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ArchivÖÄZ 17 - 10.09.2009

Interview - Univ. Prof. Dr. Christoph Zielinski


„Medikamente fallen nicht vom Himmel!“


Kritik an der Antikorruptionsrichtlinie übt der Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin I an der Medizinischen Universität Wien, Univ. Prof. Christoph Zielinski, im Vorfeld der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM) im Gespräch mit S
abine Fisch.

ÖÄZ: Unter welchem Motto steht die 40. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin?
Zielinski: Unser Motto lautet „Modernste Aspekte aus Diagnose und Therapie interner Erkrankungen“. Wir wollen dementsprechend über die Möglichkeiten der gezielten molekularen Diagnostik und Therapie in der Inneren Medizin diskutieren. Denn diese neuen zielgerichteten Therapien, aber auch die Diagnosemöglichkeiten betreffen mittlerweile fast alle Gebiete der Inneren Medizin, sei es die Onkologie, die Kardiologie oder die Rheumatologie bis hin zur Gastroenterologie. In der Diagnostik wird es immer besser möglich, gezielt molekulare Strukturen darzustellen. Dem haben wir an der MUW mit der Einrichtung einer Professur für Molecular Diagnostics and Imaging Rechnung getragen.

Hat die Innere Medizin einen Paradigmenwechsel vollzogen?
Mit Sicherheit! Es ist zu einer tatsächlichen Translation vom Labor in die Klinik gekommen. Es sind aber nicht nur die therapeutischen Möglichkeiten andere geworden, auch das Nebenwirkungsspektrum hat sich in vielen Bereichen vollständig verändert. Ich denke nur an Hautausschläge bei bestimmten Therapien in der Krebsbehandlung, von denen wir wissen, dass ihr Auftreten mit der Effektivität der Therapie korreliert. Das ist ein völlig neuer Ansatz in der Inneren Medizin. Und ich glaube, das ist erst der Anfang.

Was sind – aus Ihrer Sicht – die Highlights der Tagung 2009?
Die Jubiläumstagung der ÖGIM 2009, die 40., ist ein „Gemeinschaftsprodukt“ aller drei Wiener Kliniken für Innere Medizin. Es freut mich, dass es uns gelungen ist, alle drei Vorstände zu vereinen und gemeinsam die Jahrestagung 2009 zu gestalten. Das beweist, dass die Innere Medizin zwar durchaus in Teilgebiete aufgeteilt ist, das Fachgebiet als solches aber weiterhin eng verzahnt ist. Das halte ich für ein ganz wichtiges Zeichen und das ist mein persönliches Highlight. Darüber hinaus freue ich mich, dass die Tagung im Allgemeinen Krankenhaus stattfindet, weil wir mit diesem Haus ein Symbol des Aufbruchs der Medizin in die Jetztzeit haben. Ohne das AKH und die unmittelbare Nähe zwischen Klinik und wissenschaftlichen Labors, die wir darin haben, hätten wir nie den Anschluss an die internationale medizinische Welt gefunden.

Welche Sitzungen sind für den Allgemeinmediziner besonders interessant?
Für Allgemeinmediziner bieten die Plenarsitzungen einen guten Überblick über den Stand der Dinge auf allen Gebieten der Inneren Medizin. Das Angebot erstreckt sich über alle Teilbereiche und alle wissenschaftlichen Gesellschaften, die im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Innere Medizin kooperieren. In diesen Sitzungen werden sehr häufige Fragestellungen der allgemeinmedizinischen Praxis State of the Art beantwortet, aber auch durch Pro- und Contra-Sitzungen belebt.

Was bieten Sie Nachwuchsforschern im Rahmen der Tagung an?
Unsere jungen Mitarbeiter haben zahlreiche Möglichkeiten, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse zu präsentieren. Weiters wurde eine Reihe von Preisen ausgeschrieben, die im Rahmen der ÖGIM-Tagung 2009 vergeben werden. Nicht zuletzt haben wir uns diesmal auch bemüht, die jungen Mitarbeiter in das Rahmenprogramm der Tagung einzubeziehen.

Eine Podiumsdiskussion im Rahmen der 40. Jahrestagung der ÖGIM trägt den Titel: „Ärzte und Pharmaindustrie – Korruption oder Kooperation?“ Was erwartet die Besucher?
Wir haben seit dem Vorjahr eine Antikorruptionsgesetzgebung im medizinischen Bereich, die eine Vielzahl von Dingen unter Strafe stellt, die uns unsere Arbeit und die Finanzierung unserer Mitarbeiter erst ermöglichen. Die vorliegende Antikorruptionsrichtlinie der MUW ist ein Schnellschuss gewesen, der nicht alle Aspekte berücksichtigt hat: Das Universitätsgesetz aus dem Jahr 2002 sieht zum Beispiel vor, dass Drittmittel akquiriert werden. Die Antikorruptionsrichtlinie der MUW verbietet uns de facto diese Drittmittelbeschaffung. Wenn wir diese Drittmittel nicht mehr beschaffen können, müssen wir junge Mitarbeiter entlassen. Hier ist der Wissenschaftsminister gefordert, mit anderen Mitgliedern der Bundesregierung eine juristisch transparente Lösung zu erarbeiten. Fachkenntnis kann auch in diesem Bereich kein Fehler sein.

Soll mit der Podiumsdiskussion ein Anstoß zur Novellierung der Richtlinie geliefert werden?

Ja. Wir wollen diese Antikorruptionsgesetzgebung neu diskutieren. Denn eines muss klar sein: Medikamente werden von Pharmafirmen in Zusammenarbeit mit den Kliniken entwickelt. Sie fallen nicht vom Himmel. Dafür sind sehr viele Interaktionen zwischen Pharmafirmen und Kliniken notwendig und die dürfen auch in Zukunft nicht kriminalisiert werden. Wenn wissenschaftliche Forschung auf höchstem Niveau in Österreich durchgeführt werden kann, dann ist das gut für die Bewohner und gut für den Wissenschaftsstandort. Ohne Kooperation zwischen Klinik und Pharma-Unternehmen wird es aber auch in Zukunft nicht gehen – das muss weiterhin möglich sein.

Wie lautet Ihre Botschaft an die Kongressteilnehmer?
Die 40. Jahrestagung bietet eine umfassende, auf drei Tage konzentrierte und kompakte Fortbildung, die alle Teilbereiche der Inneren Medizin einschließt. Ich glaube, es ist wichtig, hier mit zu tun und an den neuen Entwicklungen mit zu arbeiten. Denn wer jetzt schläft, wird vielleicht ein böses Erwachen erleben.   


Details zum Kongress

40. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin
17. bis 19. September 2009
AKH Wien – Hörsaalzentrum

Kongresspräsidenten:

Univ. Prof. Christoph Zielinski
Univ. Prof. Gerald Maurer
Univ. Prof. Josef Smolen

www.oegim.at


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 17 / 10.09.2009