Essstörungen


Eher dramatisieren als bagatellisieren

 


Da die Chronifizierungsrate der Anorexia nervosa immerhin bei 20 Prozent liegt, raten Experten dazu, den Betroffenen gegenüber eher zu dramatisieren. Immerhin weist die Anorexia nervosa die höchste Mortalität aller psychischen Erkrankungen auf.

Von Caroline Fischer


Über eine gleichbleibende Zahl der Erkrankungshäufigkeit bei Anorexia nervosa und steigende Zahlen von Patientinnen mit Bulimia nervosa berichtet Univ. Prof. Andreas Karwautz von der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters am AKH Wien.


Dies ist zum Teil auch auf der vermehrte Wissen der Ärzte über diese beiden Krankheitsbilder zurückzuführen. Schätzungen zufolge ist nur ein Drittel der Bulimie-Betroffenen erkannt; der überwiegende Anteil ist nicht diagnostiziert, da die meisten Bulimie-Patientinnen normalgewichtig sind.



Persönlichkeitsmerkmale erleichtern Diagnose


Die Kenntnis von häufig auftretenden Persönlichkeitsmerkmalen essgestörter Patienten kann bei Verdacht auf die Krankheit sehr hilfreich sein. „Bei beiden Krankheitsbildern ist der Selbstwert  gering“, fasst Karwautz zusammen. Bei der Bulimia nervosa hängt der Selbstwert davon ab, wie viel man wiegt. „Außerdem ist die fehlende Selbstakzeptanz oft mit extremem Selbsthass und Selbstbeschädigung verbunden“.
Für die Anorexia nervosa wiederum ist der übermäßige Perfektionismus charakteristisch. „Das spielt sich auch in den Schulleistungen wider“, erklärt Univ. Prof. Wilfried Biebl von der Klinischen Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychosoziale Psychiatrie der Medizinischen Universität Innsbruck. „Durch die übersteigerte Angst, zu versagen oder nicht akzeptiert zu werden, kommt es kompensatorisch zum Perfektionismus“, erklärt Biebl. Die Neigung zu Zwangsverhalten, Angststörungen – besonders soziale Phobien, depressiven Störungen und Suchtverhalten sind weitere Merkmale, die bei beiden Formen der Essstörung vorliegen. Biebl weiter: „Im Verlauf der Erkrankung kommt es praktisch immer zu sozialer Isolation, da sich die Patienten auf ihre Erkrankung reduzieren. Alle Gedanken drehen sich ums Essen und die eigene Persönlichkeit tritt in den Hintergrund“. Störungen innerhalb der Familienstruktur sind bei den Betroffenen zwar immer wieder anzutreffen, wie Biebl betont, aber „die typische Magersuchtfamilie gibt es nicht.“ Karwautz ergänzt: „Man darf von der Krankheit nicht automatisch auf hochpathologische Familienstrukturen schließen.“ Oft seien die Familien „reaktiv pathologisch, da die Sorge um ihre Kinder die Eltern automatisch überprotektiv werden lässt“.  Die Folge: Die Eltern haben Probleme damit, ihre Kinder adäquat autonom werden zu lassen.


Karwautz nennt neueste Daten, wonach die genetische Komponente bei der Entstehung einer Essstörung rund 50 Prozent beträgt. Insgesamt handle es sich um eine „genetische Vulnerabilität“, die sich „in der Persönlichkeit, im Umgang mit Menschen, in Copingstrategien und in der Umwelten, die man sich aussucht, manifestiert“. Die von der Gesellschaft vorgegebenen Schönheitsideale, traumatische Ereignisse in der Kindheit wie etwa Misshandlung oder sexueller Missbrauch, aber auch Störungen des Serotoninhaushalts spielen eine zentrale Rolle.



Körperliche Hinweise


Aus der klinischen Untersuchung ergeben sich die weiteren Anzeichen, die auf eine Essstörung hindeuten: „Neben dem Ausbleiben der Menses findet man bei anorektischen Frauen oft Bradykardie und Hypotonie vor“. Außerdem leiden die Patienten an trockener Haut, Lanugo-Behaarung, Haarausfall sowie Kachexie und Akrozyanose an Händen und Füßen.


Bei der Bulimia nervosa gibt eine Elektrolytverschiebung im Blutbild Hinweise auf die Erkrankung. „Neben Hyponatriämie und  Hypochlorämie kann es zu einer lebensbedrohlichen Hypokaliämie mit Herzrhythmusstörungen kommen“, warnt Karwautz. Bei manchen Patientinnen kann es zu einer charakteristischen Schwellung der Ohr- und Kieferspeicheldrüsen kommen. Durch das häufige Erbrechen kommt es zu Schmelzdefekten an den Zähnen. Beiden Erkrankungen gemeinsam ist eine Neigung zu Ödemen durch das Absinken des Gesamt-Eiweiß. Bei Frauen mit Anorexia nervosa rät Biebl zu einer Densitometrie, da es hier – unabhängig vom Gewicht – in 90 Prozent der Fälle zu frühzeitiger Osteoporose kommt.



Motivation zur Therapie


Oft sind es Allgemeinmediziner und Gynäkologen, die eine Essstörung erkennen. Bestätigt sich der Verdacht, so besteht ihre Aufgabe darin, „die Frau zu einer Therapie zu motivieren“, sind sich Biebl und Karwautz einig. So sollten die Betroffenen wiederholt informiert und dazu animiert werden, sich mit der Krankheit auseinander zu setzen. Der Rat von Karwautz: „Eher dramatisieren als bagatellisieren“.


Immerhin liegt die Chronifizierungsrate der Anorexia nervosa bei 20 Prozent; sie weist die höchste Mortalität aller psychischen Erkrankungen auf. Ist die Patientin zu einer Therapie bereit, sollte sie laut Karwautz nur dann stationär aufgenommen werden, wenn „eine entsprechend massive Pathologie vorliegt, die ambulant nicht mehr behandelt werden kann“. Bei 70 Prozent aller Anorexia nervosa-Patienten ist im Verlauf der Erkrankung zumindest ein stationärer Aufenthalt erforderlich; bei der Bulimia nervosa sind es lediglich etwa fünf Prozent.


Ein stationärer Aufenthalt ist jedenfalls erforderlich bei Patienten mit schwerwiegenden somatischen Problemen, Komorbidität, Suizidalität oder mit einem schwierigen sozialen Umfeld. Bei der Behandlung selbst verspricht das Konzept der „mehrdimensionalen Therapie“ auf  körperlicher Ebene, Beziehungsebene und individueller Konfliktebene den meisten Erfolg, berichtet Biebl. Die Standardtherapie der Anorexia nervosa besteht aus kognitiver Verhaltenstherapie in Kleingruppen und zusätzlicher Einzeltherapie.


Bei der Bulimie wiederum gibt es seit kurzem die Option der sogenannten Internet-basierten Psychoedukation (Details unter www.karwautz.at). Voraussetzung ist eine ambulante Durchuntersuchung der Patientin. Studien in Frankreich, Spanien, der Schweiz und England zufolge liegt die Erfolgsquote der viermonatigen Therapie via Internet bei 30 bis 50 Prozent. „Das Programm ist jedoch keine Alternative zur Psychotherapie“, stellt Karwautz klar, „sondern lediglich ein guter Einstieg oder eine ergänzende Maßnahme.“


Häufig wird zusätzlich mit Antidepressiva behandelt. Biebl dazu: „Dies Medikamente sind zwar kausal für die Essstörung nicht von Bedeutung. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie sind jedoch sicher besser, wenn die Patientin nicht depressiv ist“.

 


Warnsignale für Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen

• Keine altersentsprechende Gewichtszunahme oder Größenwachstum;
• Gewichtsverlust, der durch weite Pullover kaschiert wird;
• Kochen für die ganze Familie, ohne mitzuessen oder weigern sich 
  grundsätzlich, mit der Familie zu essen;
• Essen viel Obst, aber keine fett- oder kohlenhydratreiche Kost;
• Essen sehr langsam und schneiden die Nahrung in winzige Stücke;
• Sind sehr aktiv, joggen entweder stundenlang oder gehen 
  mehrmals pro Woche ins Fitness-Center;
• Lernen übermäßig viel;
• Sind oft weinerlich, irritiert, ungeduldig und sorgenvoll;
• Gehen nicht mehr mit Freunden weg und nehmen nicht mehr an Familienaktivitäten teil;
• Aus dem Kühlschrank oder der Vorratskammer verschwinden
  große Mengen an Nahrungsmittel;
• Die Toilette ist mehrmals täglich besetzt, auch in der Nacht.

Aus: Karwautz, Gesundheitsbericht 1997

 

  

 

Mögliche Diffenenzialdiagnosen

• Chronisch-konsumierende Erkrank ungen (zum Beispiel Tumore, Tbc)
• Hormonelle Störungen (zum Beispiel Hyperthyreose,
  Hypophysenvorderlappeninsuffizienz, Diabetes mellitus)
• Psychiatrische Erkrankungen – Schizophrene Psychosen:
  Nahrungsverweigerung im Rahmen eines Wahns – Depression
mit
  Gewichtsabnahme wegen Appetitlosigkeit





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