ÖÄZ 8 - 25.04.2008Ärztinnentag in Wien

10. Ärztinnentag in Wien


Rezepte für die Zukunft



Zum Jubiläum schenkten sich die Initiatorinnen des Wiener Ärztinnentages vor allem eines: reichlich Arbeit. Ihre Ziele sind gerechte Honorare, ärztlich geführte Versorgungszentren und eine Art „Wohlfahrtsfonds neu“.
Von Bettina Benesch

Arbeiten an einem Samstagvormittag im April ist nicht jederfraus Sache, zumal an diesem speziellen Samstagvormittag die Sonne schien wie selten in den vergangenen Wochen. Etwa 25 Ärztinnen kamen am 5. April dennoch – nicht so viele wie in den Jahren davor, als Veranstalterin Melitta Bohn-Rieder an die 70 Ärztinnen zählte, aber: Die, die gekommen waren, brachten recht konkrete Vorschläge ein für neue Strukturen der ärztlichen Tätigkeit.


Reformen im AKH


Damit frau nicht im eigenen Saft schmort, war Andrea Fleischmann mit von der Partie, eine Juristin, die üblicherweise auf der anderen Seite sitzt: In der Wiener Gebietskrankenkasse ist sie für Vertragspartnerverrechnung und Verhandlung mitzuständig. Beim Ärztinnentag zu Gast ist Fleischmann nicht das erste Mal – und nicht das erste Mal sitzt sie an einem Tisch mit den Ärztinnen, die ihre Sicht der Dinge darlegen: Mühseliges Abrechnen, schlechte Honorierung von Patientengesprächen und Visiten, wenig Möglichkeiten für Kooperation und Austausch mit Kollegen etc. In die Workshops des Ärztinnentages flossen Sichtweisen wie diese ein – gemeinsam mit Vorschlägen, wie das künftige Zusammenleben von Ärztinnen und Kasse aussehen könnte (siehe unten). Diese Vorschläge übrigens könnten auch den Kollegen schmecken.
Am Köcheln sind auch die Reformen an der Meduni Wien: Christine Marosi, Betriebsrätin und Leiterin der Klinischen Abteilung für Onkologie, sprach über die AKH-Reformen. Demnach sollen in den nächsten Jahren unter anderem Standing Operating Procedures formuliert werden (SOP = „Kochrezepte“ © Marosi, z.B. für Dia­gnose und Therapie), die Bautätigkeit werde vermutlich nie enden, da Neuerungen in der Medizin abgebildet werden müssten, und möglicherweise gebe es „vielleicht einmal ein funktionierendes Computersystem“ im AKH. Ein Kollektivvertrag für die Ärztinnenausbildung sei ausverhandelt und „müsste eigentlich nur von der Politik unterzeichnet werden“, so Marosi.


Was die Wr. Ärztinnen fordern

Erweiterte Kassenstrukturen:

  • Einheitliche Honorarsysteme in ganz Österreich auf leistungsgerechtem Niveau.
  • Weiblich dominierte Berufssparten dürfen finanziell nicht schlechter gestellt sein als männlich dominierte.
  • Bessere Honorierung entsprechend dem Zeitaufwand.
  • Statt Spitalsaufenthalt „Care Mangement“ zu Hause, wo möglich: Erweiterte Hausarztbetreuung – bei Geriatrie und Wundmanagement – durch spezialisierte Allgemeinmedizinerinnen.


Neue Formen der Zusammenarbeit:

  • Ärztlich geführte Großpraxen einer Fachrichtung mit ausschließlich ärztlichen Seniorpartnern und Juniorpartnern mit flexiblen Arbeitszeitmodellen. Reglementiert sein soll aber die Bezahlung, um junge Kollegen nicht auszunützen.
  • Intensivere Kooperation zwischen Wahl-, Kassen- und Spitalsärzten: Gegenseitiges Vertreten für je zwei Dienste pro Monat.


Neue Leistungen des Wohlfahrtsfonds:

  • Alleinerzieherinnen berücksichtigen – z. B. durch geringere Beiträge.
  • Witwenpension überarbeiten oder abschaffen.
  • Informationsfluss verbessern, was das Geschehen im Wohlfahrtsfonds angeht.
  • Informationsveranstaltungen gemeinsam mit der Vereinigung Österreichischer Ärztinnen zum Thema „mein Geld“: Wie viel zahle ich wofür? Wie anlegen? etc.


Reform der Lehrpraxis:

Die Lehrpraxis könnte nach Abschluss der Reform verpflichtend 18 Monate dauern. Daher brauche es:

  • einheitliche Rahmenbedingungen für Ausbildende u. Auszubildende,
  • eine Antwort auf die Frage „Wer zahlt, wenn die Reform kommt?“
  • und auf die Frage, ab welcher Wahlarztordinationsgröße die Ausbildung gestattet werden soll.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2008

by indesign und landwirt.com