Akupunktur


Den Fluss in Gang bringen

Zwar stellt die Akupunktur keinen Ersatz für die konventionelle Medizin dar. Sie kann jedoch bei gezielten Indikationen durch die Reizung bestimmter Punkte das Qi, die Lebensenergie, wieder zum Fluss bringen.

Von Irene Mlekusch

Vor allem die Akupunktur hat seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine rasche Verbreitung außerhalb des asiatischen Raumes erfahren. „Das Besondere an der Akupunktur ist die Gleichzeitigkeit einer symptomatischen und einer kausalen Behandlung“, sagt Marietta Coloini, Ärztin für Allgemeinmedizin in Wien. Zur Akupunktur (inklusive der Schröpf- und Moxa-Therapie), die neben der chinesischen Arzneimitteltherapie, der Diätetik, Qi Gong/Tai Ji Quan sowie der Tuina (chinesischen Heilmassage) einen wesentlichen Bestandteil im therapeutischen Konzept der chinesischen Medizin darstellt, kam die Ärztin 1999 im Rahmen ihrer TCM-Ausbildung.

Die Grundsätze der chinesischen Medizin leiten sich direkt aus der traditionellen daoistischen Philosophie ab, so Coloini. Alle Erscheinungen der Natur werden dort als Wechselspiel der kosmischen Kräfte verstanden. Somit stellt auch der menschliche Körper einen Mikrokosmos dar, in dem sich die großen kosmischen Zusammenhänge widerspiegeln. Durch genaue Beobachtung der Wechselbeziehungen zwischen Natur, Mensch und Kosmos entstand über Jahrtausende ein komplexes diagnostisches System. Dieses erlaubt uns heute, jegliche Veränderungen im Organismus in seiner Gesamtheit zu erfassen. „Die Zungen- und Pulsdiagnose nehmen dabei eine Schlüsselstellung ein“, so Colini. Der Allgemeinmediziner Thomas Gefaell – er arbeitet seit 1985 mit der universitären chinesischen Medizin in Strass in der Steiermark –
fügt dem noch das therapeutische Gespräch, das bereits die Syndrom- und Antlitzdiagnose inkludiert hinzu. Er gibt vor allem zu bedenken, dass ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten schon der erste Schritt in Richtung einer erfolgreichen Therapie ist. Diese Tatsache wiederum macht die TCM zu einer sehr zeitaufwendigen, aber auch zielführenden Form der Patientenbetreuung.


Zugang ohne NW

Prof. Gertrude Kubiena wendet seit 1972 Akupunktur an und organisiert seit 1999 die Postgraduate Lehrgänge für Chinesische Diagnostik und Arzneitherapie als Grundlage für das entsprechende Diplom der Österreichischen Ärztekammer. Sie ist sich im Klaren darüber, dass die entsprechenden chinesischen Diagnosen für einen Laien schwer zu verstehen sind. Denn ein und dieselbe Krankheit kann von verschiedenen TCM-Ärzten je nach dem Befinden des Patienten als andere Erkrankung eingestuft und ganz unterschiedlich behandelt werden. Kubiena macht im Gespräch mit der ÖÄZ darauf aufmerksam, dass für die erfolgreiche Ausübung der Akupunktur nicht nur eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Patienten, sondern auch mit der chinesischen Lebensphilosophie essentiell ist. „Die Akupunktur ist sicher kein Ersatz für die konventionelle Medizin“, so Kubiena, „aber bei einer guten Ausbildung des Arztes findet sich häufig ein nebenwirkungsfreier Zugang, vor allem dort wo die klassische Medizin ansteht.“ Die Spezialisten sind sich aber einig, dass ein primärer Einsatz der Akupunktur bei bestimmten Beschwerden äußerst sinnvoll ist. „Leider kommen die Patienten erst dann, wenn sonst nichts mehr hilft“, bedauert Kubiena, die auch den Beirats für traditionelle asiatische Methoden des Gesundheitsministeriums leitet.

Andere Erfahrungen mit der Herangehensweise der Patienten an die chinesische Medizin hat Gefaell gemacht. „Der Begriff des Qi ist vielen Personen bekannt und immer mehr haben schon Akupunktur-Erfahrungen gemacht“,  erklärt er mit Begeisterung. Die chinesische Medizin basiert auf der Untersuchung, Beobachtung und Beeinflussung des Qi. Vereinfacht gesagt ist das Qi die allumfassende, überall vorkommende Vitalenergie, die im Organismus in den so genannten Energieleitbahnen oder Meridianen fließt. Wesentlich ist es, das sich das Qi bewegt, so wie unser Leben es auch tun sollte. „Krankheitseinflüsse wie Kälte, Feuchtigkeit, Hitze oder Traumen unterbinden den Fluss des Qi“, beschreibt Gefaell das Prinzip der Akupunktur. „Durch die Reizung bestimmter Punkte in Form von Nadelstichen wird das Qi wieder zum Fließen gebracht“. Der Reiz, der vor allem in der Pädiatrie anstelle von Nadeln mittel Softlaser gesetzt wird setzt Heilungsmechanismen in Gang, regt die Durchblutung, den Stoffwechsel und das Immunsystem an und hat auch einen erheblichen Einfluss auf das Hormonsystem. In Studien konnte auch nachgewiesen werden, dass im Rahmen von Akupunktur-Behandlungen der Anstieg von bestimmten Neurotransmittern und Endorphinen festgestellt werden konnte. 

Dieser Zugang stellt eine akzeptable Erklärung für die Erfolge der Akupunktur in der Schmerztherapie dar. Coloini verzeichnet bei akuten Nackenschmerzen und Kreuzschmerzen schon durch eine einzige Nadelung eine wesentliche Verbesserung der Beschwerden bis hin zur völligen Schmerzfreiheit. Gefaell, der früher einmal Betreuer des Judo-Nationalteams war, sieht in der Behandlung von Beschwerden des Bewegungsapparates eine traditionelle Indikation für eine Akupunktur. „Der Schmerz ist ein Alarmsignal dafür, dass das Qi sich an der Schmerzstelle nicht mehr bewegt“, so Gefaell. Auch Coloini konnte immer wieder bei Beschwerden des Bewegungsapparates wie zum Beispiel Hals-Brust und Lendenwirbelsäulenproblemen die Befindlichkeit der Patienten erheblich verbessern.

Coloini setzt die Akupunktur aber auch bei Kopfschmerzen, Migräne, Gelenk- und Muskelschmerzen, Schlafstörungen und gynäkologischen Problemen gerne ein. Kubiena vervollständigt diese Aufzählung durch Indikationen wie Allergien, chronische Müdigkeit, Wetterfühligkeit, Schlafstörungen, Asthma, psychische Störungen, Hörsturz, Tinnitus und chronische Gastritis. „Im pädiatrischen Bereich werden vorwiegend Symptome wie kindlicher Kopfschmerz und Asthma, Lern- und Sprachstören, Nervosität und Allergien behandelt“. Durch einfache Programme, die über den Softlaser nur wenige gezielte Punkte reizen, wird bei Kindern im Kindergartenalter, die überdurchschnittlich oft an Infekten leiden, eine deutlich merkbare Stärkung des Immunsystems erzielt. Im Prinzip ist die Akupunktur überall dort angebracht, wo die Funktion eines Organs oder Körperteils gestört, aber nicht zerstört ist.


Kräutermedizin

„TCM ist mehr als nur Akupunktur“, weiß Kubiena und gibt zu bedenken, dass, wer eine TCM-Methode betreibt, auch über die weiteren Möglichkeiten zumindest Bescheid wissen sollte. „Um vor allem bei chronischen Leiden auf den gesamten Organismus einwirken zu können, sollte man sich dessen bewusst werden, dass die TCM eigentlich zu 80 Prozent eine Kräutermedizin ist“, schildert Gefaell, der sich seit seiner Jugend mit der alten Weisheit der chinesisch, daoistischen Medizin und Philosophie auseinandersetzt. Er sieht die Akupunktur eigentlich nur als Ergänzung zur Arzneimitteltherapie. Kubiena unterstreicht diesen Denkansatz und empfiehlt die kombinierte Anwendung von Arzneitherapie und Akupunktur, weil diese eine bessere Differenzierung ermöglicht und eine Bereicherung des therapeutischen Spektrums darstellt.

Ein Manko stellt nach wie vor die nur unzureichende wissenschaftliche Nachweisbarkeit der Wirkung dar, wie Kubiena bedauert. „In vielen wissenschaftlichen Arbeiten geht es nur darum zu hinterfragen, ob die Akupunktur überhaupt wirkt“. Darüber hinaus brächten klinische Studien über chinesische Medizin mit westlichen Methoden oft zweifelhafte Ergebnisse an vielen individuellen Parametern, welche berücksichtigt werden müssten, aber in einem modernen Studiendesign keinen Platz hätte. Auch seien Studien mit großen Fallzahlen Mangelware und es fehle die Lobby, solche Studien zu finanzieren. „Die TCM ist keine esoterische Geheimwissenschaft, sondern ein beinhartes System, welches durch spezifische Diagnostik zwingend zur korrekten Therapie leitet“, so Kubiena abschließend.


Anwendungen und Effekte


Punktspezifische Effekte  

 •   Stimulation eines Akupunkturpunktes mit der Nadel
 •   Teilweise nachgewiesen
 •   Aktivierung zentraler Neuronen

 Punktunspezifische Effekte

 •   Deszendierende Hemmung/DNIC/segmentale Aktivierung
 •   Endophrine, Neurotransmitter
 •   Aktivierung zentraler Neuronen v.a. im limbischen System

 Nadelunabhängige
 Akupunktureffekte

 •   TCM-Anamnese, Akupunktursetting
 •   Fokussierung auf Akupunkiturpunkte u. Nadelsensationen
 •   Glaubwürdigkeit

 Unspezifische
 Behandlungseffekte

 (Placebo)

 •   Arzt-Patienten-Beziehung 
 •   Suggestibilität

     Quelle: Grasmüller et al.; MMW

 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 6 / 25.03.2008

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