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ArchivÖÄZ 15/16 - 15.08.2010

Standpunkt - Vize-Präs. Harald Mayer


Eine Frage des Wollens


(c) Zeitler

Zeigt sich in einer krisenhaften Situation leichte Entspannung, ist man oft geneigt, der Krise nicht mehr diejenige Bedeutung beizumessen, die sie eigentlich hat. Doch nur aufgrund der Tatsache, dass sich an einer an sich katastrophalen Situation marginal etwas gebessert hat, heißt das noch lange nicht, dass damit auch schon die Wurzel des Übels beseitigt ist.

Die Rahmenbedingungen, unter denen die Ausbildung unserer jungen Kolleginnen und Kollegen derzeit erfolgt, sind hinlänglich bekannt. Sicherlich gibt es im Turnus vieles, was Jungärztinnen und Jungärzte tun müssen und auch tun sollen – was aber angesichts der Dokumentationsflut ganz sicherlich auf der Strecke bleibt, ist die Ausbildung, also derjenige Bereich, dem sich unsere jungen Kollegen eigentlich den größten Teil ihrer Zeit widmen sollten. Das System nutzt Turnusärzte seit Jahr und Tag als Billigst-Arbeitskräfte, und das noch dazu bei überlangen Dienstzeiten. Kein Wunder also, dass der Großteil der Turnusärzte – wie eine aktuelle IFES-Studie im Auftrag der Bundeskurie angestellte Ärzte ergibt - der Ansicht ist, dass das Ausmaß der Arbeitszeit endlich reduziert werden muss.

Aber es sind ja nicht nur die überlangen Dienste; es geht auch um die (nicht vermittelten) Inhalte: wenn fast 40 Prozent der Turnusärzte mit der Ausbildung nicht zufrieden sind und bei den Turnusärzten in Ausbildung zum Facharzt dieser Prozentsatz fast annähernd gleich hoch ist, stimmt im System etwas nicht - und es ist dringend Korrekturbedarf angesagt.

Nicht anders ist es zu erklären, dass viele Turnusärzte zwar hoch motiviert und engagiert sind – jedenfalls zu Beginn ihrer praktischen Ausbildung. Das ändert sich jedoch sehr rasch und gerade die letzte Phase ihrer Ausbildung, den Turnus, sehen viele Jungmediziner sehr kritisch: Frust überlagert das Engagement, Zweifel an der richtigen Berufswahl lassen so manchen in ein Motivationsloch fallen.

An der Holschuld der Turnusärzte, die man oftmals als alleinige Schuldige für diesen Missstand anführt, kann es nicht liegen. Vielmehr zwingt das System alle darin Handelnden, sich so zu verhalten, wie sie es derzeit – leider – tun und auch tun müssen: Denn die für die Ausbildung eigentlich Zuständigen, die Fachärzte, leiden am Dokumentations-Wahn mindestens genauso wie die Turnusärzte. Erst wenn es hier praktische Abhilfe in Form des Dokumentations-Assistenten gibt, ist eine spürbare Entlastung zu erwarten – und dass Ärzte wieder mehr Zeit für ihre ärztliche Tätigkeit und auch für das ärztliche Gespräch haben.

Der von vielen Seiten so heftig geforderten Approbation unmittelbar nach dem Studium kann ich nichts abgewinnen. Die Gefahr, dass man das Heer der billigen Systemerhalter dann vermutlich auf Jahre hin vergrößert und sich die Ausbildungssituation insgesamt verschlechtert, scheint mir bei diesem Vorhaben doch zu groß zu sein. Die Linie der ÖÄK ist klar: Die bestehende Ausbildung im Spital bedarf dringend einer Verbesserung, und dazu gehört auch, dass endlich eine ordentliche finanzielle Basis für die Lehrpraxis geschaffen wird. In Europa gibt es nur zwei Länder, in denen die Lehrpraxis nicht von der öffentlichen Hand finanziert wird - eines davon ist Österreich. Bei der von uns angedachten Drittel-Lösung sollten Bund, Länder und der ausbildende Arzt jeweils ein Drittel zahlen. Pro Jahr ist von einem Betrag von rund zehn Millionen Euro auszugehen. Seit Jahren scheitert eine angemessene Lösung in Österreich an der Finanzierung. In anderen Ländern wird das Geld für Lehrpraxen ohne mit der Wimper zu zucken ausgegeben.

Das System insgesamt wird sich bewegen müssen, das steht außer Zweifel. Die Spitalserhalter sind gezwungen, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit eine Ausbildung, die diesen Namen auch verdient, schon jetzt in den Krankenhäusern möglich ist. Das sind wir unseren jungen Kolleginnen und Kollegen schuldig. Man kann die Ausbildung auch in kleinen Schritten und ohne große finanzielle Mittel verbessern. Man muss es nur wollen.


Harald Mayer
2. Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2010