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ArchivÖÄZ 1/2 - 25.01.2004

Hypoxie


Dünne Luft als Medizin

 


Die Hypoxie als Therapie führt zur Leistungssteigerung bei Koronarpatienten, bei Personen mit metabolischem Syndrom; aber auch beim Höhentraining und zur Leistungssteigerung von Extremsportlern kommt sie zum Einsatz. Experten informierten darüber bei einer internationalen Konferenz zum Thema “Hypoxia in Medicine” in Innsbruck.
Von Gerta Niebauer


In Höhenlagen über 2.000 Metern sinkt die körperliche Leistung zunehmend ab. Kopfschmerz, Übelkeit, Erbrechen und Erschöpfung sind typische Symptome der Höhenkrankheit. Spätestens bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexico City, in der Extremhöhe von 2265 Metern, zeigte sich der Unterschied von höhentrainierten und höhenuntrainierten Sportlern. Vor allem russische Trainer hatten die Athleten an Leistungen in sauerstoffarmer Luft angepasst. Sie konnten mit dem “Stress der dünnen Luft” besser umgehen und waren erstaunlich erfolgreich.


Grundprinzip Stressbewältigung


Die Erklärung dafür liefern jetzt umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die von einem internationalen, interdisziplinären Expertenteam in Innsbruck präsentiert wurden. Das Training in sauerstoffarmer Luft und damit die Bewältigung eines “unspezifischen Stress” sieht Univ. Prof. Martin Burtscher, Institut für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck, als Grundprinzip der hypoxischen Therapien.


Dieses antrainierte Stressmanagement könne der Organismus in verschiedensten Situationen nützen und erkläre die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten: bei rezidivierenden Infekten, Immunschwäche, chronischen Atemwegserkrankungen, Asthma bronchiale, Keuchhusten, Rehabilitation nach chronischen Krankheiten, als komplementäre Therapie bei Krebserkrankungen und Alterungsprozessen; Höhentauglichkeit, Training für Extremsportler, aber auch für Bergwanderer und Skifahrer.  Was sich fast wie der Werbekatalog eines Supermarktes liest, wurde im Rahmen der Innsbrucker Konferenz durch umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Die normale Luft besteht zu 21 Prozent aus Sauerstoff, der Rest ist Stickstoff. Dieses Verhältnis bleibt in allen Höhenlagen gleich, nur sind eben 21 Prozent eines geringeren Gesamtvolumen, je nach Höhe, weniger und das bekommen Höhenuntrainierte bereits ab etwa 1.700 Meter zu spüren. Aber auf diesen unspezifischen Stress, nämlich den Sauerstoffmangel, kann sich der Körper einstellen und davon sogar profitieren. Für das Training genügt eine moderate Sauerstoffreduktion von etwa zehn bis 15 Prozent, die entweder in Höhen um 1.800 Meter, in einer Klimakammer wie im Innsbrucker Institut oder mit einer Atemmaske erzielt werden kann. Grundsätzlich haben alle Untersuchungen gezeigt, dass ein wesentlicher Erfolg der hypoxischen Behandlung in der Anregung der Bildung von roten Blutkörperchen liegt. Dadurch wird eine Reihe von Effekten erzielt, sei es präventiv, bei der komplementären Behandlung von Krankheiten, bei der Rehabilitation, bei Anti-Aging Strategien und bei der Leistungssteigerung. Hypoxische Methoden stimulieren die Erythropoese, sie wirken cardioprotektiv, lipolytisch und anti-inflammatorisch.


Leistungssteigerung trotz koronarer Erkrankungen


Eine Studie, die an der Innsbrucker Univ. Klinik für Kardiologie unter Leitung von Univ. Prof. Otmar Pachinger durchgeführt wurde, zeigt, dass auch älteren Menschen zwischen 50 und 70 Jahren, unabhängig davon, ob eine koronare Erkrankung vorliegt, von einem hypoxischen Training profitieren. In zwei Gruppen, mit sauerstoffreduzierender Maske oder in normaler Luft, wurden die Teilnehmer drei Wochen hindurch in 15 Sitzungen zu zwei bis drei Minuten am Fahrrad, 1 Watt/kg, kontrolliert. Systolischer Blutdruck und Konzentration der Blutlaktate sanken, die bessere Sauerstoffaufnahme (+ 6,2 Prozent) nach Hypoxie wurde, im Vergleich zur anderen Gruppe, von einer besseren arteriellen Sauerstoffversorgung begleitet. Sowohl bei gesunden Personen als auch bei jenen mit einer Koronarerkrankung verbesserten sich aerobe Kapazität und Leistungsfähigkeit.


Höhenwandern hilft bei metabolischem Syndrom


24 Touristen mit metabolischem Syndrom - Hypertonie, Diabetes, erhöhter Cholesterinspiegel, Übergewicht - wurden von Univ. Prof. Wolfgang Schober von der Universitätsklink für Anästhesie in Innsbruck für drei Wochen nach Obertauern geschickt, in 1.700 Meter Höhe. Dort absolvierten sie ein dosiertes Trainingsprogramm in Form von vier geführten Wanderungen, die zwischen eineinhalb und dreieinhalb Stunden pro Woche dauerten. Die Blutwerte wurden regelmäßig kontrolliert: Hämoglobin und Hämatokrit stiegen signifikant an. Die höhere Sauerstoff-Sättigung halten die Experten für den ausschlaggebenden Faktor, dass sich die Teilnehmer mit metabolischem Syndrom der Höhe ebenso gut anpassen konnten wie eine Vergleichsgruppe gesunder Teilnehmer und ihre Leistungen steigern konnten.


Besserung bei Atemwegserkrankungen


Wie die Lebensqualität von Kindern mit Asthma durch eine hypoxische Behandlung wesentlich verbessert werden kann, zeigen Studien des Clinical Research Laboratory of Hypoxian Medical Academy in Moskau. 128 Kinder zwischen sechs und sechzehn Jahren mit Asthma wurden in drei Gruppen - eine mit vollständiger Hypoxia-Therapie, unvollständiger oder Placebo-Behandlung - eingeteilt. Die Gruppe mit der konsequenten 14-Session-Therapie zeigte noch nach drei bis vier Jahren eine um 97 Prozent längere Remission, einen geringeren Medikamentenverbrauch, weniger virale Infekte und eine weitaus bessere Lebensqualität.


Höhentraining – sportliche Leistungssteigerung


Naheliegend für die Innsbrucker Sportwissenschafter ist natürlich das Höhentraining, Leistungssteigerung und damit auch mehr Sicherheit für extreme Alpinisten, aber auch für Bergwanderer und Skiurlauber. Spezielle Einrichtungen dafür bietet die Klimakammer am sportwissenschaftlichen Institut, in der am Laufband und am Fahrrad trainiert werden kann. Sportler, die für eine extreme Bergtour fit sein wollen, halten sich durchschnittlich fünfmal in der Woche eine Stunde in der Klimakammer auf, um sich entsprechend vorzubereiten. Untrainiert oder mit kardiovaskulären Beschwerden in die Berge zu gehen, kann gefährlich werden, warnen die Sportmediziner.


Dieser Appell geht vor allem an die Skifahrer. Jährlich kommen etwa 100 Millionen Urlauber in die Bergwelt, etwa 60 Prozent der Skitouristen sind über 30 Jahre. In einer Umfrage im Raum von Innsbruck haben die Ärzte fest gestellt, dass etwa zehn Prozent der über 40jährigen bereits Herz-Kreislaufattacken erlitten hatten. Während des Alpinskifahrens besteht für diese Gruppe ein erhöhtes Risiko für neuerliche akute Beschwerden.


Das erste Institut für Klimatherapie - Hypoxia Medical Center - wurde bereits 1955 in Wien gegründet. Verschiedene Komponenten des Höhenklimas werden künstlich hergestellt. Die Behandlungen wurden noch unter Univ. Prof. Karl Fellinger vom Obersten Sanitätsrat als Heilmethoden anerkannt. Über eine ärztliche Zuweisung kann der Patient diese Leistungen in Anspruch nehmen und mit den Krankenkassen verrechnen. Speziell bei Atemwegserkrankungen und bei Infektionsanfälligkeit werden gute Erfolge erzielt. 

 


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 1-2 / 25.1.2004