ÖÄZ 8 - 25.04.2008Ärztliche Kraftfahrvereinigung - Radfahrer

ÄKVÖ-Symposium


Radfahren: nicht ohne Helm!


Bei einem Symposium der Ärztlichen Kraftfahrvereinigung standen kürzlich die Radfahrer im Mittelpunkt.

Von Fritz Pesata


Radfahrer ist gesund  - und oft tödlich: im Vorjahr kamen 37 Radfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben, 5.775 wurden verletzt. Steigerung gegenüber 2006: acht Prozent. Die Radfahrsaison hat begonnen – mit steigenden Unfallzahlen und Verletzungen ist zu rechnen. Eine der Möglichkeiten, die Schwere von Stürzen – und solche sind es zumeist – zu mindern, ist das Tragen von Sturzhelmen. Darüber hinaus sei vor allem, so ÄKVÖ-Generalsekretär Alfred Staffen, Toleranz zwischen allen Verkehrsteilnehmern oberste Priorität. Darüber war man sich bei einem Symposium, welches die Ärztliche Kraftfahrvereinigung Österreichs (ÄKVÖ) und der ÖAMTC Anfang April in Wien abhielten, einig.

„Immer diese  Radfahrer“, so hieß nicht nur ein Film aus den späten 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem legendärem Komiker Heinz Erhardt. „Immer diese Radfahrer“, das ist auch ein viel gehörter gequälter Aufschrei von Fußgängern und Autofahrern über die Meister auf zwei Rädern. Oft auch „Meister“ unter Anführungszeichen, wenn man sich die Zahlen anschaut, die aus den Unfallchirurgien des Lorenz Böhler-Krankenhauses in Wien wie auch aus Graz stammen. Beispielsweise werden in der Altergruppe der bis zu 14-Jährigen an der Kinder- und Jugendchirurgie pro Jahr 560 Unfälle mit Zwei- und auch Dreirädern medizinisch versorgt. Durchschnittlich jede vierte Verletzung ist schwer; fast ein Viertel aller Verletzungen sind Frakturen; zu durchschnittlich 30 Prozent ist der Kopf betroffen. Dennoch hat sich die Radhelm-Tragehäufigkeit bei Unfallkindern an der Grazer Klinik auf 25 Prozent beinahe halbiert. Univ. Prof. Harald Hertz vom Lorenz Böhler-Unfallkrankenhaus, der auch ÖAMTC-Vizepräsident ist, sieht Radfahrer aller Altersgruppen als seine Patienten. Dementsprechend handelt es sich auch um andere Verletzungsmuster. Vor allem bei Kollisionen, die bei Kindern nicht so häufig auftreten, entstehen oft schwerste und nicht selten lebensbedrohliche  Verletzungen. An Extremitätenverletzungen sind besonders Frakturen und Weichteilläsionen an Schultern und Schlüsselbein zu beobachten. Aus Stürzen über die Lenkstange resultieren oftmals stumpfe Thorax- und Abdominaltraumen. Hertz: „Viele Radfahrer sind sich der zahlreichen Verletzungsrisken nicht ausreichend bewusst“. Deshalb bedürfe es intensiver Aufklärung und auch der bestmöglichen  Schutzkleidung und sicherheitstechnische Ausrüstung.

Herwig Scholz, ärztlicher Leiter des Krankenhauses Waiern, ortet Hinweise darauf, dass möglicherweise die Zunahme des Fahrradverkehrs – so positiv sie insgesamt ist -  spezifische Aggressionen zwischen nahezu allen Verkehrsteilnehmern und den Radfahrern entstehen lässt. „Nahezu unvermeidlich“, so Scholz, seien solche Aggressionen in Überholsituationen, bei der Verringerung des Abstands zwischen Autos und Radfahrern im fließenden Verkehr, Missverständnisse beim Rechtsabbiegen, speziell, wenn dabei ein Radweg überquert wird. Aber es gibt auch Konflikte zwischen Radfahrern, etwa gegenseitiges Blockieren auf engen Radwegen. Und zunehmend wird von Konflikten zwischen Radfahrern mit Fußgängern berichtet; oft durch unklare Kennzeichnung von Rad- und Fußwegen gefördert.

Zum Schmunzeln, aber auch zum Erkennen eigener Fehler regte beim Symposium ÖAMTC-Jurist Martin Stichlberger an, der einige der größten Rechtsirrtümer rund ums Radfahren aufzeigte. Etwa, dass Radfahrer gegen jede Einbahn fahren dürfen. Dass Fahrradboten von der Geltung der STVO ausgenommen sind (!) und Radwege stets in beiden Richtungen befahrbar sind. Oder, dass man mit dem Rad ohne Gefahr für den Führerschein nach einem Heurigenbesuch nach Hause fahren kann Auf diesen Umstand machte auch ÄKVÖ-Chef und Ärztekammer-Präsident Walter Dorner aufmerksam: Nach Angaben der Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie ist fast jeder dritte verunglückte Radfahrer (30 Prozent) zum Unfallzeitpunkt auch alkoholisiert. Die durchschnittlichen Alkohol-Blutwerte belaufen sich dabei auf beachtliche 1,7 Prozent.

Einen ganz anderen Zugang hatte hingegen  der bekannte Sportmediziner Prof. Hans Holdhaus, der im Radfahren „eine Tätigkeit sieht, die die Lebensqualität nachhaltig verbessern hilft“. Radfahren verbessere Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht, Reaktion und biete Erlebnis, Entspannung, Herausforderung – „und das alles in der freien Natur“.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2008

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