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ArchivÖÄZ 2012ÖÄZ 15/16 - 15.08.2012

Ärztebedarfsstudie: Zwei vor Zwölf!


3.000 bis 7.600 Ärzte könnten im Jahr 2030 in Österreich fehlen. Wenn die Medizin-Quotenregelung nicht verlängert wird, steigt die Zahl sogar auf ganze 10.000 an, wie eine kürzlich präsentierte Studie ergab. Es bleiben noch rund 15 Jahre, um entsprechende Gegenmaßnahmen zu setzen.
Von Marion Huber


Verzeichnet Österreich derzeit mit 4,7 praktizierenden Ärzten auf 1.000 Einwohner noch eine der höchsten Ärztedichten weltweit, könnte sich der Trend bis 2030 drastisch umkehren: Zwischen 3.000 und 7.600 Ärzte könnten dann fehlen. Noch schlechter ist die Prognose für den Fall, dass das EU-Moratorium ausläuft und die Medizin-Quotenregelung nicht verlängert wird: Bis zu 10.000 Ärzte gäbe es dann zu wenig. Das ist das Ergebnis einer Ärztebedarfsstudie, die im Auftrag der ÖÄK, des Gesundheitsministeriums und des Wissenschaftsministeriums von der Gesundheit Österreich GmbH durchgeführt und kürzlich präsentiert wurde.

Neben der demographischen Entwicklung der Bevölkerung werde auch jene der Ärzte zu einer Herausforderung für das Gesundheitswesen, sagt ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger. Zwar ist die Zahl der praktizierenden Ärzte ständig im Steigen begriffen – gibt es heute doch viermal so viele Ärzte wie noch vor 40 Jahren – dennoch sei der Ärztemangel in ländlichen Regionen schon jetzt spürbar. Auch fachspezifisch klafften bereits heute große Lücken auf. Und dieser Trend werde sich noch verschärfen, und zwar sowohl im niedergelassenen als auch im spitalsärztlichen Bereich, ist er überzeugt.

Frauen im Aufwärtstrend

Die Zahl der Fachärzte ist mit einem Plus von 470 Prozent deutlich stärker gestiegen als die der Allgemeinmediziner mit 115 Prozent. Zugleich hat die Zahl der angestellten Ärzte in den vergangenen Jahren stärker zugenommen als die der niedergelassenen. Ein konstanter Aufwärtstrend ist auch beim Frauenanteil – sowohl bei den bereits praktizierenden Ärzten als auch unter den Turnusärzten – zu verzeichnen. Schon jetzt sind sechs von zehn Turnusärzten weiblich. All diese Entwicklungen sind miteinzubeziehen, wenn der künftige Bedarf realistisch eingeschätzt werden soll. „Die vorliegende Studie legt die Basis für eine koordinierte gesamtösterreichische Planung des Gesundheitswesens“, zeigte sich Gesundheitsminister Alois Stöger erfreut.

Eine eindeutige Bedarfsabschätzung war aber auch im Rahmen der aktuellen Studie nicht möglich, da zu wesentlichen Parametern, nämlich der Versorgungswirksamkeit von Wahlärzten und dem tatsächlichen Pensionsantrittsalter, keine validen Daten zur Verfügung standen. Um diesen Unsicherheitsfaktor auszugleichen, wurden zwei verschiedene Sets an Annahmen modelliert und zwei Szenarien ausgearbeitet.

Szenario 1: Man geht von einer geringeren Versorgungswirksamkeit der Wahlärzte und einem etwas höheren Pensionsantrittsalter aus. In diesem Fall stehen in den kommenden 20 Jahren noch ausreichend Ärzte zur Verfügung – danach wird es allerdings zu einem Ärztemangel kommen: Im Jahr 2030 würden insgesamt 3.270 Ärzte fehlen; konkret gäbe es 2.200 Fachärzte und etwa 1.070 Allgemeinmediziner zu wenig.

Szenario 2: Bei einer höheren Versorgungswirksamkeit durch Wahlärzte und einem etwas niedrigeren Pensionsantrittsalter wird die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage schon in den kommenden Jahren deutlich auseinanderklaffen. Laut diesem Modell gäbe es im Jahr 2030 ganze 7.650 Ärzte – 5.200 Fachärzte und 2.450 Allgemeinmediziner – zu wenig. Bedingt durch die Pensionierungen der derzeit berufstätigen Ärzte würde sich die Situation zwischen 2020 und 2025 am stärksten zuspitzen. Betrachtet man nämlich die Altersstruktur, zeigt sich, dass bis 2030 zwischen 75 und 85 Prozent der im Jahr 2010 praktizierenden Ärzte in Pension gehen werden.

Gesondert ausgewertet wurde im Rahmen der Studie auch der Fall, der bei Ende des EU-Moratoriums Realität werden könnte. Bekanntlich sind zur Zeit 75 Prozent der Studienplätze eines Jahres für Studenten mit österreichischen Reifeprüfungszeugnissen vorgesehen. Wird die Quotenregelung allerdings nicht verlängert, würde das Ärzteangebot für 2025 um rund 1.500 Personen geringer ausfallen als mit dem Moratorium. In der Folge würden bis zum Jahr 2030 zusätzliche 2.500 Ärzte weniger zur Verfügung stehen und damit insgesamt sogar 10.000 Ärzte fehlen. So zeige die Studie ganz klar, wie Wissenschafts-minister Karlheinz Töchterle betonte, dass es eine Quotenregelung brauche, um die medizinische Versorgung in Österreich sicherstellen zu können. Und weiter: „Wir sind betreffend der Verlängerung in ständigem und sehr gutem Kontakt mit der EU-Kommission.“

Ein weiterer Faktor, der nicht zu unterschätzen ist: Bereits jetzt wandern Medizin-Absolventen immer wieder ins Ausland ab. Um den medizinischen Nachwuchs auch für die Zukunft zu sichern, gelte es, die Absolventen an den hiesigen Arbeitsmarkt zu bringen. Dazu müssten - so Töchterle - die Rahmenbedingungen verbessert und der Standort Österreich somit wieder attraktiver gemacht werden. Auch für den ÖÄK-Präsidenten sind bessere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen für Ärzte schlichtweg unabdingbar, was sich mit den Ergebnissen und Empfehlungen der aktuellen Ärztebedarfsstudie deckt.
Diese lauten unter anderem:

  • Entlastung der Ärztinnen und Ärzte von Verwaltungs- und Dokumentationsaufgaben und delegierbaren Tätigkeiten
  • Attraktivität ärztlicher Tätigkeiten im Spital steigern: Die administrative Belastung muss reduziert, das Personal sinnvoll und je nach Qualifikation eingesetzt und der Zustrom zu den Ambulanzen gesteuert werden. Weitere Faktoren sind eine leistungsgerechte Entlohnung sowie die Einhaltung der Arbeitszeithöchstgrenzen.
  • Attraktivität der Niederlassung steigern: Dazu gehören ein adäquates Einkommen, bessere Arbeitsbedingungen und ein attraktiveres Arbeitsumfeld sowie die Möglichkeit der flexibleren Zusammenarbeit etwa in Gruppenpraxen.
  • Attraktivität der Ausbildung steigern (Qualitätsstandards, Lehrpraxen)
  • Besonders im Hinblick auf junge und weibliche Ärzte müssen neue Karrieremodelle, flexible Arbeitszeitmodelle und eine ausgeglichene Work-Life-Balance geschaffen werden.


Damit bestätigen die Prognosen und Empfehlungen der Studie jahrelange Warnungen und Forderungen der ÖÄK, betonte Wechselberger: „Auch wenn die beiden vorliegenden Berechnungsmodelle eine große Bandbreite aufweisen, zeigen doch beide, dass es nicht fünf, sondern zwei vor Zwölf ist.“ Etwa 15 Jahre blieben der Gesundheitspolitik noch, um das Ruder herumzureißen. „Das sind nicht einmal zwei vollständige Mediziner-Ausbildungszyklen“, gab er zu bedenken.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2012