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ArchivÖÄZ 2012ÖÄZ 18 - 25.09.2012

Versorgung im niedergelassenen Bereich


Trendumkehr notwendig

Entgegen dem im niedergelassenen Bereich erkennbaren Trend zur Reduktion der Kassenstellen fordert der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der ÖÄK, Johannes Steinhart, mehr als 1.000 neue Kassenplanstellen – was rund 322 Millionen Euro einspart und gleichzeitig die Spitalsambulanzen entlastet.
Von Agnes M. Mühlgassner


Basierend auf Zahlen des Gesundheitsministeriums hat die ÖÄK ein Simulationsmodell errechnet, welche finanziellen Auswirkungen die Verlagerung von Leistungen aus den Spitalsambulanzen in den niedergelassenen Bereich bringen. Laut Ministerium kostet ein Besuch beim Allgemeinmediziner durchschnittlich rund 14 Euro, beim Facharzt 44 Euro und in der Spitalsambulanz 92 Euro.

Im Rechenmodell ist man von der Annahme ausgegangen, 75 Prozent der in den Spitalsambulanzen erbrachten Leistungen in den niedergelassenen Bereich zu verlegen. Berücksichtigt wurden dabei auch die in den Ambulanzen verbliebenen Leistungen, die Restkosten ausgelagerter Ambulanzen (wie etwa noch diverse vorhandene Strukturen in der Übergangszeit) sowie die Kosten durch die neu zu schaffenden Kassenplanstellen im niedergelassenen Bereich. Laut Rechenmodell müssten 1.041 Ordinationen neu geschaffen werden – und selbst dann ist noch mit einem Einsparungseffekt von rund 322 Millionen Euro pro Jahr zu rechnen. „Wir haben bei dieser Berechnung bewusst nicht die durchschnittlichen Leistungskosten von 23 Euro verwendet, sondern die Facharzt-Leistung mit 44 Euro“, erläutert der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der ÖÄK, Johannes Steinhart. Und man habe beim möglichen Einsparungspotential „wie ein vorsichtiger Kaufmann“ gerechnet – und komme schon so auf eine Summe von knapp 322 Millionen Euro pro Jahr.

Der laut Steinhart zentrale Punkt in diesem Simulationsmodell ist jedoch die Schaffung von rund 1.000 neuen Ordinationen im niedergelassenen Bereich. Speziell hier hätte die Politik in den letzten Jahren den Sparstift angesetzt, denn „seit dem Jahr 2000 fehlen unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums auf das damalige Versorgungsniveau 1.309 Kassenstellen österreichweit“, so der Kurienobmann. Welche praktischen Auswirkungen das hat, führte er am Beispiel Oberösterreich aus. Dort hatte Landeshauptmann Josef Pühringer – gleichzeitig auch Gesundheitsreferent – im Wahlkampf den Fachärztemangel beklagt und plakatiert. Während österreichweit auf 1.000 Einwohner 2,6 Fachärzte kommen, sind es in Linz-Land nur 0,8 Fachärzte pro Einwohner. Steinhart dazu: „Die Versorgungsproblematik ist oft sehr verdeckt. Weniger Ordinationen bedeuten längere Wartezeiten und als eine weitere Folge der Ausdünnung kommt es zum Verlust der wohnortnahen Versorgung.“

Für die Finanzierung der neuen Kassenplanstellen fordert Steinhart die Einrichtung eines „Transformationsfonds“. Dieser soll mit den Einsparungen aus den Spitalsambulanzen gespeist werden und den Krankenkassen auf Dauer zur Verfügung gestellt werden. Damit könnte etwa die Finanzierung von Gruppenpraxen gewährleistet werden, da diese ja auch die Versorgung an den Randzeiten übernehmen sollen. Das von der Steuerungsgruppe Gesundheit in Aussicht gestellte „virtuelle“ Budget ist für Steinhart eben nur „virtuell“. Der Transferfonds hingegen sei real: „Wir zahlen ein und haben hier Geld für einen konkreten Zweck.“ Der Kurienobmann weiter: „Ich biete der Politik an, sofort mit uns Verhandlungen aufzunehmen.“

Was Steinhart in diesem Zusammenhang grundsätzlich fordert, ist, dass Ärztinnen und Ärzten der Zugang zur Gruppenpraxis erleichtert wird, denn dieser sei derzeit mit einem „enormen bürokratischen Aufwand“ verbunden – bei gleichzeitig steigendem Interesse der Ärzte. „Vor allem die jungen Kollegen wollen in eine Gruppenpraxis“, weiß Steinhart. Die Zahlen aus dem Bundesland Wien sprechen für sich: Derzeit gibt es 70 Dauer-Gruppenpraxen, rund 80 sind in Planung. Wieso sie noch nicht umgesetzt sind? „Die Krankenkassen sehen sich außerstande, das umzusetzen“, so Steinhart.

Der Sparzwang im Gesundheitswesen könnte letztlich in einem General-Crash münden, fürchtet der Kurienobmann: „Die Ambulanzen werden heruntergefahren, die Ordinationen werden heruntergefahren – und der Patient fällt mittendrin durch.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2012