Gesundheitssystem in Schweden
Europäische Gesundheitssysteme
Schweden bietet seinen Leuten eine überdurchschnittlich gute Gesundheitsversorgung – allerdings nur für jene, die das Glück haben, einen Arzttermin zu ergattern.
Von Sigrun Saunderson
Das schwedische Gesundheitswesen – staatlich gelenkt und aus Steuern finanziert – könnte im internationalen Vergleich ausgesprochen gut abschneiden: gute allgemeine Gesundheit der Bevölkerung, hohe Lebenserwartung, überdurchschnittlich gute Behandlungserfolge bei nur durchschnittlichen Gesundheitsausgaben. Schweden hat das Potenzial zum gesundheitspolitischen Musterschüler. Gäbe es da nicht die elendslangen Wartezeiten.
In einer Umfrage im Jahr 2006 gaben 74 Prozent der Bevölkerung an, sie hätten ausreichenden Zugang zur Gesundheitsversorgung. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung war sich da also nicht so sicher. Und das obwohl die Schweden sonst ein sehr hohes Vertrauen in die Dienstleistungen des Staates haben. Eine Studie aus dem Jahr 2005* belegt, dass schwedische Patienten zwischen sieben und 21 Monate auf eine Hüftgelenksoperation warten. Gemessen wurde die Zeit zwischen der Überweisung ins Spital bis zur tatsächlichen Operation. Allein zwischen Überweisung und erster Untersuchung im Spital vergingen dabei durchschnittlich fünf Monate.
Doch nicht nur eine Wahloperation ist schwer zu kriegen. Schon der Erstkontakt zum Arzt ist nicht so einfach herzustellen: In manchen Gegenden konnten laut einer Studie des staatlichen Gesundheitsausschusses vier von zehn Patienten ihr örtliches Gesundheitszentrum nicht einmal telefonisch erreichen. Zwischen 1987 und 1997 unternahm das Gesundheitsministerium vier Anläufe, die Wartezeiten zu verkürzen. Ohne Erfolg. Seit 2005 läuft ein erneuter Versuch, die so genannte „Behandlungsgarantie“ mit der neuen Regel „0–7–90–90“: Zumindest der Kontakt mit einem Gesundheitsdienstleister muss sofort möglich sein, ein Termin beim Hausarzt innerhalb von sieben Tagen. Ein eventuell notwendiger Termin beim Facharzt muss daraufhin innerhalb von 90 Tagen ermöglicht werden und dann wiederum dürfen höchstens 90 Tage zwischen Diagnose und Behandlung vergehen.
Anfang dieses Jahres verlautbarte Gesundheitsminister Göran Hägglund allerdings, dass die 26 Millionen Euro für dieses Programm offensichtlich verschwendet waren. 45 Prozent aller Patienten hätten weiterhin längere Wartezeiten als in der Garantie vorgegeben.
Schuld daran sind offiziell die 21 Landesverwaltungen, bei denen der Großteil der Verantwortung für Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens liegt. Seit der großen Dezentralisierung in den 90er Jahren legt die staatliche Gesundheitsbehörde nämlich nur noch allgemeine Ziele und Strategien fest. Nun will der Gesundheitsminister die Länder endgültig gesetzlich dazu verpflichten, seine Vorgaben für die Wartezeiten einzuhalten.
> Schweden in Zahlen (61kB pdf)
Ärzte, Patienten und Sparmaßnahmen
Die einzelnen Ärzte sind im schwedischen Gesundheitssystem vor allem ausführende Organe. Sie arbeiten vorwiegend als Angestellte der Landesverwaltungen in Spitälern und Gesundheitszentren. Die gesamte Gesundheitsversorgung baut dabei seit jeher auf den Spitälern auf. Diese kostspielige Spitalsversorgung wird als Hauptgrund dafür gesehen, dass auch das schwedische Gesundheitssystem unter zunehmendem Geldmangel leidet.
Das Gesundheitsministerium versucht daher seit der großen Reform in den 90er Jahren, einen großen Teil der Patientenbetreuung aus den teuren Spitälern in die Gesundheitszentren zu verlagern – ein langwieriger Prozess: Auch heute noch arbeiten 60 Prozent der Ärzte in Spitälern.
Im Rahmen der allgemeinen Sparmaßnahmen werden Gesundheitsdienste, vor allem Spitäler, zunehmend über die Bezirks- und Ländergrenzen hinweg zusammengelegt. Dies soll Effizienz steigern und Verwaltungskosten sparen. Auch die Patienten werden dazu angeregt, ihr Gesundheitssystem nicht übermäßig zu beanspruchen: Je nach Wohnort zahlt ein Patient pro Arztbesuch rund 15 Euro Selbstbehalt, beim Spezialisten rund 27 Euro. Der jährliche Selbstbehalt ist allerdings gedeckelt. Wer also öfter im Jahr zum Arzt muss, oder eine teure Operation nötig hat, muss nicht gleich sein Auto dafür verkaufen.
Und tatsächlich gehen die Schweden außergewöhnlich selten zum Arzt. Denn während sich die meisten Europäer zwischen fünf und sieben Mal jährlich ärztlichen Rat holen, kommt ein Schwede auf gerade einmal 2,6 Arztbesuche im Jahr. Liegt das nun an den langen Wartezeiten und dem Selbstbehalt, oder leben die Schweden einfach nur gesünder? „Eine Kombination aus beidem“, meint Martin Karlsson, Pressesprecher des schwedischen Gesundheitsministeriums. „Wenn Patienten einen Selbstbehalt für jeden Arztbesuch zahlen müssen, gehen sie nur dann zum Arzt, wenn sie ihn wirklich brauchen. Aber wir Schweden leben auch gesünder, rauchen wenig und trinken wenig Alkohol.“
* Löfvendahl Sofia, Eckerl Ingemar u.a.: Waiting for orthopaedic surgery: factors associated with waiting times and patients` opinion. Veröffentlicht in: International Journal for Quality in Health Care, April 2005.
Schwedische Gesundheitszentren ineffizient
Bürokratie, lange Wartezeiten, Ärztemangel und zu starke Konzentration auf die Spitalsversorgung. Das schwedische Gesundheitssystem aus der Sicht von Björn Nilsson, Vizepräsident des schwedischen Hausärzteverbands.
ÖÄZ: Wird das schwedische Gesundheitssystem in Ihrem Land grundsätzlich als ein gut funktionierendes System eingeschätzt?
Nilsson: Das System funktioniert, die Qualität der Versorgung ist sehr gut. Aber es gibt sehr viel Kritik wegen der langen Wartezeiten sowohl in der Primärversorgung als auch im Spitalssektor. Wir haben zusätzlich ein Ungleichgewicht zwischen Krankenhausversorgung und Primärversorgung, das das System ineffizient macht.
Wie kommt das?
Das Problem stammt aus der Vergangenheit Schwedens. Unser System basierte immer auf der Spitalsversorgung. Es ist schwer, da herauszukommen. Die Lokalpolitiker sind oft in den Händen der Spitalsärzte – ich nenne sie die „starken Männer mit den großen Maschinen“. Gegen sie zu argumentieren ist schwer, obwohl die Politiker eigentlich wissen, dass sie das Gesundheitssystem auf einer starken Basis von Hausärzten aufbauen müssten.
Die Gesundheitspolitik weiß also, dass das System geändert werden müsste?
Schon seit über 20 Jahren sagen sie, dass sie mehr auf die Hausärzte aufbauen wollen. Aber bisher hatten sie keinen Erfolg.
Wo stehen die Hausärzte derzeit innerhalb des Gesundheitssystems?
Die medizinische Primärversorgung liegt in den Händen der einzelnen Landesverwaltungen, die im Normalfall auch die Praxen führen. Und da diese hierarchisch strukturiert sind mit vielen Entscheidungsebenen, ist das nicht sehr produktiv. Unser Hauptproblem ist aber, dass die Verwaltung das System der Primärversorgung zu oft umorganisiert. Alle drei bis vier Jahre bekommen wir neue Verträge. Derzeit wird zum Beispiel ein neues Modell eingeführt, in dem unabhängige Gruppenpraxen eigene Verträge mit den Ländern abschließen können. Wir wissen aber nicht, ob das nach den nächsten Wahlen in zwei Jahren nicht wieder geändert wird.
Wie sind die Hausarztpraxen organisiert?
Die Praxen sind generell zu groß und haben viele Mitarbeiter. Die Krankenschwestern übernehmen einen großen Teil der Arbeit. Das liegt natürlich auch daran, dass es generell zu wenige Ärzte gibt. Der Patient lässt sich bei der einen Krankenschwester auf Diabetes oder Asthma untersuchen und von der anderen den Blutdruck messen und so weiter. Das ist keine effiziente Versorgung. Der Patient sollte zu einem Generalisten gehen, der alle Probleme gleichzeitig lösen kann. Das ist aber in zu großen Organisationen nicht möglich.
Warum gibt es dann nicht mehr kleine Hausarztpraxen?
Wir werden von oben angewiesen, wie wir die Gesundheitszentren organisieren müssen. Als unabhängige Vertragspartner mit Einzelpraxen hätten wir mehr Möglichkeiten effizienter zu arbeiten.
Sie sagen, in Schweden gibt es zu wenige Ärzte?
Es herrscht großer Ärztemangel in der Primärversorgung, in der Psychiatrie und der Geriatrie. Allein in der Primärversorgung fehlen uns rund 2.000 Hausärzte. Wenn das System nicht bald auf ein Fundament aus Hausarztpraxen gestellt wird, wird es irgendwann durch die immer mehr spezialisierte und dadurch teure Gesundheitsversorgung zusammenbrechen.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2008




