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ArchivÖÄZ 18 - 25.09.2009

Mutter-Kind-Pass


Benachteiligung für Frauen droht



Zwar sollen mit 1. Jänner 2010 ein Glukosetoleranztest sowie eine weitere Ultraschalluntersuchung der schwangeren Frau in die Untersuchungen zum Mutter-Kind-Pass aufgenommen werden; allerdings wird die interne Untersuchung gestrichen – was für die Vertreter der ÖÄK unverständlich ist.
Von Kurt Markaritzer  


Der Mutter-Kind-Pass wurde 1974 zur gesundheitlichen Vorsorge von Schwangeren und Kleinkindern eingeführt. Die Kosten für die Untersuchungen werden zu zwei Drittel vom Ausgleichsfonds für Familienbeihilfen und zu einem Drittel von den Krankenversicherungsträgern getragen.

Anpassungen an den aktuellen Stand des medizinischen Wissens sind immer wieder erforderlich. Daher wurden seit der Einführung die Art und Anzahl der Untersuchungen ständig erweitert. Zuletzt ist das im Dezember 2008 mit einer Novelle zur Mutter-Kind-Pass-Verordnung 2002 geschehen. Damals wurde festgelegt, dass ab 1. Jänner 2010 ein Glukosetoleranztest sowie eine weitere Ultraschalluntersuchung der schwangeren Frau neu in das Untersuchungsprogramm aufgenommen werden. „Beide Untersuchungen sind sehr sinnvoll. Aus ärztlicher Sicht sind diese Neueinführungen zu begrüßen“, sagt der Gynäkologe Walter Arnberger, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in Salzburg. Er nimmt seit Jahren an den politischen Verhandlungen rund um den Mutter-Kind-Pass teil und vertritt gemeinsam mit Jörg Pruckner, stellvertretender Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, und Johannes Zahrl, Jurist in der ÖÄK, aktuell die Interessen der Ärzteschaft bei den laufenden Gesprächen mit dem Gesundheitsministerium. Dabei geht es um eine weitere Änderung, die diese Verordnung gebracht hat und die aus ärztlicher Sicht deutlich problematischer ist. Parallel zu den neu eingeführten Testverfahren sollen nämlich die bisher üblichen internen Untersuchungen der Schwangeren gestrichen werden. Die Mutter-Kind-Pass-Kommission, die das Untersuchungsprogramm immer wieder überprüft, hielt diese Untersuchungen für nicht unbedingt erforderlich.

Ein Standpunkt, den Arnberger nur bedingt teilt: „Das Problem ist, dass es nie eine gründliche Evaluierung der verschiedenen Untersuchungen gegeben hat. Bei den internen Untersuchungen kann man auch nicht ausländische Beispiele zum Vergleich heranziehen, weil sie in anderen europäischen Vorsorgeprogrammen für Schwangere nicht vorgesehen sind. Niemand kann deshalb sagen, was diese Untersuchungen bringen und ob man wirklich problemlos auf sie verzichten kann.“ Von Seiten der Ärzte wurde deshalb Folgendes vorgeschlagen: Wenn die interne Untersuchung während der Schwangerschaft aus dem Mutter-Kind-Pass-Programm gestrichen werden sollte, soll statt dessen eine Vorsorgeuntersuchung für die Schwangeren eingeführt werden. Arnberger dazu: „Unser Argument war, dass solche Vorsorgeuntersuchungen den Frauen ohnedies zustehen, aber von Frauen dieser Altersgruppe noch viel zu selten in Anspruch genommen werden. Weil der Mutter-Kind-Pass mit dem Bezug des Kindergeldes zusammenhängt, hätte sich die Frequenz der Vorsorgeuntersuchungen gesteigert.“ Genau das erwies sich jedoch als Problem. In den Gesprächen zu diesem Vorschlag stellte sich heraus, dass für eine Aufstockung der Gesundenuntersuchungen kein Geld budgetiert war und die Mehrkosten von maximal fünf Millionen Euro jährlich nicht gedeckt wären. In diesem Stadium der Gespräche zeigte sich ein Problem, das der erfahrene Verhandler Arnberger von vielen früheren Debatten kennt: „Da sitzen dann immer die Leute, die für das Budget zuständig sind und sagen uns: Ihr könnt alles machen, nur Geld darf es nicht kosten.“

So offenherzig ging es bei den Verhandlungsrunden zur Einführung der Gesundenuntersuchung als „Pflichtteil“ des Mutter-Kind-Passes allerdings nicht zu. Offiziell wurden die Einwände damit begründet, dass bestimmte Elemente der üblichen Gesundenuntersuchungen bei Schwangeren nicht aussagekräftig wären, zum Beispiel der Body-Mass-Index oder auch bestimmte Blutuntersuchungen. Arnberger hat für diese Einwände durchaus Verständnis: „Wir schlagen deshalb eine für die Schwangeren adaptierte Gesundenuntersuchung vor, ohne Laborteil, weil Blut und Harn im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Programmes ohnedies gesondert untersucht werden.“

Dieser Vorschlag, der ein Screening von Frauen auf allenfalls verborgene Krankheiten ermöglichen würde, ist derzeit Gegenstand von Verhandlungen mit dem Gesundheitsministerium. Innerhalb eines Jahres muss ein Ersatz für die interne Untersuchung beim Mutter-Kind-Pass gegeben sein. Die Entscheidung darüber liegt beim Gesundheitsministerium. Arnberger hofft auf Verständnis für den ärztlichen Standpunkt und argumentiert auch aus der Sicht seines Fachs: „Wenn die internen Untersuchungen ersatzlos wegfallen, ergibt sich für die Gynäkologen unter Umständen ein erweitertes Haftungsrisiko, weil sie allein darüber befinden müssten, ob die Frauen gesund genug sind, um Schwangerschaft und Geburt problemlos zu überstehen. Bei der Gesundenuntersuchung, wie wir sie vorschlagen, wären auch Internisten und Allgemeinmediziner eingebunden. Ihr Wissen und ihr Können bedeuten eine entscheidende Unterstützung.“

Arnberger, der auch Vizepräsident der Salzburger Ärztekammer ist, hat noch ein Argument im Köcher und zitiert seinen Kollegen Jörg Pruckner: „Alle jungen Männer müssen zur Stellung und werden dort gründlich untersucht. Bei den Frauen ist das nicht so. Und wenn die interne Untersuchung ersatzlos gestrichen wird, werden nicht einmal schwangere Frauen routinemäßig durchgecheckt, sie sind gegenüber den Männern benachteiligt.“

Es gibt also gute Gründe für eine weitere Reform des Mutter-Kind-Passes, zu der auch eine Veränderung des Layouts gehört, das derzeit nicht befriedigend ist. Manches erschwert die Arbeit in der Praxis, so können beispielsweise die Untersuchungsergebnisse in die vorgedruckten Perzentilen-Kurven nur schwer eingetragen werden. Darüber hinaus hat die Ärztekammer vorgeschlagen, die letzte Mutter-Kind-Pass-Untersuchung des Kindes zwischen dem 58. und 62. Lebensmonat zur Pflichtuntersuchung beim Schuleinstieg zu machen. Damit wären entsprechende Vorschuluntersuchungen nahezu lückenlos für ganz Österreich möglich, die vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien und aus oft widrigen, sozialen Verhältnissen zugute kämen. Sie böten die Möglichkeit zu Hilfeleistungen bei Verwahrlosung, Kindesmissbrauch, Gewalt gegen Kinder etc. Im Gesundheitsministerium wurde die Idee wohlwollend aufgenommen und unterstützt; die Entscheidung liegt aber beim Unterrichtsministerium.

Ebenso wichtig wie diese Projekte ist eine Änderung in der Grundeinstellung zu diesem erfolgreichen Untersuchungsprogramm, sagt Arnberger: „Es darf nicht zum Prinzip werden, dass sinnvolle Neuerungen nur dann durchgeführt werden können, wenn dafür etwas anderes gestrichen wird. Man wäre vielmehr gut beraten, die Grundlagen für sachkundige Entscheidungen zu schaffen. Es gibt bisher keine wissenschaftliche Evaluierung des Mutter-Kind-Passes und der einzelnen Elemente. Hier könnte und sollte Österreich eine Vorreiterrolle übernehmen und damit Grundlagen für sinnvolle Entscheidungen schaffen.“


Mutter-Kind-Pass – aktueller Stand


Das Programm des Mutter-Kind-Passes beinhaltet derzeit für Schwangere
folgende Untersuchungen:


  • eine gynäkologische Untersuchung bis zum Ende der 16. Schwangerschaftswoche (SSW) einschließlich einer Laboruntersuchung;
  • eine gynäkologische Untersuchung in der 17. bis 20. SSW einschließlich einer internen Untersuchung;
  • eine gynäkologische Untersuchung in der 25. bis 28. SSW einschließlich einer Laboruntersuchung;
  • eine gynäkologische Untersuchung in der 30. bis 34. SSW;
  • eine gynäkologische Untersuchung in der 35. bis 38. SSW.
  • Die Durchführung dieser Untersuchungen in der Schwangerschaft stellt eine Voraussetzung dafür dar, dass das volle Kinderbetreuungsgeld gewährt wird.
  • Die Untersuchungen werden von Allgemeinmedizinern beziehungsweise den jeweiligen Fachärzten durchgeführt.

Quelle: Gesundheitsministerium



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2009