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ArchivÖÄZ 2012ÖÄZ 12 - 25.06.2012

Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit: Kein Widerspruch!


Im österreichischen Gesundheitswesen herrscht das Minimalprinzip – so analysiert der Institutsdirektor am Haus der Barmherzigkeit in Wien, Wolfgang Huber, die aktuelle Situation bei der Veranstaltung „Konfliktherd Krankenhaus: Ärzte versus Manager“.
Von Marion Huber


Die Ärzte sind für die Menschlichkeit zuständig, die „bösen“ Ökonomen für die Wirtschaftlichkeit – das wurde ihm als Medizinstudent in Österreich vermittelt, erinnert sich Wolfgang Huber, Institutsdirektor am Haus der Barmherzigkeit in Wien, bei der Veranstaltung „Konfliktherd Krankenhaus: Ärzte versus Manager“, zu der das Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) gemeinsam mit der ÖÄK und der AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt) Ende Mai eingeladen hatte. Danach absolvierte er das Studium Health Care Management an der Columbia Universität in New York. Was man den Wirtschafts-Studenten dort zuerst vermittelt hat: „business ethics“ und ethisches Verhalten im Geschäftsleben. Dabei lautete das Credo: „Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit können einander langfristig nicht ausschließen. Wer menschlich sein will, muss auch wirtschaftlich sein - und vice versa.“

In seiner Zeit an der Columbia Universität habe Huber auch festgestellt, dass in Österreich Medizin und Wirtschaft eine andere Sprache sprechen. Als Beispiel dafür nennt Huber die Definition von Erfolg. „Ein Arzt wird sagen: Das Beste ist gerade gut genug. Und ich als Patient möchte auch nur zu einem Arzt gehen, der diese Definition verfolgt“, sagt er. Wie sieht das aber ein Manager? „Ein Manager wird sagen: Die gute Lösung ist gut genug. Allein daran erkennt man schon die Schwierigkeit“, zeigt er auf. Um langfristig erfolgreich zu sein, müsse man sich daher auf eine Sprache einigen.

In diesem Sinn sei es wichtig, zunächst Menschlichkeit zu definieren. Was ist Menschlichkeit? „Es ist die Verpflichtung gegenüber der Würde des Menschen“, wie Huber erklärt. Und obwohl die Gesundheit heutzutage eine neue Religion geworden sei, sei die Würde das höchste Gut des Menschen. „Wenn die Gesundheit das höchste Gut ist, was sagt man dann einem schwer kranken Menschen? Dass er das höchste Gut verloren hat?“, gibt er zu bedenken. Natürlich seien die Gesundheit oder das Leben ein fundamentales Gut, die Würde habe aber die höchste Dignität. Denn egal, ob ein Mensch chronisch krank oder schwer behindert ist, die Würde sei dadurch in keinem Fall beeinträchtigt; sie mache uns alle gleichwertig. „Keineswegs aber macht sie uns gleichartig; zweifellos ist jeder Mensch einzigartig“, betont Huber.

Einer aktuellen Publikation zufolge seien 70 Prozent der klinischen Studien falsch. Warum sie falsch sind? „Weil der Mensch einzigartig ist und es deshalb ausgesprochen schwierig ist, klare Kausalitäten zu definieren“, sagt Huber. Evidencebased Medicine sei daher nur die „halbe Miete“: „Ich glaube, dass die Intuition und Erfahrung der Ärzte dazugehört.“ Zwar habe der Mensch die Züge einer thermodynamischen Maschine, die Würde aber mache ihn einzigartig.

Um menschlich zu sein, müsse man gleichzeitig versuchen, wirtschaftlich zu sein und gut mit knappen Ressourcen umzugehen.

„Im österreichischen Gesundheitswesen sagt man Ärzten und  Krankenhausmanagern, sie sollen das definierte Ziel der Gesundheit mit möglichst geringen Ressourcen erreichen. Es herrscht das Minimalprinzip“, erklärt Huber. Dabei dürfe man Wirtschaftlichkeit aber nicht mit Sparsamkeit verwechseln. Und gerade beim Minimalprinzip sei das „ganz gefährlich“. Denn Sparsamkeit sei oft nicht wirtschaftlich. „Wenn ich etwa Pflegeheime billig baue, bei denen jeder weiß, dass man sie in 20 Jahren neu bauen muss, ist das zwar sparsam, aber alles andere als wirtschaftlich.“

Wirtschaftlichkeit selbst sei wertfrei. „Man kann Wirtschaftlichkeit in die richtige Richtung, aber auch in die falsche Richtung betreiben“, ist er überzeugt. Ob Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit miteinander kompatibel sind, könne man erst beurteilen, wenn die Organisationsethik geklärt ist. Huber dazu: „Wenn ich meine organisationsethischen Hausübungen gemacht habe, kann ich den Anspruch erheben, dass Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit kein Widerspruch sind, sondern einander bedingen.“ Das erfordere allerdings einen ständigen dialektischen Prozess und Konflikt, dem man sich stellen müsse. Sein Resümee: „Die Lösung ist, wenn der Mediziner und der Ökonom zufrieden und die Patienten morgen und übermorgen die Gewinner sind.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2012