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ArchivÖÄZ 2012ÖÄZ 18 - 25.09.2012

Neues Medizin-Curriculum


Alle ziehen an einem Strang

Am 1. Oktober 2012 tritt die Novelle für das Medizin-Curriculum an der MedUni Wien in Kraft. Damit beschreiten erstmals alle österreichischen Medizin-Universitäten einen einheitlichen Weg zu einer klinisch-praktischen Ausbildung.
Von Ruth Mayrhofer


Zur Vorbereitung der Novelle zum Curriculum des Medizinstudiums an der MedUni Wien waren zwei Jahre intensivster Vorarbeiten notwendig, in die alle Verantwortlichen an der Universität, die Vizerektorinnen und Vizerektoren aller Medizin-Universitäten, genauso wie eine Reihe namhafter heimischer und internationaler Experten sowie Studierenden-Vertretungen eingebunden waren.

„Wir freuen uns sehr, dass der Beschluss zum baldigen Inkrafttreten der Novelle gefasst wurde“, erklärt Univ. Prof. Anita Rieder, Curriculum-Direktorin für das Humanmedizinstudium an der Medizinischen Universität Wien. „Denn so beschreiten alle Medizinischen Universitäten den gleichen Weg und ziehen damit an einem Strang. Das war nicht immer so.“ Eine 100-prozentige Gleichschaltung der Studien-Curricula wird es jedoch nicht geben, auf Spezifika einzelner Universitäten kann sehr wohl Rücksicht genommen werden. „Die Grundausrichtung ist für alle gleich, aber jede Medizin-Universität wird beim Ablauf des Studiums und in der Lehre eigene Schwerpunkte setzen können“, erklärt Rieder.

In Wien werden im vierten Ausbildungsjahr die Fächer Chirurgie und Interne Medizin vorgezogen. Bisher war dies im fünften Studienjahr der Fall. „Damit wird dieses Studienjahr für die Studierenden zweifellos sehr intensiv werden, und manche Studierende werden das sicher als Kriterium sehen“, meint der stellvertretende Curriculum-Direktor, Univ. Prof. Werner Horn. Und: „Im Vorfeld der Novelle gab es sehr wohl diesbezügliche Bedenken seitens der Studentenvertretungen und einige Diskussionen. Letztlich haben diese Gremien aber zugestimmt. Und das ist wichtig.“

Die wohl größte Veränderung betrifft das so genannte „klinisch-praktische Jahr (KPJ)“. Dieses wird im sechsten Ausbildungsjahr ab dem Wintersemester 2014/2015 für alle Medizinstudierenden verpflichtend sein. Die angehenden Ärztinnen und Ärzte werden dabei in Lehrkrankenhäusern in den laufenden Betrieb integriert werden und sollen 48 Wochen lang mit einer Arbeitszeit von 35 Stunden pro Woche als Teil des Spitalbetriebes in die ärztliche Rolle hineinwachsen. In dieser Zeit sollen die Studierenden die in den vorangegangenen fünf Studienjahren erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten gemäß dem österreichischen Kompetenz-Katalog vertiefen. Dieser Kompetenz-Katalog wurde von allen österreichischen Medizin-Universitäten gemeinsam erarbeitet. „Im klinisch-praktischen Jahr wird die fachliche Ausbildung um die praxisbezogene umfassende Tätigkeit am Krankenbett, die Teilnahme an klinischen Besprechungen und die längerfristige Einbindung und Erprobung im Team komplettiert“, betont Karin Gutiérrez-Lobos, Vizerektorin für Lehre an der Medizinischen Universität Wien. „Es freut mich, dass es den Medizinischen Universitäten gelungen ist, gemeinsame Standards festzulegen.“

Anita Rieder über die Vorteile der Neuerung: „Das klinisch praktische Jahr gab es schon bisher in Innsbruck und in Graz. Wien zieht also nach. Die Integration in den Spitalsbetrieb kann den Studenten für die Zukunft nur nützen - fachlich genauso wie für einen allfällig anschließenden Turnus im selben Lehrkrankenhaus.“

Interview
Warum gerade Medizin?

Die ÖÄZ fragte zwei Medizinstudenten im dritten Semester nach ihren bisherigen Eindrücken aus dem Studium sowie deren Erwartungen an ihr späteres Berufsleben. Die Interviews führte Ruth Mayrhofer.


ÖÄZ: Warum haben Sie sich für ein Medizinstudium und damit den Arztberuf entschieden?
Isa Brünker, Medizinische Universität Frankfurt am Main (D):
Ich wollte schon im Kindergarten Ärztin werden. Konkret verfestigt hat sich der Gedanke aber, als ich selbst ins Krankenhaus musste und ich erlebt habe, wie Ärzte arbeiten. Ich möchte Menschen verstehen und ihnen aus diesem Verständnis heraus als Ärztin helfen.

Magdalena Breitwieser, Medizinische Universität Innsbruck( A):
Es hat mich immer schon interessiert, wie der Mensch ‚funktioniert‘. Da ich Menschen gerne helfen möchte, habe ich mich nach einem einjährigen Aufenthalt in Frankreich zum Medizinstudium entschlossen und wurde auf Anhieb zugelassen.


Entspricht das Studium Ihren Erwartungen?
Brünker: Das Studium ist in meinem Studienabschnitt (Vorklinik, Anm.) sehr ‚verschult‘. Damit ist eine Selbst-Einteilung des Lernens schwierig und die Studierenden haben wenige Möglichkeiten, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu entwickeln. Aber das kommt ja noch. Ich finde es aber generell schade, dass ungleich zu anderen Studienrichtungen im Fach Medizin keine anrechenbaren Auslandssemester vorgesehen sind. Diese Möglichkeit hätte ich gerne genützt.

Breitwieser: Es passt. Natürlich ist es ein sehr anspruchsvolles Studium, in dem man sehr gut theoretische und praktische Fähigkeiten erwerben kann und wirklich viel lernen muss. Um auch ein wenig Freizeit zu haben, muss man sich die Zeit entsprechend einteilen. Es wäre fein, wenn ich in Absprache mit der Universität auch das eine oder andere Auslandssemester im Rahmen der Ausbildung in Anspruch nehmen könnte.

Wohin, denken Sie, wird Sie Ihr Berufsweg langfristig führen?
Brünker: Nach dem Studium würde ich gerne eine Zeit lang in der Entwicklungshilfe arbeiten. Mittelfristig könnte ich mir vorstellen, im deutschsprachigen oder englischsprachigen Ausland weitere Erfahrungen zu sammeln. Als Fach interessiert mich Anästhesie, aber auch eine hausärztliche Tätigkeit schließe ich nicht aus. Wichtig für mich ist primär, viel Kontakt zu den Patienten zu haben.

Breitwieser: Da bin ich mir noch nicht ganz sicher, weil man die einzelnen Vor- und Nachteile in den diversen Berufsfeldern gegeneinander abwiegen muss. Als niedergelassene Ärztin ist man seine eigene Chefin; vielleicht geht mein Weg ja in diese Richtung. Außerdem könnte ich mir gut vorstellen, im Ausland für ‚Ärzte ohne Grenzen‘ tätig zu sein.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2012