Myopie
Eine Meldung, die in den letzten Tagen durch die Medien gegangen ist, hat bei einigen Funktionären einzelner Kammern große Aufregung hervorgerufen: Ich war Zeuge dessen, was die Frau Bundesminister über die ärztliche Bereitschaft gesagt hat und möchte dies auch kommentieren.
Bei der Schlussdiskussion einer Veranstaltung in Salzburg, deren Thema im Wesentlichen die Bereitstellung von medizinischen Leistungen in Zeiten zunehmender Knappheit war, ist die Sprache auch auf Spitalsambulanzen, Praxen, Situation der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, der Fachärzte und der Allgemeinmediziner, gekommen. Frau Bundesminister Kdolsky hat in ihrer inzwischen schon bekannten schnoddrigen Wortwahl („ELGA wird kommen, auch wenn die Ärztekammer brüllt“ – kein weiterer Kommentar) hat sich also in ihrer bekannten Art für die Stärkung des niedergelassenen Bereichs und für die Verlagerung in diesen Bereich ausgesprochen – wahrscheinlich in Unkenntnis der real existierenden Lage. In den meisten Bundesländern sind ja Bereitschaftsdienste organisiert und in vielen Bundesländern ist es beinahe unmöglich, keinen Arzt, keine Ärztin für Allgemeinmedizin zu erreichen, wenn man nur in der Lage ist, eine Telefonnummer zu wählen, aber sei’s drum. (Im Übrigen muss man bei der nun laufenden Budgetdebatte, in der das Füllhorn für einzelne Bereiche ausgeschüttet wird, nachdenken ob die Frage der knappen Ressourcen im Gesundheitswesen in der bisher diskutierten Form aufrecht erhalten werden kann, wenn man gleichzeitig Milliardeninvestitionen für Datenverwaltung plant – aber das ist wieder etwas anderes).
Frau Bundesminister Kdolsky hat sich in diesem Zusammenhang auch dezidiert für neue Formen der ärztlichen Zusammenarbeit ausgesprochen, eine Forderung, welche die Österreichische Ärztekammer schon lange erhebt, die in der letzten Legislaturperiode aus politischen Gründen leider nicht verwirklicht wurde.
Natürlich stellt sich für uns alle, nicht nur für Politiker, die Frage, ob mit der Installierung von zum Beispiel Ärztegesellschaften neue Doppelstrukturen aufgebaut würden. Wenn dies der Fall wäre, würden wir wohl keinerlei politische Unterstützung finden. Selbstverständlich ist auch eine Dauerbereitschaft einzelner Ärztinnen oder Ärzte weder möglich noch gewünscht, von den sonstigen Implikationen einmal ganz abgesehen – ich meine hier die Bezahlung, womit sich die Gesundheitskatze wieder in den eigenen Schwanz beisst. Wir alle kennen das Spielchen: Viele haben gute Ideen, aber wenn es zum Zahlen kommt, ist die Begeisterung endenwollend, meist gar nicht vorhanden. Daran hat auch die Gesundheitsreform nichts geändert. Daher ist es aus Sicht der Politik nur logisch, über die Finanzierung aus einer Hand nachzudenken. Ich hoffe nur, dass die damit verbundenen tiefgreifenden strukturellen Veränderungen ebenfalls ins Kalkül gezogen werden. Dass damit möglicherweise ein Weg zum staatlichen Gesundheitsdienst vorgezeichnet wird, ist mehr als eine paranoide Idee, wie manche Politiker meinen.
Ich denke, so sollte Gesundheitspolitik nicht betrieben werden: Daher habe ich auch auf der erwähnten Veranstaltung zum wiederholten Male darauf hingewiesen, dass es dringend notwendig erscheint, eine mehrjährig gültige Vereinbarung zwischen dem Ministerium, dem Hauptverband und der Österreichischen Ärztekammer anzudenken und abzuschließen, in der wirklich einmal die Ziele und die Finanzströme festgeschrieben werden. Anders gesagt: Was will man denn wirklich? Wohin soll denn die Reise gehen und wofür ist man bereit, Ideen, Zeit und Geld zu investieren? Reden ist Eines und konsequent verwirklichen ist das Andere. Dass zwischen Recht haben und Recht bekommen ein Unterschied ist, wissen gerade wir Ärztinnen und Ärzte leider nur zu genau. Aber vielleicht ist auch in der Gesundheitspolitik der Aktionismus einer Spaßgesellschaft wichtiger, wer weiß? Bunte Hunde fallen zwar auf, aber sie erjagen auch nichts und die Bernhardsche Jagdgesellschaft lauert überall.
Ihr
Dr. Reiner Brettenthaler
Präsident der Österreichischen Ärztekammer
P.S. Kommentare, Kritik und Anregung sind immer erwünscht unter: r.brettno@sonicht.telecom.at
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 7 / 10.04.2007





