Logo Aerzteverlagszeitung
ArchivÖÄZ 8 - 25.04.2004

Schäden durch Oraltabak


Originalarbeit


Oraltabak zeigt kaum eine positive Wirkung in der Rauchertherapie und dient vielmehr als Einstiegsdroge zum Rauchen, so die Ansicht von Experten. Sie plädieren für den Einsatz von Nikotinersatzpräparaten bei der Raucherentwöhnung. Von Manfred Neuberger et al*


Oraltabak oder "rauchfreier Tabak" ist ein Produkt der Tabakindustrie, das eine rasche Resorption von Nikotin über die Mundschleimhaut ermöglicht und den Vorteil hat, dass dadurch nicht nur die eigene Lunge, sondern auch die der Mitmenschen geschont wird. Vom lufthygienischen Standpunkt könnte diese Form des Tabakkonsums uneingeschränkt empfohlen werden, weil dabei die Gesundheitsschäden durch Passivrauchen entfallen. Aber Ärzten dürfen auch Krankheiten nicht gleichgültig sein, die der Konsument von Oraltabak selbst riskiert. Deshalb treffen Versuche der schwedischen Tabakindustrie, europaweite Geschäfte mit "Snus" zu machen, auf breite Ablehnung. Auch schwedische Ärzte nannten "Snus" bei der letzten Weltkonferenz "ein Trojanisches Pferd". Die Begründung dafür ist in einer großen Zahl wissenschaftlicher Arbeiten dokumentiert; siehe dazu auch www.aerzteinitiative.at (Link Oraltabak unter FAQ`s).


Im Gegensatz zu den in Apotheken erhältlichen Nikotinersatzpräparaten enthält Oraltabak Karzinogene. Schon 1985 veröffentlichte die IARC "There is sufficient evidence that the use of oral snuff`s of the types commonly used in North American and Western Europe is carcinogenic to humans". Neuere Reviews kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Zwei schwedische Studien fanden erhöhte Raten von Mundhöhlenkrebs nicht bei laufendem, sondern bei früherem Konsum von Snus, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass die Verwendung von Snus beim Auftreten von Präkanzerosen eingestellt wurde.


Tatsächlich fiel in Schweden das Auftreten von Tumoren genau an den Stellen auf, an denen Snus verwendet wurde. Eine Unterschätzung dieser Folge-Erkrankung in Statistiken, die den gesamten Mundhöhlen- oder gar Kopf-/Halsbereich zusammenfassen, ist daher anzunehmen. Andererseits besteht mangels größerer Kohortenstudien mit Langzeitbeobachtung noch Unklarheit über Fernwirkungen von Oraltabak, die nach Resorption der Karzinogene möglich erscheinen. In Tierversuchen fanden sich jedenfalls nach systemischer Applikation der in Oraltabak enthaltenen Nitrosamine multiple Neoplasmen verschiedener Lokalisation.


Die bekannten Nikotinwirkungen auf Herz und Gefäße sind zwar unmittelbar nach Zigarettenrauchen stärker, aber die Wirkung von Oraltabak auf Blutdruck und Herzfrequenz hält langer an. Sowohl Raucher als auch Konsumenten von Oraltabak erkranken häufiger an der Weißfingerkrankheit, wenn sie in Berufen mit gefäßschädigenden Vibrationen tätig sind. Im fünften Lebensjahrzehnt entwickelten Konsumenten von Oraltabak eine Hypertonie, während vergleichbare schwedische Raucher  normoton  blieben. Im Vergleich zu tabakfreien Personen wurden Konsumenten von Oraltabak häufiger mit der Diagnose einer Hypertension, einer kardiovaskulären beziehungsweise muskuloskelettalen Erkrankung frühpensioniert (Tab. 1) und sie starben häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Tab. 2).


> Tab. 1 und Tab. 2 (pdf)


Konsumenten von Oraltabak haben beträchtlich höhere Plasmaspiegel von Nikotin, als durch Nikotinpflaster oder Nikotinkaugummi erreicht wird. Vor allem aber handelt es sich bei Oraltabak um jahrelangen bis lebenslangen Nikotinkonsum, während die Nikotintherapie zur Raucherentwöhnung lege artis nur für begrenzte Zeit verschrieben wird.



Einstiegsdroge


Der schwerwiegendste Vorwurf von Präventivmedizinern gegen Oraltabak ist die Bahnung der Nikotinsucht vor Rauchbeginn. Eine Repräsentativstudie in den USA an männlichen Kindern und Jugendlichen im Alter von elf bis 19 Jahren zeigte, dass 23,9 Prozent der Konsumenten von Oraltabak innerhalb von vier Jahren zu Rauchern wurden. Im Vergleich zu Kontrollpersonen war das 3,45mal häufiger (Vertrauensintervall 1,84 bis 6,47). Dagegen blieben mehr als 80 Prozent der jungen Raucher bei der Zigarette und nur 2,4 Prozent wechselten zu Oraltabak.


Somit hatte Oraltabak kaum eine positive Wirkung in der Rauchertherapie und dient vielmehr als Einstiegsdroge zum Rauchen. Nach allen bis heuer vorliegenden Studien erleichtert Oraltabak den Rauchbeginn ohne auf der anderen Seite überzeugende Vorteile bei der Raucherentwöhnung zu bringen.



Nikotinkonsumenten in Schweden


Ursache der niedrigen Bronchuskarzinominzidenz in Schweden ist die niedrige Raucherrate, die einerseits mit der erfolgreichen Rauchtabakkontrolle und andererseits mit der alternativen Verwendung von Oraltabak assoziiert wurde. Im benachbarten Finnland, wo weniger Frauen rauchen, war ein stärkerer Lungenkrebsrückgang zu beobachten, der nicht mit Oraltabak sondern ausschließlich mit Rauchtabakkontrolle (Tabakgesetze, Aufklärung, Maßnahmen gegen die Verführung von Kindern, saubere Entwöhnungshilfen, etc.) in Zusammenhang gebracht werden kann. Auch die Entwicklungen von Raucherprävalenzen und Lungenkrebsraten in Großbritannien, Kanada oder Kalifornien zeigen, dass der "schwedische Erfolg" ohne Oraltabak erzielbar ist.


Dagegen könnte Schweden die Folgen der Marketing-Kampagne für Snus noch bevorstehen, weil die resultierende Zunahme jugendlicher Konsumenten erst seit den 90er-Jahren beobachtet wird. Besonders problematisch erscheint die Produktion kleinerer Portionen von Snus, die mit verschiedenen Geschmacksstoffen versetzt werden, um Kindern und Frauen den Einstieg schmackhafter zu machen.


Die schwedische Tabakindustrie versucht auch gar nicht, Snus als Entwöhnungshilfe sondern als alternatives, unschädlicheres Tabakprodukt auf dem Europäischen Markt zu positionieren. Andere Tabakindustrien tolerieren diese Strategie, weil ihnen jede Liberalisierung des Tabakmarktes entgegen kommt und sie von den Umsteigern profitieren werden. Denn ihr Wachstum beruht auf einer steigenden Zahl nikotinsüchtiger Personen, insbesondere Kinder. Deshalb sollten auch Wirkungen des Nikotins nicht verharmlost und seine Einnahme nur als Medikament empfohlen werden.



Schlussfolgerung


Ärzte sollten sich für Handelsbeschränkungen für Rauchtabak engagieren, mit dem Ziel eines vollkommen regulierten Marktes für alle Tabakprodukte. Eine rezeptfreie Abgabe eines Suchtgiftes mit Karzinogenen ist unverantwortlich. "Saubere" Nikotinpräparate sollten gezielt und zeitlich begrenzt eingesetzt werden.



Literatur bei den Verfassern
*) Univ. Prof. Dr. Manfred Neuberger, Ordinarius für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien; Prim. Dr. Kurt Aigner, Krankenhaus des Elisabethinen Linz/Abteilung für Pneumologie; Univ. Prof. Dr. Peter Dittrich, Universität Graz/Institut für Pharmakologie und Toxikologie; Univ. Prof. Dr. Manfred Götz, Wilhelminenspital der Stadt Wien/Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde; Univ. Prof. Dr. Gerald Maurer, Ordinarius für Kardiologie der medizinischen Universität Wien; Univ. Prof. Dr. Johannes Mlczoch, Krankenhaus Lainz der Stadt Wien/4. Medizinische Abteilung mit Kardiologie, Dr. Gerd Oberfeld, Landessanitätsdirektion Salzburg/Umweltmedizin; Univ. Prof. Dr. Rolf Schulte-Hermann, Ordinarius für Toxikologie der Medizinischen Universität Wien


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8/ 25.04.2004