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ArchivÖÄZ 23/24 - 15.12.2005

Mobilfunksendeanlagen


Gesundheitsrisiko Mobilfunk

 


Unter diesem Motto stand die 13. Jahresfortbildungstagung Umweltmedizin der ÖÄK Anfang November 2005 in St. Pölten, bei der auch eine Ärzte-Resolution "Mobilfunk und Gesundheit" verabschiedet wurde.
Von Agnes Mühlgassner


Für den Referenten für Umweltmedizin in der Österreichischen Ärztekammer, Gerd Oberfeld, "steht in der Zusammenschau aller verfügbaren Informationen schon jetzt zweifelsfrei fest, dass gewisse, im Alltag regelmäßig auftretende Mobilfunk-Expositionen zu den verschiedensten gesundheitlichen Störungen und Schäden führen können."
Vier epidemiologische Studien zum Zusammenhang zwischen Mobilfunk-Exposition und verschiedenen Symptomen liegen vor: aus Frankreich, Österreich und Spanien. Wenn auch die methodischen Zugänge unterschiedlich war, zeigen die Ergebnisse jedoch ein "plausibles und stimmiges Expositions-Wirkungsbild bei GSM-Expositionen im Schlafbereich." Das Beschwerdebild von Anwohnern von Mobilfunk-Basisstationen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen und Depressionen. Diese Beschwerden traten bei anfälligen Personen dann auf, wenn sie sich längere Zeit in der Nähe eines schlecht abgeschirmten Senders aufgehalten hatten.

Oberfeld wies des Weiteren auch darauf hin, dass epidemiologische Studien ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen im Zusammenhang mit hochfrequenter Strahlung gezeigt hätten. Aktuell dazu wurde eine Studie aus der bayrischen Stadt Naila präsentiert. Im Nahbereich einer GMS-Mobilfunkanlage (0 bis 400 Meter) konnte gegenüber dem Fernbereich (über 400 Meter) nach fünf Jahren Exposition eine signifikante Zunahme der Malignom-Inzidenz um das Dreifache sowie ein um 8,5Jahre jüngeres Erkrankungsalter gezeigt werden.

Wieso es mitunter scheinbar widersprüchliche Forschungsergebnisse bei epidemiologischen Studien gibt, begründete Univ. Prof. Michael Kundi vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien folgendermaßen: "Bei den so genannten negativen Studien, die also keinen Zusammenhang zwischen der Einwirkung hochfrequenter Strahlung und etwa einem erhöhten Krebsrisiko zeigten, waren es unter anderem zu kurze Beobachtungszeiten, die zu diesem Ergebnis führten." Hingegen zeigten Studien mit ausreichender Fallzahl und bei Nutzungszeiten des Mobiltelefons von etwa fünf bis zehn Jahren und länger  ein signifikant erhöhtes Risiko für verschieden Tumoren im Kopfbereich. Laut Kundi reicht die gegenwärtige Befundlage aus, Vorsorgemaßnahmen zu rechtfertigen.

 

  Quellen hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung

  • Sender wie Rundfunk, Fernsehen, Mobilfunk-Basisstationen
    (Handymasten) für GSM, UMTS etc.
  • Mobiltelefone
  • Schnurlostelefone (CT1, DECT/GAP)
  • Bündelfunk (TETRA, Tetrapol)
  • Datenfunk
  • Bluetooth
  • Funknetzwerke (WLAN)
  • Radaranlagen
  • Richtfunk
  • Mikrowellenherde
  • Funkbabyphone und -kameras
  • Funktastatur und -bestellsysteme
  • Hochgetaktete Computer


In der nordburgenländischen Gemeinde Müllendorf wiederum ist der dortige Gemeindearzt Reinhold Jandrisovits schon seit dem Jahr 2000 gehäuft mit Beschwerden der Bewohner konfrontiert im Zusammenhang mit einer Mobilfunkstation stehen. Die Betroffenen leiden unter Schlafstörungen, Ohrgeräuschen, Ruhelosigkeit, Erschöpfungszuständen, Blutdruckproblemen, Kopfschmerzen, Hörsturz etc. Bei der Auswertungen der Patientenkartei für die Diagnosen Schlafstörungen, Ohrgeräusche/Tinnitus, Hörverlust/Hörsturz und Krebserkrankungen konnte Jandrisovits einen signifikanten Anstieg in den letzten Jahren feststellen.



Eigenschaften hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung


Im Gegensatz zu den niederfrequenten Feldern sind hier das elektrische und das magnetische Feld miteinander gekoppelt: Das elektrische Feld bedingt das magnetische und umgekehrt. Hochfrequente elektromagnetische Wellen pflanzen sich drahtlos im Raum fort.



Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung


Auf die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts gehen Untersuchungen über die gesundheitlichen Auswirkungen von elektromagnetischen Wellen zurück. Damals standen bei den Untersuchungen im hohen Dosisbereich mit der Frage der übermäßigen Erwärmung des Körpers beziehungsweise von Katarakt-Bildungen, beispielsweise bei radarexponierten Personen. 1959 wurde in "Nature" eine neue physikalische Methode zur Erzeugung von Chromosomenschäden vorgestellt; die Autoren verwendeten gepulste Kurzwellen mit einer Frequenz von 27 MHz.
In einer Zusammenstellung von Arbeiten zur Wirkung von elektromagnetischen Wellen wurde die Evidenz für folgende Bereiche dargestellt:

  • Effekte auf das genetische Material (DNA), chromosomale Schäden und Mikrokern-Bildung;
  • Effekte auf die Ornithindecarboxylase, Gentranskription und -induktion
  • Stressreaktion (Hitzeschockproteine)
  • Effekte auf zellulärer Ebene (Kalzium-Ionen)
  • Zelluläre Effekte am Immunsystem
  • Blut-Hirn-Schranke
  • Blutdruck
  • Geschlechtsorgane
  • Krebs
  • Subjektive Symptome bei Benutzern von Mobiltelefonen
  • Neurologische Effekte
  • Störungen bei Neurotransmittern
  • Augenschädigungen
  • Verhaltensänderungen
  • Lernfähigkeit und Gedächtnis
  • Kognitive Funktionen und Schlaf



Ärzteresolution: Mobilfunkanwendungen und Gesundheit*

  • Epidemiologische und experimentelle Untersuchungen an Menschen, lebenden Organismen und Zellkulturen zeigen, dass elektromagnetische Felder, wie sie u.a. bei der Nutzung von Mobiltelefonen und im Umfeld um Mobilfunkbasisstationen auftreten, Wirkungen haben, von denen einige die Gesundheit beeinträchtigen können. Ähnliche Wirkungen sind auch bei der Nutzung von Schnurlostelefonen und WLAN zu erwarten.

  • Die bisher in Österreich zum Schutz der Gesundheit gegenüber elektromagnetischen Feldern (EMF) getroffenen Maßnahmen sind aus ärztlicher Sicht nicht ausreichend. Daher werden nachfolgend Empfehlungen und Maßnahmen vorgeschlagen. 

  • Es wird empfohlen, bei elektromagnetischen Quellen wie z.B. Mobilfunknetzen das Minimierungs- und Vorsorgeprinzip anzuwenden.

  • Es wird empfohlen, Mobil- und Schnurlostelefone nur für wichtige und dringende Gespräche und nur kurz zu nutzen.

  • Es wird empfohlen, Schnurlostelefone durch Schnurtelefone zu ersetzen.

  • Es wird empfohlen, Breitbandanwendungen kabelgebunden zu realisieren.

  • Es wird empfohlen, die ärztliche Anamnese im Hinblick auf EMF zu erweitern und bei Verdachtsmomenten messtechnisch abzuklären.

  • Es wird angeregt, Standards zur Abklärung von möglichen Zusammenhängen zwischen EMF-Exposition und Gesundheit zu erarbeiten.

  • Es wird angeregt, Medizinstudenten und Ärzte verstärkt im Bereich der Erkennung und Prävention EMF-bezogener Krankheitsbilder aus- und fortzubilden.

  • Es wird empfohlen, ein Gesetz zum Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung (EMF) unter Berücksichtigung des Vorsorgeprinzips, des Schutzes bei Langzeitexpositionen und des Schutzes besonders empfindlicher Gruppen zu erarbeiten und zu verabschieden.

  • Es wird empfohlen, ein unabhängiges nationales Beratungsgremium zu EMF bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einzurichten.

  • Es wird empfohlen, Melde- und Beratungsstellen zu EMF-bezogenen Beschwerden bei den Landesbehörden einzurichten.

  • Es wird empfohlen, ein nationales EMF-Forschungsprogramm mit folgenden Schwerpunkten einzurichten:
     - Inzidenz- und Interventionsstudien
     - Abklärung von örtlichen und zeitlichen Krankheitshäufungen

  • Es wird empfohlen, einen EMF-Bildungsplan zu erarbeiten und umzusetzen.

  • Es wird empfohlen, einen EMF-Präventionsplan zu erarbeiten und umzusetzen.




*) Erarbeitet von den Referaten für Umweltmedizin der Landesärztekammern und der Österreichischen Ärztekammer. Verabschiedet bei der 13. Jahresfortbildungstagung Umweltmedizin der Österreichischen Ärztekammer "Gesundheitsrisiko Mobilfunk" am 19. November 2005, St. Pölten, Österreich.