in seinem Statement hervor. „Da die meisten Herz-Kreislauferkrankungen durch eine Modifikation des Lebensstils verhindert oder zumindest hinausgezögert werden können, haben wir in den vorliegenden Leitlinien besonderes Augenmerk auf die Prävention gerichtet“, so der Kardiologe. Demzufolge finden sich unter dem Kapitel „Therapie - allgemeine Maßnahmen“ umfassende Informationen zur Vermeidung von Risikofaktoren sowie zu Lebensstiländerungen im Hinblick auf Ernährung, Gewichtsmanagement, Rauchen, Alkohol und Bewegung.


Praktisches Handbuch


Eine Erläuterung der basisdiagnostischen Maßnahmen bei KHK ist in den Leitlinien ebenso zu finden wie Empfehlungen zur weiterführenden Diagnostik. Ein umfangreiches Kapitel ist der medikamentösen Behandlung der koronaren Herzerkrankung gewidmet. Die Zusammenschau reicht von der prognose-verbessernden Therapie mit Acetylsalicylsäure über die Überwachung und medikamentöse Behandlung von Hypertonie, Hyperlipidämie und Blutzucker bis hin zur symptomatischen Behandlung der Erkrankung.


Nicht ganz zufrieden


Auch im Erstattungskodex hat die neue Leitlinie ihren Niederschlag gefunden. So wurde für Statine die bisher geltende Einschränkung der Verschreibung auf „Sekundärprävention bei klinisch manifester Atherosklerose und/oder Diabetes mellitus mit hohem kardiovaskulärem Risiko“ aufgehoben. „Die Mehrzahl der Statine ist somit frei verschreibbar geworden“, hielt Beate Hartinger weiter fest. Nicht so begeistert von den Möglichkeiten, die der Erstattungskodex derzeit in der Behandlung der KHK bietet, zeigte sich dagegen Hubert Dreßler, Präsident des Verbandes der pharmazeutischen Industrie Österreichs: „Die nicht vollständige Umsetzung dieser Leitlinie im Erstattungskodex verringert leider den möglichen, noch größeren Erfolg der vorliegenden Leitlinie.“ Für Dreßler steht in dieser - wie auch in anderen bisher publizierten Leitlinien - nicht der therapeutische Aspekt im Vordergrund, sondern weiterhin die Ökonomie. „Es werden Therapiemöglichkeiten zur Wahl gestellt, aber in der Umsetzung nicht konsequent gleichwertig behandelt“, so der Pharmig-Präsident. Nach Ansicht von Jörg Pruckner ist das Projekt gelungen:
„Der neue Kommentar der Intiative Arznei und Vernunft ist eine wertvolle Ergänzung und gibt Kolleginnen und Kollegen einen guten Überblick über den sinnvollen Einsatz der vorhandenen Therapieoptionen.“


Daten nachvollziehbar


Insgesamt bietet die Leitlinie einen guten Überblick über den Stand der Medizin in Bezug auf die Koronare Herzerkrankung. Besonderen Wert legt Klaus Klaushofer, Koordinator der Leitlinie, auf die Unabhängigkeit der Expertengruppe: „Arznei & Vernunft wird ausschließlich und zu gleichen Teilen von den Partnerorganisationen finanziert.“ Demzufolge ist auch eine Anführung von Produktnamen nicht gestattet, in den Leitlinien werden ausschließlich Substanznamen genannt.



Neu: Evidenz- und Empfehlungsgrade


Neu in den Leitlinien ist die erstmalige Nennung von Evidenz- und Empfehlungsgraden. Dabei bedeutet ein Empfehlungsgrad A, dass für diese Empfehlung Daten aus mehreren randomisierten klinischen Studien oder Meta-Analysen vorliegen. Evidenzgrad B bedeutet das Vorliegen einer randomisierten klinischen Studie oder mehrerer großer nicht randomisierter Studien. Evidenzgrad C schließlich bezieht sich auf Expertenkonsensi und/oder kleine und/oder retrospektive Studien.


Erstmals können die in den Leitlinien zitierten Studien auch online abgerufen werden. Sie sind unter http://www.hauptverband.at/mediaDB/MMDB123938_guideline_research_khk.pdf abzurufen. Die Leitlinie und eine Patientenbroschüre zum Thema gibt es unter http://www.sozialversicherung.at/arzneiundvernunft zum Download.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.02.2009

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