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ArchivÖÄZ 12 - 25.06.2009

Neue Grippe


WHO ruft Pandemie-Stufe 6 aus



Mit der Ausrufung der Stufe 6 gilt die " Neue Grippe" als Pandemie. Das heißt: Das Virus verbreitet sich in mehr als einer Weltregion von Mensch zu Mensch. Über die Gefährlichkeit des Virus sagt das allerdings nichts aus.

 

Die Direktorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan, hat die Pandemiestufe 6 für die bisher als „Schweinegrippe“ oder „mexikanische Grippe“ bezeichnete „Neue Grippe“ ausgerufen. Damit wurde erstmals seit mehr als 40 Jahren wieder eine Grippe-Pandemie ausgerufen. Mit Stand vom 15. Juni 2009 sind weltweit 36.907 Menschen an der „Neuen Grippe“ erkrankt, 165 daran verstorben. In Europa erkrankten bisher 2.304 Menschen an der Neuen Grippe, ein Todesopfer ist zu beklagen. Sieben Erkrankungsopfer wurden bis dato in Österreich gemeldet. Alle Erkrankten waren Reisende aus den USA oder hatten engsten Kontakt mit jemandem, der vor kurzem aus den USA zurückgekehrt war. Die Erkrankung verlief durchwegs mild.

 

Vorerst keine Restriktionen


Mit der Ausrufung der Stufe 6 am 11. Juni gilt die „Neue Grippe“ als Pandemie. Das bedeutet nichts anderes als: Das Virus verbreitet sich in mehr als einer Weltregion von Mensch zu Mensch. Stufe 6 sagt allerdings nichts über die Gefährlichkeit des Virus aus. Bisher verlief die Erkrankung in der weitaus überwiegenden Anzahl der Fälle mild und ließ sich mit den vorhandenen Grippe-Medikamenten gut behandeln. „Das Virus kann nicht gestoppt werden“, begründete WHO-Direktorin Margaret Chan ihre Entscheidung. Da es sich aber nur um eine gemäßigte Pandemie handle, „sind vorerst keine Reiseeinschränkungen oder Restriktionen beim Güterhandel und bei Dienstleistungen vorgesehen“, so Chan in ihrer Stellungnahme. Anders hingegen ist die Situation in Frankreich: Hier hält man die Einführung der Warnstufe 6 für verfrüht. Laut Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot werde man bei Stufe 5 bleiben. In Frankreich gibt es bisher 80 Fälle der „Neuen Grippe“. Dies rechtfertige noch keine „drakonischen Maßnahmen“, erklärte Innenministerin Michele Alliot-Marie.


Das erste Todesopfer der „Neuen Grippe“ in Europa ist eine 38-jährige Schottin. Sie starb Mitte Juni, nachdem sie zwei Wochen zuvor ein Frühchen zu Welt gebracht hatte; der Bub starb ebenfalls - nach Angaben der Behörden in Glasgow aber nicht an der „Neuen Grippe“. Die meisten Fälle der „Neuen Grippe“ in Europa wurden bisher in Großbritannien gemeldet. Mit Stichtag vom 15. Juni waren es mindestens 1.261 Fälle, davon rund 500 in Schottland. In Europa wurden insgesamt bisher mehr als 2.200 Fälle gemeldet; bis auf die junge Schottin gab es keine weiteren Todesfälle. Auf dem amerikanischen Kontinent hingegen starben bereits 164 Menschen; die meisten davon in Mexiko (109 Tote) und in den USA (45 Tote).


Nach Ansicht der WHO wird sich die „Neue Grippe“ vor allem auf die armen Länder der Welt auswirken. „Sie wird auf extrem tragische Weise die mangelnde Gesundheitsversorgung in vielen Teilen der Welt offenbaren“, so Margaret Chan. Besonders davon betroffen seien Schwangere und Neugeborene sowie Patienten mit Asthma, Diabetes oder Erkrankungen des Herzens. Darüber hinaus werde die Pandemie anhand von Überlebenden und Toten nachweislich belegen, dass Gesundheitssysteme über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt worden seien.


Gut vorbereitet


Auch für Österreich ändert die Pandemie-Warnstufe 6 vorerst nichts.„Es sind derzeit keine besonderen Maßnahmen für die Bevölkerung geplant.“ Auch der Generaldirektor für öffentliche Gesundheit, Hubert Hrabcik, zeigt sich davon überzeugt, dass in Österreich vorerst keine weiteren Maßnahmen notwendig sind: „Die Weltgesundheitsorganisation will durch diese Maßnahme die Pandemie möglichst früh mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft sehen“, sagte Hrabcik gegenüber der Austria Presse Agentur. „Die Ausrufung der Phase sechs ergibt sich aus der flächigen Verbreitung der neuen Influenza in zwei Kontinenten, in Nordamerika und Australien, sowie durch dort bestehende Infektionsketten von Mensch zu Mensch“, so Hrabcik weiter.


Impfstoff im Herbst


Derzeit wird in Österreich verhandelt, ob und wann eine Impfstoffproduktion gegen H1N1, das Virus, das die „Neue Grippe“ auslöst, gestartet werden soll. Österreich hat einen Vorvertrag mit dem US-amerikanischen Pharmakonzern Baxter abgeschlossen, der vorsieht, innerhalb kürzester Zeit 16 Millionen Dosen Impfstoff herzustellen, um die gesamte Bevölkerung zweimal im Abstand von 21 Tagen impfen zu können. In der zweiten Juni-Woche wurde in der Baxter-Produktionsanlage in Bohumil (Tschechien) erstmals A(H1N1) produziert, nachdem der Konzern von einem US-Referenzlabor des CDC (Centers for Disease Control) das Virus erhalten hatte. Baxter Forschungschef Hartmut Ehrlich dazu: „Unser Verfahren mit der Zellkultur hat den Vorteil, dass wir genau dieses Virus einsetzen können und im Gegensatz zu unserer Produktion mit Hühnereiern keine Assortanten (genetisch veränderte Varianten; Anm.) herstellen müssen.“ Noch könne man über die Produktionskapazität nichts aussagen, da man u.a. erst die Aufreinigung des Virus abwarten müsse. Insgesamt wird mit einer Dauer von zwölf Wochen gerechnet, bis die ersten Vakzinen verfügbar sind.

 

> Table 1: Reported cumulative number of confirmed cases and of in-country transmission of influenza A (H1N1) in the EU and EFTA countries


Die sechs Phasen


Die WHO unterscheidet bei grassierenden Erkrankungen zwischen sechs verschiedenen Phasen:

Phase 1:
geringes Risiko: Keine neuen Influenzavirus-Subtypen werden beim Menschen entdeckt.
Phase 2: höheres Risiko: Ein im Tierreich zirkulierender Subtyp birgt ein möglicherweise höheres Krankheitsrisiko für den Menschen.
Phase 3: pandemische Warnperiode: Die Tierkrankheit breitet sich auf andere Länder und Kontinente aus. Menschen stecken sich zwar an, aber nur im Ursprungsland und nur bei sehr engem Kontakt.
Phase 4: Im Ursprungsland und außerhalb werden kleinere Herde von Mensch-zu-Mensch-Übertragungen festgestellt.
Phase 5: Es kommt zu Mensch-zu-Mensch-Übertragungen in größerer Anzahl, auch außerhalb des Ursprungslandes oder -kontinentes.
Phase 6: Beginn der Pandemie: Ein Virus wird weltweit in der gesamten Bevölkerung von Mensch zu Mensch übertragen.

 


Risikoländer für „Neue Grippe“:

Großbritannien
Niederlande
Deutschland
Italien
Südkorea
Russland
USA
Kanada


Quelle: Risikoländer“ erstellt von der Londoner Warwick Business School und veröffentlicht am 11. Juni 2009;
http://maps.maplecroft.com


Basisinformationen zum österreichischen Pandemieplan gibt es unter:

www.bmg.gv.at



Interview

Sorgen derzeit unbegründet


Österreich ist auf die "Neue Grippe" gut vorbereitet; seine Nachbarländer jedoch nicht, sagt der Leiter des Instituts für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien, Univ. Prof. Michael Kunze, im Gespräch mit Sabine Fisch.

Die WHO hat für die "Neue Grippe" Warnstufe 6 ausgerufen. Was bedeutet das für Österreich?

Kunze: Für Österreich bedeutet dies nichts entscheidend Neues. Wir haben uns seit Jahren intensiv mit Stufe 6 auseinandergesetzt. Unsere Pläne haben sich bewährt und werden jetzt laufend umgesetzt. Es sind derzeit keine besonderen Maßnahmen für die Bevölkerung geplant. Die Ärzteschaft soll allerdings laufend auf die ihr übermittelten Informationen achten.


Was muss der Allgemeinmediziner beachten, wenn ihn jetzt ein Patient mit Grippesymptomen aufsucht?
Wesentlich ist die Reiseanamnese: Wo war der Patient beziehungsweise wo waren seine Angehörigen und/oder Freunde in den letzten zwei Wochen? Wenn der Patient berichtet, aus den USA, Kanada oder Mexiko zu kommen oder Verwandte und Freunde kontaktiert hat, die von einer solchen Reise vor kurzem zurückgekehrt sind, ist der Patient als „Verdachtsfall“ zu sehen und entsprechend zu behandeln. Das bedeutet Rachenabstrich, Meldung der Erkrankung bei den Gesundheitsbehörden und Kontaktaufnahme mit dem virologischen Institut. Überweisung des Patienten in ein Krankenhaus mit Isolierstation. Die genauen Richtlinien liegen bei den Ärzten auf und werden laufend ergänzt.


Wie viele Fälle wurden bisher in Österreich bestätigt?
Bisher wurden sieben Fälle der "Neuen Grippe" bestätigt.


Wie ist die Situation international, vor allem in Mexiko? Von dort waren bisher ausgesprochen widersprüchliche Zahlen zu hören.
Insgesamt wurden weltweit bisher 36.000 Erkrankte und 165 Todesfälle gemeldet. Aber das ist sicherlich nur die Spitze des Eisbergs. In den USA nähert man sich der Marke von 20.000 Erkrankungen. Aus Mexiko werden rund 6.500 Fälle gemeldet. Wie sich die widersprüchlichen Meldungen zu Erkrankungen und Todesfällen erklären lassen, ist unklar.


Aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks sind kaum Zahlen zur "Neuen Grippe" zu hören. Woran liegt das?
Aus Russland wurden bisher drei aus der Ukraine ein Fall gemeldet. Das kann kaum stimmen. Entweder es wird nicht ausreichend überwacht oder man meldet die Erkrankungen nicht. Die Gefahr liegt in der unbeobachteten Ausbreitung des Virus und dem mangelnden Einsatz von Gegenmaßnahmen. Es steht zu hoffen, dass man sich um die Eindämmung des Virus bemüht.


Wie gefährlich ist die "Neue Grippe"?
Die Erkrankung, wie sie jetzt klinisch verläuft, ist wenig aufregend. Aber wir sind besorgt: Wenn sich das Virus verändert, kann sich die Situation rasch ganz anders darstellen. Auf der südlichen Halbkugel ist jetzt Grippesaison. Es ist durchaus möglich, dass eine Hybridisierung des ‚normalen‘ Influenzavirus mit dem Virus der "Neuen Grippe" stattfindet, was die Situation erheblich gefährlicher machen würde. Der Supergau wäre allerdings eine Hybridisierung von "Neuer Grippe" mit dem Vogelgrippevirus H5N1. Dann hätten wir ein Virus, das leicht übertragbar ist und schwere Erkrankungen verursacht. Deshalb ist man derzeit weltweit bemüht, die Verbreitung der "Neuen Grippe" zu verhindern.


Die USA und Frankreich haben bereits Impfstoffe zur Immunisierung gegen die "Neue Grippe" bestellt. Wann wird es in Österreich so weit sein?
Österreich hat mit dem Pharmaunternehmen Baxter einen Vertrag der vorsieht, im Anlassfall alle Österreicherinnen und Österreich impfen zu können. Wann der Impfstoff bestellt wird, ist derzeit Gegenstand von Überlegungen und Verhandlungen. Österreich hat alle Vorkehrungen getroffen, die man nur treffen kann. Weitaus mehr Sorge machen mir die Nachbarländer.

Warum?
Keines unserer Nachbarländer ist so gut vorbereitet wie Österreich, die Schweiz vielleicht ausgenommen. Die Frage ist: Was tun wir, wenn sich die Erkrankung weiter ausbreitet, der Impfstoff vorhanden ist und die Nachbarländer nicht entsprechend vorgesorgt haben? Österreich hat über Jahre intensive Pandemieplanung betrieben - dafür wurden wir nicht nur belobigt - aber ich denke, jetzt sind alle froh, dass wir uns so gut vorbereitet haben. 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009