Logo Aerzteverlagszeitung
ArchivÖÄZ 23/24 - 15.12.2009

Kindliche Ess-Störungen


Machtinstrument Essen


Kinder sind von ihren Bezugspersonen abhängig; das Einzige, das sie weitgehend autonom steuern können, ist essen. Die Ursachen für essgestörtes Verhalten liegen meist innerhalb der Familie: dysfunktionale Familienstrukturen, Alkohol, Misshandlung und Missbrauch spielen dabei ebenso eine Rolle wie ausgeprägtes Leistungsdenken, Überbehütung und Perfektionismus.
Von Sabine Fisch

Anorexia nervosa und Bulimie treten zu mehr als 90 Prozent bei Mädchen und jungen Frauen auf. Burschen machen nur etwa fünf Prozent der Patienten aus. Auch wenn die Diagnose einer Essstörung in der überwiegenden Zahl der Fälle (46 Prozent bei Anorexia nervosa, 48 Prozent bei Bulimia nervosa) erst zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr gestellt wird, beginnt essgestörtes Verhalten meist schon wesentlich früher, oft schon im Kindesalter: „Es handelt sich dabei meist nicht um definierte Essstörungen. Vielmehr kann bereits bei Kindern eine häufige Restriktion der Nahrungsaufnahme, Verweigerung bestimmter Lebensmittel oder Rumination auftreten, aus denen sich, bleiben diese unbeachtet, später manifeste Essstörungen entwickeln können“, erklärt Univ. Prof. Andreas Karwautz, Leiter der Ambulanz für Essstörungen für Kinder und Jugendliche am Wiener Allgemeinen Krankenhaus.  

Ursache in der Familie?  

Die Ursachen für den oft schon sehr frühen Beginn von essgestörtem Verhalten sind durchaus vielfältig, wenn - so Experten - auch die Familie meist die wichtigste Rolle spielt. „Essstörungen haben ihre Ursachen immer im Familienkontext“, hält Prim. Georg Weinländer, Leiter des Departments für Psychosomatik am Landeskrankenhaus Rankweil fest. „Kinder sind in vollem Umfang von ihren Bezugspersonen abhängig“, sagt Weinländer weiter. „Das Einzige, das sie weitgehend autonom steuern können, ist das Essen.“ Dieses „Machtinstrument“ kann mitunter von Kindern derart gut „genützt“ werden, dass die Gefahr droht, die gesamte Familienstruktur zu zerstören. Speziell bei Kindern, die Gedeihstörungen aufweisen, oder oft krank sind, kann eine Veränderung des Essverhaltens der kleinen Patienten zu einem Mehr an Aufmerksamkeit führen, was die Kinder wiederum schätzen. Aber auch dysfunktionale Familienstrukturen, in denen Alkohol und/oder psychotrope Substanzen missbraucht werden, Misshandlung und Missbrauch können schon bei kleinen Kindern zu einem gestörten Essverhalten führen. Ebenso spielen ein ausgeprägtes Leistungsdenken, Überbehütung und Perfektionismus in der Familie eine wesentliche Rolle bei kindlichen Essstörungen.

In jüngster Zeit wurden auch genetische Faktoren erforscht, die einen Einfluss auf die Entwicklung von Essstörungen haben könnten. „Zwischen vier und zehn Prozent aller Patienten mit Ess-Störungen weisen auch Ess-Störungen in der erstgradigen weiblichen Verwandtschaft auf“, erklärt Georg Weinländer. Auch aus der Zwillingsforschung ist bekannt, dass getrennt lebende monozygote Zwillinge trotzdem Essstörungen entwickelt haben.

Nicht zuletzt wird durch die Medien bereits Kindern vermittelt, sie müssten überschlank sein; übergewichtige Kinder werden in vielen Fällen stigmatisiert und aus der kindlichen Gemeinschaft in Kindergarten oder Schule ausgegrenzt. Nichts desto trotz ist Adipositas keine Essstörung, wie sowohl Georg Weinländer als auch Andreas Karwautz festhalten. Zwar gebe es durchaus Übergewichtige, die essgestört sind, „Übergewicht selbst ist aber im Prinzip lediglich eine Frage des Ungleichgewichts zwischen Zufuhr und Verbrauch“, erklärt Karwautz.

Dem niedergelassenen Allgemeinmediziner und dem Kinderarzt kommt im Zusammenhang mit kindlichen Essstörungen eine wesentliche Rolle zu. „Der Hausarzt oder der Kinderarzt kennt die Familie meist über viele Jahre. Er ist oft am schnellsten imstande, auftretende Ess-Störungen durch Erkennen von Stagnationen der Entwicklung zu bemerken“, weiß Andreas Karwautz. Umso wichtiger sei es, umfangreiche Kenntnisse über das häufige Problem von Essstörungen zu besitzen, um im Ernstfall rasch die richtigen Maßnahmen ergreifen zu können.

Eltern einbeziehen

Vermutet ein Arzt bei einem Kind essgestörtes Verhalten, soll unbedingt das Gespräch mit den Eltern gesucht werden und eine Therapiemöglichkeit angedacht werden. In Großbritannien wurden vor einigen Jahren strenge Leitlinien verabschiedet, die letztlich sogar den Verlust der Approbation nach sich ziehen können, wenn ein Arzt, der bei einem Kind oder Jugendlichen eine Essstörung vermutet, dieses nicht in eine stationäre Therapie einweist. „Wir wissen heute, dass eine möglichst frühzeitige stationäre Therapie das Outcome positiv beeinflusst“, hält Weinländer fest. Bei kindlichen Essstörungen allerdings, die nicht so eindeutig zu diagnostizieren sind wie Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa geht es vor allem um Verhaltensänderungen in der Familie und beim betroffenen Kind. So soll Essen weder als Bestrafung noch als Belohnung gesehen werden. Kinder wissen meist sehr genau, wie viel sie essen wollen und wann sie satt sind. Solange gesunde Mischkost angeboten wird, brauchen Eltern sich auch keine Sorgen um etwaige Mängelzustände machen. Eltern haben eine Vorbildfunktion: Kinder imitieren das Essverhalten der Erwachsenen. Deshalb ist es im Arztgespräch mit den Eltern auch besonders wichtig, die elterlichen Essgewohnheiten zu hinterfragen.

Selbstwert schenken


Selbstsichere Kinder werden eher keine Essstörungen entwickeln. „Wenn einem Kind ein stabiler Selbstwert vermittelt wird, Konflikte in der Familie auch ausgetragen werden dürfen und gemeinsam Konfliktlösungsstrategien erarbeitet werden, beugt auch das Essstörungen vor“, listet Georg Weinländer auf. Außerdem sollte Leistungsdenken im kindlichen Alltag nicht im Vordergrund stehen: „Leistungsorientierung ist natürlich kein Fehler. Trotzdem sollten Kinder die Möglichkeit haben, auch ganz unbeschwert mit ihren Freunden zu spielen und ihren Körper auch positiv zu erfahren, etwa beim nicht-leistungsorientierten Vereinssport“, erläutert Andreas Karwautz.

Der Prävention – und zwar bereits im Kindergarten und der Volksschule – kommt ebenfalls ein hoher Stellenwert zu. Präventionsprogramme gehören allerdings in die Hände von Spezialisten, betonen Karwautz und Weinländer. „Solche Programme können, wenn sie nicht sachgerecht durchgeführt werden, durchaus auch Schaden anrichten“, warnt Andreas Karwautz. „Ich kenne Kinder, die nach solchen gut gemeinten Präventionsmaßnahmen erst richtig in die Essstörung hineinrutschen.“


Alarmsignale


  • Das Kind nimmt nicht altersentsprechend an Gewicht zu oder wächst nicht.
  • Das Kind verliert an Gewicht und versteckt seinen dünnen Körper unter weiten Pullovern.
  • Das Kind vermeidet es, mit der Familie zu essen und kocht für die ganze Familie, isst aber selbst nicht.
  • Das Kind isst riesige Mengen von Obst, aber keine fett- oder kohlehydratreiche Kost.
  • Das Kind isst sehr langsam, schneidet die Nahrung in winzige Stücke.
  • Das Kind wird sehr aktiv, joggt stundenlang, geht mehrmals pro Woche ins Fitnesscenter.
  • Das Kind lernt übermäßig.
  • Das Kind ist oft weinerlich, irritiert, ungeduldig und sorgenvoll.
  • Das Kind geht nicht mehr mit Freunden weg und nimmt nicht mehr an Familienaktivitäten teil.
  • Große Nahrungsmengen verschwinden aus dem Kühlschrank oder aus der Vorratskammer.
  • Die Toilette ist mehrmals täglich besetzt, auch in der Nacht.
  • Laxantien und andere Medikamente verschwinden aus dem Medikamentenschrank.


Quelle: Gesundheitsbericht 2007



Präventionsprogramme


Präventionsprogramme gegen Essstörungen sollten folgende Punkte beinhalten:

  • körperliche Veränderungen in der Pubertät;
  • Beziehungen mit Knaben und ihre möglichen Probleme;
  • das Bedürfnis, in diesem Lebensabschnitt mehr und mehr unabhängig zu werden;
  • die Wichtigkeit der Akzeptanz durch die Peer-Group;
  • Umgang mit Necken und Spott, insbesondere dann wenn körperliche Auffälligkeiten vorliegen oder sich das Körperschema verändert,
  • der Umgang mit emotionaler Instabilität in der Prä-Pubertät und der Pubertät,
  • Erlernen von Entspannungstechniken zur Regulation von Gefühlen,
  • Erlernen von Problemlösungsstrategien und zielgerichtetem Verhalten: „Wie lerne ich mich selbst in Problemsituationen einzubringen und mit Problemen umzugehen?
  • Erlernen, was gesunde Ernährung ist und wie viel an sportlicher Betätigung gesundheitsfördernd ist.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009