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ArchivÖÄZ 21 - 10.11.2009

Myokardinfarkt


Mehr und bessere Prävention


Rund 12.000 Myokardinfarkte gibt es pro Jahr in Österreich - trotz der höchsten Quote an Rauchern unter Jugendlichen und Frauen passiert politisch nichts. Mehr und bessere Prävention ist nach Ansicht von Experten ein Weg aus diesem Dilemma.

Von Sabine Fisch


"Time is muscle“ heißt es in der Herzinfarkttherapie, da bereits nach einer Dauer von 20 Minuten irreversible Myokardschäden auftreten. „Eigentlich können wir hier von einer Nekrosewelle sprechen“, sagt Univ. Prof. Gerald Maurer, Leiter der Klinischen Abteilung für Kardiologie am AKH Wien. „Das Absterben der Zellen breitet sich wellenförmig vom Endocard aus.“ Je früher reperfundiert wird, desto eher kann Herzmuskelgewebe also geschützt werden. Der goldene Standard ist die akute perkutane Koronarintervention mittels Katheter, die zwischen drei und zwölf Stunden nach Beginn des Herzinfarktes durchgeführt werden sollte. Die medikamentöse Thrombolyse hat zwar auch noch ihren Stellenwert, „allerdings ist ihr Einsatz in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen“, berichtet Ass. Prof. Helmut Brussee von der klinischen Abteilung für Kardiologie an der Universitätsklinik Graz. „Die Thrombolyse wird dann eingesetzt, wenn eine zeitgerechte Katheterintervention nicht möglich ist.“

Immer EKG schreiben

Etwa 100 von 100.000 Österreichern erleiden jedes Jahr einen Herzinfarkt. Etwas mehr als 12.000 Personen müssen jährlich aufgrund eines Herzinfarktes hospitalisiert werden. Vor der Menopause ist der Herzinfarkt bei Frauen deutlich seltener zu beobachten als bei Männern. „Allerdings war unsere jüngste Patientin mit einem Herzinfarkt erst 17 Jahre alt“, wirft Helmut Brussee ein. Der Hormonschutz für Frauen fällt nach der Menopause weg; die Zahlen der an einem Herzinfarkt erkrankten Personen gleichen sich dann an. Trotzdem werden Frauen immer noch später und seltener diagnostiziert, was nicht zuletzt an den Symptomen liegt, an denen Frauen mit einem Herzinfarkt leiden: „Frauen berichten hauptsächlich von Übelkeit, Erbrechen, Oberbauchschmerzen und Rückenschmerzen“, so Helmut Brussee. „Wenn eine Patientin – egal welchen Alters – mit derartigen Beschwerden die Hausarzt-Praxis aufsucht, sollte immer ein EKG geschrieben werden.“

Gerald Maurer sucht das Problem eher beim Alter der Frauen: „Frauen erkranken in höherem Lebensalter an einem Herzinfarkt, zudem weisen sie physiologisch oft kleinere Gefäße auf, was ebenfalls Probleme macht“, und fügt hinzu: „Wenn eine 70-jährige Frau einen Herzinfarkt erleidet, so wird ihre Prognose oft schon aufgrund des höheren Alters schlechter sein, als jene eines 60-jährigen männlichen Herzinfarktpatienten.“  

Mortalität drastisch verringert

Noch vor 25 Jahren starben zwischen 20 und 30 Prozent aller hospitalisierten Herzinfarktpatienten. „Heute sind es vier bis fünf Prozent“, weiß Maurer, der dies für einen großen Erfolg hält und vor allem dem Wiener Modell der Herzinfarktbehandlung zuschreibt. „Wir versuchen, die Patienten innerhalb der ersten beiden Stunden nach dem Beginn eines Herzinfarktes zu reperfundieren“, erläutert Maurer. Das Projekt hatte seinen Ursprung im Allgemeinen Krankenhaus in Wien, dort werden auch nach wie vor die meisten Patienten behandelt.

Auch wenn die Mortalität beim Herzinfarkt – zumindest was die rechtzeitig hospitalisierten Patienten betrifft – drastisch gesunken ist, von einer Entwarnung kann nicht die Rede sein. Bezüglich der Herzinfarktprävention muss Österreich den beiden Experten zufolge ein eher schlechtes Zeugnis ausgestellt werden. Von einem österreichweiten Rauchverbot in öffentlichen Räumen kann nach wie vor keine Rede sein, auch Ernährungsweise und mangelnde sportliche Betätigung tragen wesentlich zur Erhöhung des Herzinfarktrisikos bei. „Dabei liegen schon seit Jahren Studienergebnisse vor, die die neun wesentlichen Risiko- beziehungsweise Schutzfaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen aufzeigen und deren Meidung daher dieses Risiko erheblich senken würde“, sagt Gerald Maurer.

Mehr Prävention notwendig


Der im Jahr 2004 veröffentlichten Inter-Heart-Studie zufolge sind Rauchen und ein abnormes Verhältnis der verschiedenen Blutfettwerte für zwei Drittel aller Herzinfarkte verantwortlich. Die weiteren Risikofaktoren seien Hypertonie, Diabetes mellitus, viszerales Fett, Stress, fehlende Bewegung und fehlende Aufnahme von Obst und Gemüse. Als protektiver Faktor gilt dagegen der regelmäßige mäßige Konsum von Alkohol. Demzufolge spricht sich auch Gerald Maurer für mehr Prävention aus. „Wichtiger als jede Hightech-Therapie ist die Vermeidung von Risiken, das beinhaltet ein generelles Rauchverbot ebenso wie umfassende Screenings zu Diabetes und Hypertonie.“ Hoher Blutdruck und hohe Blutfettwerte sollten möglichst früh erkannt und optimal medikamentös eingestellt werden.

Ist ein Herzinfarkt aufgetreten, zählt jede Minute. Eine enge Zusammenarbeit zwischen niedergelassenem Allgemeinmediziner und Kardiologen ist dafür unabdingbar, betont Helmut Brussee. „Sollte ein Infarkt diagnostiziert werden, muss der Patient unter Notfallbegleitung und Möglichkeit der Defibrillation möglichst rasch in ein Akutinterventionszentrum verbracht werden.“ In der Nachsorge wünschen sich sowohl Maurer als auch Brussee eine ausreichende Blutdrucktherapie, die engmaschige Kontrolle der Blutfettwerte sowie eine genau überwachte Antikoagulationstherapie.

Herzmuskelzellen reparieren?

Auch wenn die Herzinfarkt-Therapie in Österreich einen hohen Standard erreicht hat, wird weiter intensiv an einer Verbesserung geforscht. Das Spektrum reicht von der Stammzellentherapie bis hin zur Schadensminimierung am Myokard. An der Wiener Klinik wird weiterhin vor allem mit Stammzellen geforscht, die das geschädigte Herzmuskelgewebe wieder „reparieren“ können sollen. „Da ist allerdings noch viel Grundlagenforschung notwendig“, hält Gerald Maurer fest. „Nicht nur brauchen wir pluripotente Stammzellen. Wir müssen auch lernen, was bewirkt, dass die Stammzellen in den Herzmuskel wandern und welche Arbeit sie dort leisten.“ Bis zu einer Routine-Stammzell-Therapie nach Herzinfarkt vergehen sicherlich noch mindestens fünf Jahre, prognostiziert Maurer.

Eine große Hilfe für die Stammzelltherapie könnte das NOGA-Mapping darstellen. Diese Art der dreidimensionalen Darstellung des Herzmuskels ermöglicht es, vitales von nicht-vitalem Myokardgewebe zu unterscheiden und regionale linksventrikuläre Funktionsstörungen zu diagnostizieren. Auch können damit gezielt Stammzellen millimetergenau mittels Katheter in den Herzmuskel injiziert werden. „NOGA-Mapping hat derzeit allerdings noch keinen Platz in der Akuttherapie. Es hilft uns aber etwa in der Erforschung der Stammzelltherapie“, erläutert Gerald Maurer.

An der Grazer Klinik wird derzeit intensiv an einem Tiermodell zur Erhebung des Reperfusionsschadens gearbeitet: „Wir wissen, dass eine Reperfusion immer auch einen Schaden am Myokard setzt“, berichtet Helmut Brussee. „Mittels Tiermodell wollen wir herausfinden, wie dieser Schaden in Zukunft minimiert werden kann.“

Zukunft der Herzinfarkttherapie


Für Brussee liegt die Zukunft der Herzinfarkttherapie eindeutig auf der Verminderung des Reperfusions-Schadens. „Wir arbeiten daran, zwischen Beginn der Symptomatik und Beginn der Reperfusion Möglichkeiten zum Schutz des Myokards einzubauen“. Bis zur klinischen Anwendung werden allerdings noch einige Jahre ins Land gehen. Gerald Maurer wiederum sieht in der Verhinderung des Herzinfarktes durch deutlich mehr und bessere Prävention die Zukunft. „Österreich ist ein Entwicklungsland, was die Prävention betrifft“, ärgert sich der Experte. „Wir haben die höchste Quote an Rauchern unter Jugendlichen und Frauen und politisch passiert nichts. Da kann ich nur den Kopf schütteln.“  


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 21 / 10.11.2009