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Schweinegrippe


Von Mexiko nach Österreich


Ausgehend von Mexiko wurde nun auch in Österreich der erste Fall von Schweinegrippe nachgewiesen. Das Virus  H1N1  hat sich mittlerweile in die USA und nach Europa ausgebreitet, ebenso wie im asiatisch-pazifischen Raum und im Nahen Osten. Laut einer Verordnung des Gesundheitsministeriums besteht Meldepflicht.


In Mexiko, wo die Schweinegrippe ihren Ausgang genommen hat, gibt es derzeit mehr als 2.000 Verdachtsfälle; bisher hat die Schweinegrippe 159 Todesopfer gefordert. Offiziell bestätigte Erkrankungsfälle gibt es in Neuseeland (14), Israel (zwei), Spanien (zwei), Schottland (zwei), Deutschland (mindestens einer), den USA (64), Kanada (13), Südkorea (mindestens einer) und Großbritannien (zwei). Verdachtsfälle gibt es in zahlreichen weiteren europäischen Staaten wie Frankreich, Italien, Griechenland, Irland, Dänemark, Schweden und der Schweiz.


Auch für Österreich wurde der erste Fall von Schweinegrippe offiziell bestätigt. Laborergebnisse wiesen nach, dass sich die 28-jährige Frau, die als erste Person in Österreich nachweislich an dem Virus erkrankt ist, sich beim Besuch ihrer Eltern in Guatemala angesteckt hat. Die Frau wird im Wiener Kaiser Franz-Joseph-Spital betreut; Hinweise, dass Personen, die mit der Frau Kontakt hatten, ebenfalls an Schweinegrippe erkrankt sind, gibt es bisher nicht (Stand: Redaktionsschluss: 29. April). Entwarnung gab es hingegen bei vier weiteren Verdachtsfällen in der Bundeshauptstadt sowie in Oberösterreich.


Laut Gesundheitsminister Alois Stöger ist man in Österreich „weit weg von einer Pandemie.“ Für die Bevölkerung bestehe kein Grund zur Sorge. Ein Krisenstab wurde eingerichtet; in den Bundesländern wurde die nötigen Maßnahmen gesetzt, auch die Krankenhäuser wurden entsprechend instruiert. Es gäbe derzeit auch keinen Grund, die vorrätigen Schutzmasken an die Bevölkerung auszugeben, so der Gesundheitsminister.


Auf EU-Ebene meinte die Sprecherin von Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou, Nina Papadoulaki, die bisher bestätigten Fälle seien „nicht allzu schwerwiegend erkrankt“. Allerdings gab sie zu, dass die „Lage im Fluss“ sei und sich „ganz schnell entwickelt.“ Auf die Frage, ob die Situation normal oder beunruhigend sei, meinte die Kommissars-Sprecherin, es bestehe eine „gewisse Beunruhigung, aber Panik ist nicht angebracht.“ Was den Namen der Grippe angeht, sagte Papadoulaki: „Wir nennen das erstmals Novel Flu.“ Man solle das Virus aber nicht mit Tierseuchen durcheinander bringen. Es handle sich bei der Schweinegrippe um eine Übertragung von Mensch zu Mensch, also um ein Humanvirus und keine Tierseuche.


Die WHO hat indessen die Warnstufe auf der sechsteiligen Skala von Stufe 4 auf Stufe 5 erhöht. Mit der Anhebung der Warnstufe signalisiert die WHO, dass das Risiko für eine Pandemie deutlich gestiegen ist – was aber nicht bedeute, dass eine Pandemie unvermeidlich sei. Der stellvertretende WHO-Generaldirektor Keiji Fukuda räumte jedoch ein, dass eine Eindämmung derzeit kaum möglich sei, da sich das Virus bereits auf mehrere Länder ausgebreitet habe.


Beim Expertenkongress „Influenza-Vakzine“ für die Welt Ende April, an dem der Wiener Sozialmediziner Univ. Prof. Michael Kunze teilnahm, diskutierten die Fachleute vor allem eine Frage besonders: „Warum verläuft diese Influenza in Mexiko so anders als in den anderen Staaten, zum Beispiel in den USA.“ Manche Experten erklären das mit genetischen Veränderungen des Virus. Es könnten jedoch auch andere Gründe dahinter sein, so Kunze: „In den USA und anderen Staaten wurde recht viel gegen die saisonale Influenza geimpft. Die Vakzine schützt ja auch gegen die saisonale H1N1-Influenza. Deshalb könnten die Menschen eine Art Kreuzimmunität haben.“ In Mexiko etwa wurde nur sehr wenig gegen die saisonale Influenza geimpft. Was wiederum bedeuten könnte, dass in der Bevölkerung auch eine zumindest teilweise Immunität gegen die Schweinegrippe kaum vorhanden ist. Überall außerhalb Mexikos kam es ja aufgrund der Schweinegrippe bisher bei Menschen nur zu milden Krankheitsverläufen.



Ungewöhnliches Verhalten des Virus


Die Sprecherin des Robert Koch-Instituts in Berlin, Susanne Glasmacher, erklärte wiederum, dass sich das mutierte Schweinegrippevirus anders als gewöhnliche Grippeviren verhalte: „Es ist ungewöhnlich und möglicherweise auch gefährlich, weil es sich relativ schnell aus Erbgut-Komponenten von Mensch-, Schweine- und Vogelviren entwickelt hat.“ Bei einer „normalen“ saisonalen Welle verändere sich das Virus sehr viel langsamer und das menschliche Immunsystem könne sich besser darauf einstellen und Impfstoffe könnten rechtzeitig entwickelt werden. Auch früher habe es schon vereinzelt Vogel-/Schwein-/Mensch-Virenkombinationen gegeben. Neu sei jetzt jedoch der Übertragungsweg dieser Viren von Mensch zu Mensch.
Laut WHO werden die Vorsichtsmaßnahmen überall erhöht. Russland, Hongkong und Taiwan erklärten, Durchreisende mit Grippe-Symptomen würden sofort in Quarantäne eingewiesen werden. In Asien herrschen aufgrund der Erfahrungen mit SARS und der Vogelgrippe besonders strenge Sicherheitsvorkehrungen. Kuba stellte als erstes Land den Flugverkehr von und nach Mexiko vorübergehend ein. Frankreich hat unterdessen von der EU einen Stopp aller Flüge nach Mexiko gefordert – und ebenso auch die Einberufung einer Dringlichkeitssitzung der EU-Verkehrsminister zu diesem Thema. Die französische Tourismusbranche hat bereits alle Reisen nach Mexiko storniert. Die EU rät generell von Reisen nach Mexiko und in die amerikanischen Grenzgebiete dringend ab.


Nach der EU haben sich nun auch die USA für eine Umbenennung der Schweinegrippe ausgesprochen. Agrarminister Tom Vilsack erklärte, die derzeitige Bezeichnung suggeriere, dass es ein Problem mit Schweinefleisch-Produkten gebe. Die Europäische Union hatte sich zuvor dafür ausgesprochen, die Erkrankung in „Neue Grippe“ umzubenennen.
 
Die Staaten Mittelamerikas haben mittlerweile die internationale Gemeinschaft um Hilfe gebeten: Benötigt werden vor allem Medikamente, hieß es bei einem Treffen der Gesundheitsbehörden dieser Länder in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua. Für den Fall einer Ausbreitung der Grippe benötige man Medikamente für rund drei Millionen antivirale Behandlungen, schrieben die Minister in einem Brief an die WHO in Genf.  AM



Symptome und Vorgangsweise

Das Gesundheitsministerium hat über die Landes-Sanitätsdirektionen und die Landesärztekammern die österreichischen Ärzte informiert. In den Informationen findet sich eine „Falldefinition“ für die Abschätzung, ob es sich bei Symptomen um Warnzeichen handeln könnte, um Kriterien für den Virus-Nachweis sowie epidemiologische Kriterien, wer als Kontaktperson zu gelten hat.


Falldefinition für Infektion mit dem neuen Influenza A/H1N1 Virus in Anlehnung an die Empfehlungen des ECDC (European Center for Disease Control): Die klinischen Kriterien (typische Erscheinungsbilder) werden definiert als 1) grippeähnliche Erkrankung („influenza like illness“), 2) Pneumonie, 3) fieberhafte Atemwegserkrankung, 4) akute respiratorische Erkrankung („acute respiratory illness“). Die möglichen Symptome werden definiert mit Fieber, Husten, Kopfschmerz, Schnupfen, Halsschmerzen, Durchfall, Erbrechen oder Muskelschmerzen.


Jede Person mit einem der nachfolgenden drei Symptome gilt als klinischer Fall:
1) Fieber UND Zeichen und Symptome einer akuten Atemwegserkrankung
2) Lungenentzündung (schwere Atemwegserkrankung)
3) Tod an einer Atemwegserkrankung unbekannter Ursache


Details dazu gibt es unter
www.aerztekammer.at



Tipp:

Die AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) hat eine Info-Hotline eingerichtet: 05 05 55 555, die in der Zeit von 7h bis 20h besetzt ist. 


Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen:
www.basg.at



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2009