Logo Aerzteverlagszeitung
ArchivÖÄZ 2012ÖÄZ 10 - 25.05.2012

Standpunkt - Vize-Präs. Harald Mayer


Wie lange noch?

(c) Zeitler

Wenn man in Gefahr ist, Angst hat, unter Druck steht, ist wohl eine der ersten Fragen, die man sich in einer solchen Situation stellt, jene, wie lang dieser Zustand wohl noch andauern wird.

Umgelegt auf die Arbeitssituation in den österreichischen Spitälern könnte man das wohl folgendermaßen formulieren: Wie lange werden es die österreichischen Spitalsärztinnen und Spitalsärzte noch hinnehmen, dass sie tagtäglich in den Ambulanzen von Patienten überrannt werden mit medizinischen Problemen, die ohne Weiteres auch im niedergelassenen Bereich versorgt werden können?

Die politisch Verantwortlichen werden nicht herum kommen, sich – endlich einmal – mit der Arbeitssituation in unseren Spitälern zu befassen. Es sind ja nicht nur die übervollen Ambulanzen, es geht ja auch um so ganz grundsätzliche Dinge wie die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Höchst-Arbeitszeiten. So ist beispielsweise erst kürzlich ein öffentliches Krankenhaus zu einer Geldstrafe von mehr als 30.000 Euro verurteilt worden, weil die Ärztinnen und Ärzte länger als die erlaubten 72 Wochenstunden gearbeitet hatten.

Nun ist davon auszugehen, dass den Verantwortlichen dieser Umstand von der Nicht-Einhaltung der Arbeitszeit-Höchstgrenzen bekannt war. Und es ist auch davon auszugehen, dass man dies einfach stillschweigend hingenommen hat.

Und wenn es von den Politikern immer wieder heißt, wie wichtig eine entsprechende Qualifikation, Motivation und Bezahlung der jungen Lehrer in Österreich ist, dass darüber hinaus auch deren Arbeitsbedingungen rasch und umfassend verbessert werden müssen, so frage ich mich: Und worum geht es bei der Tätigkeit von Ärztinnen und Ärzten? Es geht um die menschliche Gesundheit und nicht zuletzt um’s Leben – nicht mehr und nicht weniger. Schon allein deswegen ist es unerträglich, dass wir 2012 noch immer darüber reden müssen, dass ein 25-Stunden-Dienst das Maximum ist, was man einem Spitalsarzt und einer Spitalsärztin an Dauer-Arbeitsbelastung zumuten kann.

Ein anderes, nach wie vor ungelöstes Problem ist die Tatsache, dass wir noch immer keine ausreichenden und auch keine adäquaten Teilzeitmodelle haben. Ein Blick in die Beschäftigungs-Statistiken bei den diversen Krankenhausträgern zeigt, was sich aufgrund der Situation an den medizinischen Universitäten schon seit Jahren ankündigt: Die Medizin ist längst weiblich. Es fehlt allerdings an Modellen, wie Frauen auch ihren Beruf ausüben können, wenn sie nicht eine volle Dienstverpflichtung anstreben.

Die vermutlich größte Herausforderung besteht jedoch darin, den Beruf Spitalsarzt wieder attraktiv zu machen. Ich vermisse hier zukunftsweisende Pläne und Überlegungen der Träger, wie dies geschehen soll, wie die Arbeitsbedingungen für die Spitalsärztinnen und Spitalsärzte in Zukunft besser gestaltet werden können. Denn davon wird es ganz entscheidend abhängen, ob die medizinische Versorgung in unseren Spitälern weiterhin funktionieren wird.

Dem Engagement der Spitalsärzte ist es zu verdanken, dass das System Spital nach wie vor funktioniert. Die Frage ist nur: Wie lange noch?


Harald Mayer
Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 10 / 25.05.2012