ÖÄZ 8 - 25.04.2008Masernepidemie

Masernepidemie


Impfen! Impfen! Impfen!



Ausgehend von einer Salzburger Waldorfschule sind bisher mehr als 180 Personen an Masern erkrankt. Da es die kostenlose Impfung erst seit 1998 gibt, sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene nicht geimpft.
Von Sabine Fisch

Die Zahl der tödlichen Masernerkrankungen ist weitweit seit 1999 drastisch zurückgegangen: Starben 1999 noch 873.000 Kinder an Masern, waren es 2003 (das sind die aktuellsten Zahlen) noch 530.000, meldet die Weltgesundheitsorganisation. Bis 2010 will die WHO die Masern in Europa ausgerottet sehen. Der amerikanische Kontinent ist, bedingt durch eine konsequente Durchimpfungsstrategie, bereits seit 2000 masernfrei. Dazu notwendig ist allerdings eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent. „In Österreich haben wir für die erste Impfung derzeit rund 90 Prozent Durchimpfungsrate“, berichtet die Univ. Prof. Heidemarie Holzmann vom Institut für Virologie der Medizinischen Universität Wien. „Bei der Wiederholungsimpfung liegt diese Rate nur zwischen 60 und 80 Prozent. Hier besteht eindeutig Verbesserungsbedarf.“


Mehrere Ursachen

Die Ursachen für den Ausbruch der aktuellen Masernepidemie in Salzburg ortet Holzmann zum einen in einer Einschleppung des Masernvirus aus der Schweiz: „Dort sind die Masern derzeit hochaktiv“. Die Waldorfschule, in der die Masernepidemie ausgebrochen ist, beherbergte in den Osterferien 2008 eine Musikkapelle aus der Schweiz; e­xakt zwei Wochen danach wurden die ersten Fälle von erkrankten Waldorfschülern aus dieser Einrichtung bekannt: „Letztlich geklärt ist dieser Zusammenhang aber noch nicht“, wie Holzmann weiter ausführt. Eine zweite Ursache ist darin zu suchen, dass die Kinder in der Waldorfschule zum größten Teil nicht gegen Masern geimpft sind. „Der erste Erkrankungsgipfel betraf diese nicht geimpften Kinder“, so die Expertin. Der zweite Gipfel wurde erreicht, als die nicht-geimpften Kontaktpersonen der Kinder an Masern erkrankten (siehe auch Chronologie einer Epidemie). Für den Impfreferenten der ÖÄK, Wilhelm Sedlak, liegt eine der Ursachen für die von der Waldorf-Schule ausgehende Masernepidemie wörtlich in einer „missionarischen Blindheit und medial aufgeschaukelter Skepsis der Eltern dieser Schüler gegenüber dem Thema Impfungen.“


Für Kinder gratis

Seit 1998 ist die Dreifachkombinationsimpfung Masern-Mumps-Röteln für Kinder bis zu 15 Jahren gratis. Geimpft werden muss zweimal im Abstand von etwa vier Wochen, weil rund fünf Prozent der Geimpften nach der ersten Impfung keinen ausreichenden Schutz entwickeln. Die Immunität nach der zweiten Impfung hält lebenslang an. Für ältere nicht geimpfte Personen stellt die Österreichische Apothekerkammer den Impfstoff derzeit zu einem ermäßigten Preis von 24 Euro (Normalpreis 29,90 Euro) zur Verfügung. Auch die Hausärzte impfen verbilligt: Eine Impfung kostet derzeit zwölf Euro. Kontaktpersonen von Masern-Erkrankten wird die Impfung dringend empfohlen. In einem solchen Fall ist die Impfung gratis. Diese sogenannten „Abriegelungsimpfungen“ sollen dazu beitragen, die Masern-Epidemie nicht weiter zu tragen. Denn Masern ist eine hochinfektiöse Erkrankung, die mit schwersten Folgeschäden einhergehen kann. Heidemarie Holzmann: „Wenn in einem Raum mit 100 Personen eine mit Masern infiziert ist, werden 99 Prozent an Masern erkranken.“ Geimpft werden sollte innerhalb von 72 Stunden nach einer Exposition. „Allerdings ist die Wirksamkeit der Impfung auch nach Ablauf dieser Frist noch gegeben, ohne nachteilige Wirkungen befürchten zu müssen“, wie Impfreferent Sedlak angibt. „In Einzel- und Ausnahmefällen ist auch eine Impfung von Kindern ab dem vollendeten achten Lebensmonat möglich.“

Den niedergelassenen Hausärzten empfiehlt Sedlak dringend, die Impfpässe der Patienten zu überprüfen. „Sollte dies nicht möglich sein, und der Patient keine Kenntnis über seinen Impfstatus haben, kann mit einem Bluttest der Antikörperstatus der Person festgestellt werden.“ Liegt kein Impfschutz vor, sollte die Impfung dringend empfohlen werden. Die kostenlose Impfung für Kinder bis zu 15 Jahren besteht erst seit 1998. „Die Gruppe jener, die noch nicht geimpft sind, betrifft vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Die müssen jetzt dringend nachgeimpft werden“, so Holzmann.


Schwere Komplikationen

Dem oft gehörten Einwurf, Masern sei eine „harmlose“ Kinderkrankheit erteilen sowohl Holzmann als auch Sed­lak eine klare Absage: „Die Komplikationsrate liegt bei 20 Prozent“, berichtet der Impfreferent im Gespräch mit der ÖÄZ. Masern verursachen eine etwa sechswöchige Immunschwäche; es kann zu Otitis media, Pneumonien und der gefürchteten Masern-Enzephalitis kommen. Und in sieben bis elf von 100.000 Fällen entwickelt sich sechs bis acht Jahre nach der Erkrankung eine subakute sklerosierende Panencephalitis. „Diese Kinder können wir nicht behandeln. Die Erkrankung ist ein sicheres Todesurteil“, betont Sedlak.

Impfgegnern, die behaupten, Impfungen seien nur ein Geschäft für Ärzte und Pharmaindustrie, hält Sed­lak mit aller Entschiedenheit entgegen: „Dieser Vorwurf ist falsch. Wir fordern die Impfung nicht wegen des Umsatzes, den die Pharmaindustrie damit macht, sondern allein aus ethischer Verantwortung.“ Masern sei eine sehr schwere Erkrankung. Besonders Erwachsene, die erkranken, hätten oft mit schweren Komplikationen zu kämpfen. „Eigentlich ist es ethisch nicht vertretbar, das Menschen, vor allem auch Ärzte, von einer Impfung abraten“, sagt Sedlak.

Und für die nahende EURO 2008 rät Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky allen ungeimpften Personen, rechtzeitig für einen ausreichenden Impfschutz zu sorgen. Mit einem massiven Masernausbruch abseits der Ereignisse rund um die Waldorfschule in Salzburg rechnet Holzmann aufgrund der relativ hohen Durchimpfungsrate allerdings nicht.


„Schularzt“ überprüft

Die Waldorfschule in Salzburg ist seit 6. April wieder geöffnet. Allerdings dürfen nur jene Schüler und Lehrer, die eine Masernimmunität nachweisen können, die Schule besuchen. Für alle anderen gilt: Bitte warten! bis der Impfstatus geklärt ist. Der „Schularzt“ der Waldorfschule, der in Bayern als Arzt niedergelassene Stefan Görnitz, war bisher in Österreich nicht in die Ärzteliste der Ärztekammer eingetragen: „Wir haben Kollegen Görnitz dazu aufgefordert, diese Eintragung nachzuholen, weil er sonst in Österreich als Arzt nicht tätig sein kann“, berichtet der Jurist der Ärztekammer Salzburg, Johannes Barth. „Die Unterlagen liegen uns derzeit teilweise vor. Der Anmeldevorgang kann aber erst abgeschlossen werden, wenn die Unterlagen komplett sind.“ Was noch fehlt, ist der Vertrag mit der Waldorfschule, an der Görnitz als „Schularzt“ tätig ist. „Anscheinend liegt zwischen der Schule und Dr. Görnitz kein schriftlicher Vertrag vor“, so Barth. Der Sachverhalt wurde an die Landessanitätsdirektion weitergeleitet; die Staatsanwaltschaft Salzburg hat inzwischen Vorerhebungen wegen der möglichen fahrlässigen Epidemieverbreitung eingeleitet.

Siehe dazu auch > Masernausbruch 2008


Chronologie der Epidemie


Osterferien 2008: Eine Schweizer Musikkapelle logiert einige Tage in der Salzburger Waldorfschule.

In der Schweiz kursiert zu dieser Zeit ein aggressiver Masernvirus.

Erste Masernfälle von Schülern aus der Waldorfschule werden gemeldet.
Der Großteil der Schüler an dieser Schule ist nicht gegen Masern geimpft ist.
Die Eltern der Schüler lehnen eine Abriegelungsimpfung zum größten Teil ab.
Sechs Patienten müssen mit einer schweren Form von Masern ins LKH Salzburg eingeliefert werden.

Zehn Tage später:  Bereits 120 Masernfälle aus der Waldorfschule in Salzburg. Die Schule wird geschlossen.

13 weitere Schulen in Salzburg melden Masernfälle.

April/Woche 1: Erste Erkrankungen in Oberösterreich, Tirol und Niederösterreich.

Der Masernstatus aller Schüler und Lehrer sowie des sonstigen Personals an allen Salzburger Schulen wird überprüft.
Ebenso wird der Impfstatus an den Kindergärten und Horten der Stadt Salzburg erhoben.

2. April:
150 Masernfälle in Salzburg und Oberösterreich sind gemeldet. Alle Fälle stehen in Zusammenhang mit den Masern-Erkrankungen aus der Salzburger Waldorfschule.

3. April: 176 Masernfälle in Salzburg, vier Masernfälle in Oberösterreich.
Die Staatsanwaltschaft Salzburg ermittelt gegen Unbekannt wegen „fahrlässiger Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten“.

4. April: Vier der sechs stationär behandelten Masern-Patienten konnten aus dem LKH-Salzburg entlassen werden.

9. April: Drei Masernfälle an der Salzburger Universität werden gemeldet.

10. April:
In Wien werden alle nicht-geschützten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krankenanstaltenverbundes gratis gegen Masern geimpft.

Auch die Schulkinder der ersten Klasse werden gratis mit einer Masernimpfung versorgt.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2008

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