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ArchivÖÄZ 2012ÖÄZ 17 - 10.09.2012

Osteoporose und Kieferknochen


Dynamische Umbauprozesse

Zwar ist die Wirkung der Osteoporose auf Wirbelkörper und Röhrenknochen gut erforscht; über den Einfluss auf den Kieferknochen ist jedoch wenig bekannt. Speziell unter einer Dauertherapie mit Bisphosphonaten sollten die Patienten auf die möglichen Nebenwirkungen bei zahnärztlichen Interventionen aufmerksam gemacht werden.
Von Elisabeth Gerstendorfer


Etwa 600.000 bis 700.000 Österreicher leiden an Osteoporose oder haben ein erhöhtes Osteoporose-Risiko. Vor allem Frauen sind - aufgrund des Wechsels - vom Rückgang der osteoprotektiven Östrogene betroffen. So erkrankt nach der Menopause etwa ein Drittel aller Frauen an Osteoporose. Ab einem Alter von 80 Jahren sind es rund zwei Drittel aller Frauen, deren Knochen schleichend an Masse, Struktur und Festigkeit verlieren. Aber auch bei Männern nimmt die Erkrankungsrate zu: Bereits jeder vierte Osteoporose-Patient ist männlich. Osteoporose zählt neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arthrose und Diabetes zu den Volkskrankheiten in Österreich und ist neben hormonellen Veränderungen vor allem durch Alterungsprozesse, Bewegungsarmut und Ernährungsmängel bedingt. „Ursache der abnehmenden Knochenmasse und Struktur ist ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Knochenbildung und Knochenabbau. Die Resorption der Osteoklasten überwiegt die Formation der Osteoblasten, wodurch es zu einem Verlust der Knochenstabilität und zu einem erhöhten Risiko für Frakturen kommt“, sagt Prof. Reinhard Gruber, seit Februar 2012 Leiter des Labors für Orale Zellbiologie ab der Universität Bern. Er war zuvor an der Abteilung für Orale Chirurgie der Bernhard-Gottlieb-Universitätszahnklinik Wien tätig. Speziell Wirbelkörper, Radius und Ulna sowie der Oberschenkelhals sind von der erhöhten Knochenbrüchigkeit betroffen.

Während die Auswirkungen der Osteoporose in den Wirbelkörpern und Röhrenknochen bekannt sind, bleiben die osteoporotischen Veränderungen am Kieferknochen und deren klinische Konsequenzen weniger gut untersucht. „Wir wissen, dass es auch im Alveolarknochen zu dynamischen Umbauprozessen kommt und bei osteoporotischen Tiermodellen die katabolen Veränderungen klar nachweisbar sind. Bei Patienten ist die Situation nicht so klar, kommt es doch nach Zahnverlust ebenfalls zu katabolen Veränderungen im Kieferknochen, unabhängig von der Diagnose Osteoporose“, so Gruber. Für zahnärztliche Behandlungen und die Mundgesundheit könnte es - so Gruber - dennoch bedeutsam sein, ob der Patient an Osteoporose leidet oder nicht. Die Fraktur sei im Kieferbereich kein Thema; es könne aber davon ausgegangen werden, dass die Osteoporose im Zusammenhang mit zahnärztlichen Indikationen steht.

Patienten sollten Zahnarzt informieren

Die bisher vorliegenden Studien lassen keinen oder gegebenenfalls nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Osteoporose und zahnärztlichen Indikationen wie Zahn- und Implantatverlust sowie Parodontitis zu. „Osteoporose ist hauptsächlich im Oberkiefer ein signifikant auffälliger Risikofaktor für frühen Implantatverlust. Neben einer Verlängerung der sequentiellen Einheilzeit kann es zu einer Einschränkung der stabilen Implantatverankerung kommen“, sagt Gruber. Zwar lassen sich auch bei schwerster Osteoporose dentale Implantate einsetzen; ihre Belastbarkeit ist jedoch meist herabgesetzt und der Knochen anfälliger für Entzündungen. Gruber: „Generell ist Osteoporose kein Hinderungsgrund für Zahnimplantate. Allerdings sollten Betroffene den Zahnarzt über ihre Erkrankung informieren - nicht nur bei Implantaten. Das ist vielen nicht bewusst.“

Besonders die Kenntnis darüber, dass die regelmäßige Einnahme von Bisphosphonaten den Gold-Standard bei der Behandlung der Osteoporose darstellt, ist für Zahnbehandlungen zentral. Die Medikamente aus der Gruppe der Antiresorptiva, welche die Aktivität der Osteoklasten hemmen und dadurch dem Knochenabbau entgegenwirken, sorgen immer wieder für Verunsicherung bei Patienten und auch Zahnärzten. Diese werden vor allem durch Berichte über unerwünschte Nebenwirkungen in der Mundhöhle ausgelöst. Bei onkologischen Patienten unter Bisphosphonat-Therapie kommt es mit einer Inzidenz von rund drei bis acht Prozent zu Entzündungen im Kieferknochen bis hin zur Kiefernekrose, häufig als Folge einer zahnärztlichen Intervention. „Bisphosphonate werden auch in der Tumorbehandlung eingesetzt, allerdings in einer mehr als zehnfachen Dosierung und intravenös - nicht wie bei Osteoporose oral. Bei Patienten mit Osteoporose lassen die sehr seltenen Beobachtungen von Nebenwirkungen nicht zu, dass ein Zusammenhang anzunehmen ist“, betont Univ. Prof. Heinrich Resch, Vorstand der II. Medizinischen Abteilung am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien.

Der Großteil der Fälle - rund 95 Prozent - in denen eine Kiefernekrose als Nebenwirkung von Bisphosphonat-Gabe auftrat, wurde bei Patienten mit osteolytischen Tumorerkrankungen beschrieben, vor allem bei Multiplem Myelom sowie Mamma- und Prostatatumoren. Die übrigen fünf Prozent sind überwiegend mit metabolischen Osteopathien wie Osteoporose und Morbus Paget assoziiert. „Zur Entstehung dieser sehr seltenen Nebenwirkung gibt es verschiedene Theorien, die noch nicht nachgewiesen werden konnten. Einerseits könnte der gestörte Resorptionsmechanismus bei Eingriffen und Wundheilungen in der Mundhöhle zu Infektionen führen. Eine zweite Theorie sieht die Ursache in Durchblutungsveränderungen, sodass gewisse Areale nekrotisch werden können“, sagt Resch.

Patienten mit Osteoporose sollten vor Beginn der Bisphosphonat-Therapie auf das geringe Risiko der beschriebenen Nebenwirkungen sowie auf die prophylaktische Wirkung von Mundhygiene und regelmäßigen Zahnarztbesuchen aufmerksam gemacht werden. Chirurgische Maßnahmen im Mundbereich sollten nur unter Antibiotikaschutz erfolgen. „Treten bei Osteoporose-Patienten unter Bisphosphonat-Therapie Veränderungen in der Mundhöhle wie etwa Entzündungen, Druckstellen und Verletzungen oder Kieferschmerzen auf, sollte die Bisphosphonate abgesetzt werden, bis die lokale Situation geklärt ist“, resümiert Resch.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 17 / 10.09.2012