ÖÄZ 3 - 10.02.2009 Lawinenkatastrophe in Galtür: zehn Jahre danach

Galtür: zehn Jahre danach


Die beste Medizin ist Menschlichkeit!

Am 23. Februar 2009 jährt sich der Tag der Lawinenkatastrophe in Galtür, die 30 Menschenleben forderte, zum zehnten Mal. Dieses Unglück war nach menschlichem Ermessen nicht vorherzusehen, galt Galtür doch als ausgesprochen „lawinensicher“. - Zur Bewältigung der Folgen des Unglücks hat sich für die Menschen in Galtür Menschlichkeit als „beste Medizin“ erwiesen.

Von Ruth Mayrhofer

Galtür im Tiroler Paznauntal: eine malerische 600-Seelen-Gemeinde inmitten einer herrlichen Berglandschaft. Seit den 1920er Jahren ist auch der Tourismus in Galtür zuhause, seitdem lebt der Ort von seinen Gästen. Diese „Erfolgsgeschichte“ nahm am 23. Februar 1999 ein jähes Ende.

In diesem Jahr war bereits das Paznauntal seit dem 6. Februar mit kurzen Unterbrechungen gesperrt, höchste Lawinengefahr gemeldet, erste Lawinen gingen ab. Galtür wähnte sich „sicher“, hat Schutz vor Lawinen in Galtür doch eine lange Tradition: Schon 1613 wurde dort die älteste dokumentierte Lawinenverbauung der Alpen errichtet. Zudem hatte die Gemeinde seit 1964 insgesamt knapp 20 Millionen Euro in Lawinen-Schutzmaßnahmen investiert, und außerdem gab es kein Haus in jener Zone, die heute nach Gefahrenschutzplänen als „rot“ (Verbot von Neubauten) gilt.

Doch das Wetter wird schlechter und schlechter: Außer dem Dorfkern werden alle Straßen gesperrt, am 20. und 21. Februar verlassen viele Touristen via Hubschrauber den Ort.

„Am 23.2.1999 um 16 Uhr ging eine Lawine mit unvorstellbarem Ausmaß vom Sonnberg, nördlich des Ortes, ab“, erinnert sich Walter Köck, Ehrenbürger und ehemaliger Gemeindearzt von Galtür, in seiner Chronologie der Ereignisse. „Von der Abrissstelle, circa 2.700 Meter hoch, in circa 35 bis 40 Grad steilen Gelände des Grießkogls stürzten die Schneemassen immer schneller werdend.... in einer Breite von circa. 400 Metern gegen Galtür. Eine ungeheure Druckwelle ließ ihre Gewalt ins Unermessliche und ihre Auswirkungen ins Unvorstellbare anwachsen“, so der heute 85-jährige Arzt. Außerdem gab es kleine Nebenäste der Lawine, die Häuser, Kirche, Feuerwehrhaus und ein Restaurant in Mitleidenschaft zogen beziehungsweise vernichteten. Wie durch ein Wunder gab es in diesem Bereich von Galtür keine Toten zu beklagen. - Anders jedoch im westlichen Teil der Gemeinde: dort herrschen Chaos und Verwüstung, eine damals neue Siedlung wurde teilweise zerstört und zertrümmert. „Und es schneit und schneit weiter. Abgeschnitten von jeder Unterstützung, läuft in dieser Nacht eine Rettungs-, Berge- und Betreuungsaktion ab, wie es sie in der Form noch nie gab und die in der Zusammenarbeit von den Galtürern und ihren Gästen einmalig werden sollte, einmalig als Teamwork aller, ohne Stars“, heißt es in den Aufzeichnungen von Köck.

Der Gemeindearzt Fritz Treidl richtet in einer Garage ein Notlazarett ein, in dem die Schwerverletzten, Bewusstlosen und fraglich Toten erste Hilfe erfahren. Medikamente, Intubationsbestecke und Ambubeutel zur Beatmung und Schmerzmittel sind ausreichend vorhanden. Sogar ein Defibrillator und ein EKG kommen am Lawinenkegel zum Einsatz. Und wieder verschlechtert sich das Wetter. Trotzdem wird fieberhaft nach weiteren Opfern gesucht - alle Pistengeräte und sogar ein einfacher Schreitbagger sind im Einsatz. Auch Ärzte aus Deutschland - allesamt Urlauber - tun ihr Bestes, um zu helfen. Wegen des Stromausfalles muss Kerzenlicht als Beleuchtung ausreichen. - Unter diesen für viele unvorstellbaren Verhältnissen läuft die Rettungsaktion „völlig geordnet“ (Köck) ab: Verletzte und Tote werden geborgen, die ersteren verarztet, die letzteren ins Leichenhaus gebracht.


Größte Luftbrücke seit Berliner Blockade


Am 24.2. um 6,45 h erreichten die ersten Hubschrauber Galtür, eine der größten Rettungsaktionen, die Österreich je gesehen hatte, lief an. Erstmals wurden bei einem derartigen Einsatz auch Psychologen in die Rettungsmannschaften einbezogen. Doch auch Defizite wurden deutlich: So gab es damals keinen Evakuierungsplan, Großraumhubschrauber zum Ausfliegen von Verletzten waren beim österreichischen Heer nicht verfügbar - Assistenz musste aus dem Ausland gerufen werden. „Durcharbeiten wurde zur Selbstverständlichkeit“, charakterisiert Köck diese Phase. Und: „Der Einsatz hatte Modellcharakter und war eine medizinische und organisatorische Großleistung, ein Produkt guter Zusammenarbeit unterschiedlichster Organisationen in einem Dorf und des persönlichen Einsatzes. .... Die Katastrophe rief ebenso eine Großleistung an Hilfsbereitschaft von Bund, Land und Bezirk hervor“. Lob zollt Köck aber in diesen Erinnerungen auch seinem Kollegen Fritz Treidl: „.... unser Fritz Treidl erwies sich als Feldherr des medizinischen Einsatzes, der mit Ruhe eine Anzahl von deutschen Ärzten zu leiten wusste und mit ihnen fachgerechte, kompetente und wirksame Katastrophenmedizin betrieb. .... Alle sind wir uns einig, dass ohne die vielen Gäste, die uns so selbstlos geholfen haben, Entscheidendes nicht möglich gewesen wäre“.


Zehn Jahre danach


Wie damals ist Anton Mattle noch heute Bürgermeister von Galtür, und auch Fritz Treidl betreut im Ort gemeinsam mit einer Kollegin nach wie vor seine Patienten - Einheimische genauso wie Gäste. Die Gemeinde Galtür investierte nach dem Lawinenunglück weitere 6,3 Millionen Euro in die Lawinensicherung, weitere 1,8 Millionen Euro wurden für Direktschutzausbauten am Talboden aufgebracht. Die Zufahrtsstraße nach Galtür ist seitdem mit Lawinengalerien und Aufforstungen noch besser geschützt, der Ort verfügt international über das dichteste Netz von Wettermess-Stationen und damit an „Frühwarnsystemen“. Alle zerstörten Gebäude wurden so rasch als möglich wieder aufgebaut, für die entstehenden Kosten kam zu 100 Prozent das Land Tirol auf. Mattle: „Es tut schon gut, in einem Land leben zu können, in dem eine so uneingeschränkte Hilfe stattfindet“. Touristisch hat die Katastrophe Galtür weit zurückgeworfen. Aber: „Wir stehen seit 2003 wieder dort, wo wir vor zehn Jahren waren und es wird weiter aufwärts gehen“, ist der Bürgermeister optimistisch.

Auch Fritz Treidl hat in Sachen Katastrophenvorsorge „aufgerüstet“. „Die Lawine war sicherlich ein einmaliges und keineswegs erwartetes Ereignis“, betont er. Dennoch ist es ihm heute „Anliegen und Beruhigung zugleich“, nicht nur zwei, sondern stets fünf gewissenhaft und voll bestückte Notfallsrucksäcke bereit zu haben“.

Wie haben die Galtürer selbst diese Katastrophe bewältigt? Der Landarzt: „Die Leute, die hier leben, haben die Ereignisse des Februars 1999 gut verarbeitet. Sie sind ja mit Naturgefahren aufgewachsen, die für sie einen ganz normalen Teil des Lebensraumes bedeuten. Sie pflegen enge Beziehungen zu ihrer Familie und ihren Nachbarn, die sie stützen, wenn sie Ungemach trifft. Außerdem sind die Menschen hier tief gläubig - und auch das hilft, Krisen zu überstehen“. So berichtet der Arzt, dass kaum ein Galtürer psychologische Betreuung in Anspruch genommen oder gebraucht hätte, und auch posttraumatische Belastungsstörungen seien „nur ganz minimal“ aufgetreten.

Sie machen nicht viel Aufhebens um sich oder ihr Leid, die Galtürer. So wird auch zum zehnten Jahrestag der Katastrophe „gar nix Besonderes“ (Treidl) stattfinden, lediglich ein Gottesdienst wird - wie an jedem Jahrestag der Katastrophe - gefeiert. Und sie werden sich erinnern, miteinander trauern und sich gegenseitig Unterstützung geben. Menschlichkeit, die wohl beste Medizin.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.02.2009

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