Handy-Syndrom bei Kindern
Macht das Handy Kinder süchtig?
Das Handy hat unser Leben verändert und droht, eine Gefahr für die Kinder zu werden. Schenkt man internationalen Medienberichten Glauben, orten Fachleute in aller Welt unter Schülern und Studenten eindeutige Symptome von Handysucht.
Von Monika Berthold
Laut einer aktuellen Studie können sich beispielsweise japanische Schüler ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen. Nippons Mädchen hängen im Schnitt 124 Minuten am Tag am Handy, Burschen 92 Minuten. Eine Umfrage ergab, dass fast jeder zweite 14-Jährige 20 E-Mails pro Tag versendet. Das Drücken an den Handy-Tasten ist manchen Jugendlichen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie ihre Daumen sogar während des Essens oder Fernsehens bewegen. Noch bedenklicher als der manipulative Gewöhnungseffekt ist der psychische. Auf die Frage, was in ihrem Leben am wichtigsten sei, antworteten viele japanische Schüler „mein Handy“.
Das „Handy-Syndrom“
Die italienische Gesellschaft zur Behandlung von Zwangsverhalten hat das „Handy-Syndrom“ als neue Störung eingestuft und der Shopping-Manie oder Spielsucht gleichgesetzt. Betroffene leiden unter einer zwanghaften Abhängigkeit von diesem kleinen Gerät. Die italienischen Psychologen schlagen vor allem wegen der großen Verbreitung der Mobiltelefone unter Kindern Alarm. Ab dem 14. Lebensjahr haben alle italienischen Teenager ein Handy. An einer US-amerikanischen Universität wiederum wurden 102 Studierende gebeten, zu Testzwecken zwei Tage lang auf ihr Handy zu verzichten. 82 ließen sich auf das Experiment ein, aber nur zwölf hielten bis zum Ende durch. Für die anderen war es schier unmöglich, auch nur 48 Stunden auf ihr Mobiltelefon zu verzichten.
In Schulen ein Problem
Wie sehr dieser technische Winzling die noch leicht zu beeinflussenden Kinder in der Hand hat, davon wissen auch Österreichs Lehrer ein Lied zu singen. Die Handynutzung nahm in etlichen Schulen so überhand, dass für manchen Lehrer das Unterrichten unmöglich wurde. Wie Peter Stoiber, Direktor der Hauptschule im burgenländischen Rust in einem Gespräch mit der ÖÄZ berichtet, gab es auch an seiner Lehranstalt bis vor einem Jahr Schwierigkeiten mit der Handymanie. „So konnte es nicht weitergehen, da musste etwas geschehen.“ Gemeinsam mit den Eltern beschloss man eine Schulordnung, die das Telefonieren mit dem Handy in der Schule verbot – das Gerät darf nicht nur auf lautlos gestellt, es muss ausgeschaltet sein. Wer dagegen verstößt, dem wird das Handy weggenommen. Eine Maßnahme, die jetzt nach einem Jahr von den Schülern akzeptiert, vor allem aber von den Eltern gut geheißen wird. Stoiber: „Bisher hatten wir von Schülern, die das Verbot übertraten, etwa 15 Handys im Sekretariat liegen, die von den Eltern abgeholt werden mussten.“ Es zeigte sich, dass die Mütter und Väter mit diesen Konsequenzen nicht nur übereinstimmten. „Weil Kinder oft 400 bis 500 Euro im Monat vertelefonieren, waren sie sogar glücklich darüber und holten die Mobiltelefone erst nach einigen Tagen wieder ab“, berichtet Stoiber aus dem schulischen Alltag.
Es geht, wie der Schulleiter erklärt, nicht nur um die Störung im Unterricht, sondern auch um anderen Unfug. Zum Beispiel fotografiert ein Schüler die anderen beim Umziehen für die Turnstunde und stellt dann die kompromittierenden Bilder ins Internet. Dass das Handy tatsächlich bereits eine bedenkliche Macht über junge Menschen haben kann, zeigt das Erlebnis des Schuldirektors mit einer Schülerin, die während der Stunde auf die Toilette ging, um heimlich zu telefonieren und erwischt wurde. Als ihr das Handy weggenommen wurde, kniete sie nieder und flehte den Direktor an, es ihr wieder zu geben, weil sie abhängig davon sei. Sie müsse eine Freundin anrufen und selbst auch erreichbar sein ...
Die Frage, ob das Handy unsere Kinder süchtig machen kann, scheint berechtigt zu sein. Wie Univ. Prof. Michael Lehofer von der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz betont, hat das Mobiltelefon tatsächlich einen imponierenden Verlockungsfaktor. „Es gibt zwar keine Handysucht, aber eine Abhängigkeit nach externer Kommunikation.“ Das lässt sich, wie der Psychiater erläutert, leicht erklären, wenn man Abhängigkeit definiert: „Abhängig macht etwas, mit dem man einen Konflikt sofort lösen kann.“ Der junge Mensch hat ein Kommunikationsmittel in der Hand, mit dem er soziale Probleme im Freundeskreis per Knopfdruck zu bewältigen versucht, das Eingebundensein im Informationsfluss überprüfen kann, Einsamkeit lindern will. Lehofer: „Aber diese Abhängigkeit bedeutet nichts Anderes, als dass gewisse Herausforderungen nicht kompensiert werden können. Die Abhängigkeit, gleichgültig ob von Alkohol oder bestimmten Verhaltensformen, ist eine Art Schonhaltung. Man versucht, sein Ich vor der schmerzhaften Konfrontation mit der Wirklichkeit und der oft mühsamen Lösung von Schwierigkeiten zu schützen.“ Ein Verhalten, das negative Auswirkungen hat. Damit nimmt man seiner Psyche die Chance, Unangenehmes zu verarbeiten, negative Erlebnisse erst einmal setzen zu lassen, die Sache zu überdenken, trotz Zorn ruhig zu sein, das Erlebte einzuordnen und eigenständig richtig zu bewerten. Nur so ist der Mensch in der Lage, Bewältigungsstrategien zu entwickeln und aus einer Problemsituation gestärkt hervorzugehen, persönlich zu wachsen.
Sehnsucht nach Beziehung
Das Verlangen nach sicherer Beziehung und Bindung scheint die stärkste Triebfeder für den Abusus der neuen elektronischen Medien zu sein, zu denen ja nicht nur das Handy, sondern auch das Internet zählt. Man hat festgestellt, dass in kommunikationsarmen Familien den neuen Medien besondere Bedeutung zukommt. Laut der erwähnten japanischen Studie verschicken 60 Prozent der Schüler, die zu Hause unglücklich sind, 20 oder mehr E-Mails pro Tag. Bei den zufriedenen Jugendlichen sind es nur 35 Prozent. Lehofer: „Eine Familie, in der man sich einander gegenseitig zuwendet, in der geredet wird, ist der Boden, auf dem die Liebe wächst. Wenn diese fehlt, greift so mancher junge Mensch zum Suchtmittel. Die neue Entwicklung in Zusammenhang mit den Medien lehrt uns etwas Wichtiges, nämlich wie sehr der Mensch den anderen braucht.“
Isolation statt Begegnung
Der Psychiater erwartet im Zusammenhang mit der weltweiten kommunikativen Vernetzung das genaue Gegenteil dessen, was man erreichen will. „Die Welt wird nicht weiter, sondern enger.“ Sein persönliches Erlebnis dazu: „Ich musste im Winter nach Tromsö, hoch oben im Norden Norwegens. Schneestürme haben meine Mitreisenden und mich immer wieder zu ungeplant langen Wartezeiten an den Unsteigeflughäfen gezwungen. Es waren also stets die gleichen Reisenden, denen ich in den Wartebereichen begegnet bin und die sich normalerweise bei so langen unfreiwilligen Pausen zusammenfinden, unterhalten und befreunden. Nichts von alledem. Jeder hing an seinem Handy, telefonierte mit seinen Verwandten und blieb isoliert im engsten vertrauten Bekanntenkreis. Das Aufeinander-Zugehen, das Offensein für andere Menschen die Erweiterung der eigenen Welt war nicht möglich.“
Die sozialkommunikative Verarmung beklagt auch die japanische Studie: „Was auf der Strecke bleibt, ist der Kontakt von Angesicht zu Angesicht.“ Studienleiter Tetsuro Saito stellte fest, die Schüler fühlten sich sicherer, wenn sie es nicht mit einem Gegenüber aus Fleisch und Blut zu tun hätten. „Es gibt Leute,“ so die 18-jährige Tomomi, „mit denen ich nicht spreche, selbst wenn ich sie in der Schule sehe. Wir tauschen nur E-Mails aus. Ich schätze, uns verbindet nur ein Apparat.“
Wurzel für Aggressivität
Von einer völlig anderen Auswirkung der technologischen Kommunikationsmanie spricht Lehofer, wenn er den Stress nennt. Und der wirkt sich vor allem bei Kindern fatal aus. Internet surfen, Fernsehen, Handy bedienen bewirkt eine ständige Überflutung mit Reizen. Das Gehirn kommt nicht mehr zur Ruhe. Resultat: Es lässt sich im Kopf nichts mehr integrieren, die schulischen Leistungen werden immer schlechter, die Aufgaben nicht mehr bewältigbar. Lehofer: „Man muss einmal einen jungen Menschen beobachten, der den ganzen Tag mit solchen Eindrücken zugeschüttet wird. Er kommt nach Hause und schaltet zuerst einmal laute Musik ein, eine völlig erklärbare Reaktion: Er versucht, sein unruhiges Gehirn damit zu beruhigen, indem er der inneren Unruhe die äußere gegenüberstellt, um die Unruhe nicht wahrnehmen zu müssen.“ Das Resultat des ständigen Stresses ist eingeschränkte Kreativität nicht nur im Bildungsprozess, auch in sozialen Belangen. Man kann keine Konflikte mehr lösen, ist überfordert, hat Angst und schließlich ein Burnout-Syndrom, sogar bei Kindern. Der Psychiater sieht in dieser Entwicklung auch die Wurzel für die überhand nehmende Aggressivität.
Übrigens: Weltweit gibt es zwei Milliarden Handynutzer. Österreich gehört zu den Ländern, in denen es mehr aktivierte SIM-Karten als Einwohner gibt.
Tipps für Ärzte
Univ. Prof. Michael Lehofer gibt Tipps für niedergelassene Ärzte, speziell für Hausärzte, die in zunehmendem Maße mit der Handymanie konfrontiert sind. Das sollte man den oft verzweifelten Eltern raten:
- Innerhalb der Familie sollten handyfreie Zeiten eingeführt werden, um aus dem Teufelskreis des ständigen Telefonierens auszubrechen. Das sollte auch für die Erwachsenen gelten. Beispiel geben ist immer noch das Top-Erziehungsmittel.
- Wenn Eltern bei ihren Kindern Abhängigkeit von externer Kommunikation beobachten, dann muss die interne Kommunikation verstärkt werden. Miteinander reden wirkt oft Wunder.
- Kindern müssen Grenzen gesetzt werden. Nur so kann die Selbstkompetenz, mit Grenzen konstruktiv umzugehen, gestärkt werden.
- Wenn man erkennt, dass ein junger Mensch nicht im Stande ist, mit einem modernen Medium konstruktiv umzugehen, ist man verpflichtet, die Verantwortlichkeit extern zur Verfügung zu stellen. Zum Beispiel ein Machtwort sprechen, Handy wegnehmen oder nur noch das Telefonieren mit Wertkarten (limitierter Monatsverbrauch) erlauben.
- Fest bleiben und nicht weich werden bei den Argumenten der Sprösslinge, dass die Freunde ja auch telefonieren. Weil etwas alle machen, ist es noch lange kein Naturgesetz.
- Das Wichtigste: konsequent bleiben. Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen werden durch Inkonsequenz chronisch.
- Wenn sich Eltern hilflos fühlen, ist das noch lange kein Schicksal und Grund zur Resignation. Man kann sich professionelle Hilfe, Rat und Unterstützung holen.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2008




