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ArchivÖÄZ 15/16 - 15.08.2010

Neues Modell: Die Zukunft: Hausarzt (TM)


„Eingetragene Hausärzte“ sollen künftig das Zentrum der Gesundheitsversorgung für ihre Patienten bilden. Das brächte nicht nur eine notwendige Aufwertung der Hausärzte per se mit sich, sondern auch Qualitätsverbesserungen für Patienten und wirtschaftliche Vorteile für das Gesundheitssystem.
Von Ruth Mayrhofer


Das neue Hausarztmodell, das die Bundeskurie Niedergelassene Ärzte bei der jüngsten Vollversammlung der Österreichischen Ärztekammer im Juni beschlossen hat, klingt schlüssig und bestechend einfach: Hausärzte - also im Regelfall niedergelassene Allgemeinmediziner - sollen künftig als „Gesundheitskoordinatoren“ ihrer Patienten agieren und damit die wichtigste Schnittstelle aller diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen im Konzert aller Gesundheitsanbieter werden.

Konkret sieht das so aus: Die hausärztliche Versorgung bildet seit jeher die Basis der medizinischen Grundversorgung, die vom Vertrauen zwischen Arzt und Patient sowie davon, daß der Arzt seinen Patienten und dessen Umfeld kennt. Seit vielen Jahren ist auch in den diversen Regierungserklärungen immer wieder von der „Aufwertung der Hausärzte“ und einer „Verbesserung der Schnittstellenproblematik“ die Rede. Umgesetzt wurde das jedoch noch nie. Das neue Hausarztmodell der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte will dem nun nachhelfen. Darin wird der Hausarzt zum zentralen Angelpunkt im „Gesundheitsleben“ seiner Patienten, ohne die - wie in manchen anderen Ländern üblich - rigide Rolle eines „Gatekeepers“ zu übernehmen. Denn auch in Zukunft sollen alle österreichischen Patienten das Recht einer freien Arztwahl haben. Trotzdem sollen sie sich in Zukunft auf freiwilliger Basis explizit für einen Hausarzt entscheiden können, welcher auf ihrer E-Card eingetragen wird. Geschieht das, mutiert der Hausarzt zur „Mini-ELGA“. Das bedeutet, dass er verpflichtend alle Befunde des Patienten übermittelt bekommt und das „Gesundheitsleben“ seiner Patienten koordiniert, sie also kundig und effizient durch das mancherorts nicht sehr transparente System führt.

Als Hausärzte kommen grundsätzlich auch Fachärzte in Frage. In speziellen Fällen - beispielsweise Gynäkologie, Urologie, HNO - wird der Patient sie wohl auch in Zukunft direkt aufsuchen. Jedoch müsse - so Lothar Fiedler, Obmann der Bundessektion Fachärzte der ÖÄK und einer der „geistigen Väter“ des neuen Hausarzt-Modells - auch hier die Einbindung des „eingetragenen Hausarztes“ erfolgen, um effizient zu sein.

Der Hausarzt - also der Arzt des Vertrauens - wird im ÖÄK-Modell also zur zentralen Person in der Gesundheitsversorgung. Zudem soll er sich verstärkt der Vorsorgemedizin widmen. Um den Spitalsbereich zu entlasten, ist auch geplant, einen hausärztlichen Bereitschafts- und Ärztefunkdienst flächendeckend einzuführen. Die Vertrauensärzte müssen sich nach Vorstellung des Modells zudem auf mögliche demoskopische und medizinische Entwicklungen vorbereiten. Dazu zählen etwa die Koordinierung und Führung eines integrierten Behandlungsteams, vor allem im geriatrischen und palliativmedizinischen Bereich.

Diese Vorgangsweise würde - so Kurienobmann Günther Wawrowsky bei der Präsentation dieses Modells - nicht nur die Rolle der Hausärzte in einem Umfeld des speziell in ländlichen Regionen drohenden Hausärztemangels aufwerten und so auch Anreize schaffen, diesen Beruf zu ergreifen, sondern auch Patienten helfen, sich im System besser zurechtzufinden und nicht zuletzt gleichzeitig der Ökonomie auf die Sprünge helfen. Durch die (neue) koordinative Rolle des Hausarztes und den ungehinderten medizinischen Informationsfluss könnte im Gesundheitswesen vor allem qualitätssichernd gewirkt aber auch „viel Geld“ eingespart werden, gab man sich bei der Vorstellung des Papiers überzeugt. Zudem würde die Qualität der Patientenversorgung insgesamt angehoben werden.


Anreize schaffen

Wie aber könnte man Patienten dazu bringen, in dieses neue System einzusteigen? Vorstellbar wären Anreizmodelle, wie etwa der Wegfall von Rezeptgebühren oder Ähnlichem. „Damit müssen sich jedoch die Gesundheitspolitik und der Hauptverband auseinandersetzen und danach handeln“, meint dazu Gert Wiegele, Vizepräsident und Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte der Ärztekammer für Kärnten und zugleich stellvertretender Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte.

Und die Ärzte? Natürlich brächte das neue Modell einen erheblichen Mehraufwand für die mit der Koordination der Patientendaten betrauten Hausärzte mit sich, der allerdings auf der anderen Seite Kosten einsparen helfen kann. Daher, so Wiegele, sei - so die Registrierung des Hausarztes via E-Card erfolgt - ein „Hausarzt-Koordinierungszuschlag“ als neue Honorarposition zu schaffen. Wiegele, trocken: „Wir werden über Geld reden müssen.“


Wertsteigerungsschub notwendig

„Niedergelassene Ärzte - gleichgültig, ob in der Stadt oder im ländlichen Raum - brauchen einen Wertsteigerungsschub“, appelliert Jörg Pruckner, Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin und stellvertretender, Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte. Denn speziell am Land, so Pruckner weiter, besteht derzeit die ernste Gefahr, dass der Beruf des niedergelassenen Allgemeinmediziners völlig unattraktiv wird. Die herrschenden Belastungen, Arbeitszeiten und andere Rahmenbedingungen sind der Grund, wieso immer mehr junge Ärzte zögern, diesen Karriereweg einzuschlagen. Außerdem würden in den kommenden zehn Jahren rund die Hälfte der heute tätigen Hausärzte in den Ruhestand treten; Nachbesetzungen seien schon jetzt ein Problem. Ändert sich hier nichts, mahnt Pruckner, könnte diese Situation schon mittelfristig zu einer „enormen Verschlechterung der Versorgung“ führen.

Das Gesundheitsministerium und damit die Gesundheitspolitik, betont Kurienobmann Wawrowsky, seien über das neue Hausarztmodell der ÖÄK informiert. Aber erst jetzt, nachdem das Papier auf dem Tisch liege, könne mit tatsächlichen Verhandlungen begonnen werden. Das betrifft natürlich auch Sondierungsgespräche mit den Krankenkassen beziehungsweise dem Hauptverband. Harte Zahlen, was dieses Projekt in Zukunft tatsächlich bringen - sprich: einsparen - könnte, gibt es zurzeit noch nicht. „Das wird von der Bereitschaft der Regierung abhängen“, meint Wawrowsky, der jedenfalls auf eine „rascheste und gemeinsame Umsetzung“ hofft.


Kernpunkte des Hausarztmodells

  • Optimierte medizinische Betreuung und schnellere Hilfe für Patienten
  • Lotsenfunktion und ärztliche Begleitung im Gesundheitssystem
  • Effektive Patientenbetreuung durch Stärkung des niedergelassenen Bereichs
  • Entlastung der Spitäler
  • Betonung und Neupositionierung des Hausarztes durch mehr Kompetenz
  • Durch mehr Wertschätzung wird der Beruf attraktiver, das „Landarzt-Sterben“ könnte gestoppt werden

 

 

 

Voraussetzungen für die Umsetzung des Hausarztmodells

  • Entsprechende Grundlagen, etwa auf Basis der Verträge zwischen Ärztekammern und Sozialversicherungen oder einer gesetzlichen Regelung
  • Anreizsystem für Patienten
  • Adäquate Honorierung der „Vertrauensärzte“ durch die Sozialversicherungen; zwar wird die Basisversorgung mehr Geld kosten, dafür wird jedoch in den teureren Bereichen eingespart.
  • Registrierung des Hausarztes auf der E-Card
  • Verpflichtende Befundübermittlung
  • Bessere Vernetzung zwischen Ärzten und Spitälern
  • Flächendeckender hausärztlicher Bereitschafts- und Funkdienst
  • Fundierte Aus- und Weiterbildung der Hausärzte
  • Eine fünfjährige Ausbildung zum (Fach)Arzt für Allgemeinmedizin
  • Verpflichtende einjährige Lehrpraxis. Adäquate öffentliche Förderung

 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2010