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ArchivÖÄZ 2012ÖÄZ 18 - 25.09.2012

Kommentar - Vize-Präs. Karl Forstner


Interprofessionalität auf dem Vormarsch?


Die Lufttemperatur in Wien wies subfebrile Werte auf und der Ausblick über die Stadt war großartig. Dies waren die äußeren Bedingungen einer Veranstaltung des Hauptverbandes in diesem Sommer.

Inhaltlich ging es bei dieser Veranstaltung um die Beziehungen und Schnittstellen zwischen Bildungsbereich und Gesundheitswesen vor dem Hintergrund zunehmend vernetzter Strukturen und verschwimmender Grenzen traditioneller Arbeitswelten. Es sollte bei dieser Veranstaltung der Frage nachgegangen werden, welche Veränderungen in der Bildungsstrategie allenfalls erforderlich sind, um dem Bedarf des Gesundheitssystems nach qualifiziertem Personal auch künftig entsprechen zu können.

Und warum sollte das Ärzte und Ärztinnen interessieren, außer vielleicht jene, die an Universitäten lehren? Ganz einfach, weil die hier vorgestellten Überlegungen zum Bildungsbereich bei ihrer Umsetzung substantiell in Organisation und Struktur des Gesundheitswesens eingreifen würden - oder anders gesagt: Der Bildungsbereich wird zum Hebel für Veränderungen im Gesundheitssystem. Interprofessionalität, Auflösung der gewachsenen Grenzen zwischen Berufsgruppen oder das Infragestellen hierarchischer Strukturen sind nur einige der Schlagworte und Zielsetzungen dieser Diskussion.

Die österreichische Ärzteschaft wäre aber schlecht beraten, sich diesem Dialog zu verweigern. Einerseits, weil zur Kenntnis zu nehmen ist, dass sich Ansprüche tatsächlich verändern und andererseits weil diese Diskussion auf bildungs- und gesundheitspolitischer Ebene in den deutschsprachigen Ländern längst intensiv in Gang ist. Eine Beteiligung an diesem Dialog ist aber auch deshalb nötig, um jenen entgegentreten zu können, die hier ihre Chance sehen, aus der Medizin Randbereiche herauszubrechen. Die Lust nach Zugewinn an Aufgaben, nach Bedeutungs- und Machtzuwachs ist hier ebenso klar zu erkennen wie der Mangel an Konzepten, dafür im Gegenzug vermehrt Verantwortung zu übernehmen. Dieses „Privileg“ bliebe wohl Ärzten und Ärztinnen vorbehalten.

Solche Entwicklungen sind natürlich weder für die Ärzteschaft akzeptabel noch bedeuteten sie für Patienten einen wünschenswerten Zustand. Umso mehr dürfen wir bei diesem Thema nicht abseits stehen.


* Dr. Karl Forstner ist 1. Vize-Präsident der ÖÄK



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2012