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ArchivÖÄZ 2012ÖÄZ 6 - 25.03.2012

Turnusevaluierung in Wien: Nie wieder Arzt


32 Prozent aller Wiener Turnusärzte würden weder nochmals die gleiche Ausbildung noch den gleichen Berufsweg einschlagen. Der Grund: Sie werden nach wie vor als Hilfskräfte eingesetzt. ÖÄK-Präsident Walter Dorner plädiert nun dafür, Ausbildungs-Coaches für Jungärzte einzusetzen.

Von Agnes M. Mühlgassner


Mit einem Online-Fragebogen zu den klassischen Fragen über die Arbeits- und Berufszufriedenheit hat die Österreichische Gesellschaft für Marketing (OGM) im Feber dieses Jahres im Auftrag der Ärztekammer Wien alle Wiener Ärztinnen und Ärzte kontaktiert. 1.813 haben geantwortet, was einem Rücklauf von fast 20 Prozent entspricht; davon waren wiederum 374 Jungärzte. Für eine so umfangreiche Befragung ist dies laut Wolfgang Bachmayer von OGM „beachtlich“, die Ergebnisse sind „repräsentativ“.

Die Studie über die Arbeitszufriedenheit gibt eigentlich Auskunft über die Arbeits-Unzufriedenheit der Wiener Jungärzte. Auf die Frage: „Würden Sie wieder die gleiche Ausbildung und den gleichen Berufsweg einschlagen?“ antworteten 30 Prozent mit ‚nein’; 60 Prozent sind zuversichtlich, trotz aller Mängel ihr ärztliches Karriereziel zu erreichen.

Woher diese Unzufriedenheit rührt? Auch das war eine der zentralen Fragestellungen der Studie. 60 Prozent der Turnusärzte geben an, dass sie mehr als 60 Stunden pro Woche arbeiten; mehr als die Hälfte hat zwei Nachtdienste pro Woche und zusätzlich noch zwei Wochenenddienste pro Monat. Aber das „wirkliche Problem“ (Bachmayer) ist die Tatsache, dass die Jungärzte nicht für ihre Ausbildung und ihr Karriereziel eingesetzt werden. Nur zehn Prozent der Arbeitszeit gelten effektiv der Ausbildung; 42 Prozent der Zeit gehen für Dokumentation und Administration auf. Positiv beurteilen die Wiener Turnusärztinnen und Turnusärzte die Kollegialität an der eigenen Abteilung. Stephanie Plefka, eine betroffene Turnusärztin, zur Studie: „Diese Ergebnisse sollten aufrütteln. Die Unzufriedenheit unter den Turnusärzten ist gegeben.“

Und Dorner sieht durch die Umfrage bestätigt, worauf die Ärztekammer schon seit vielen Jahren hinweist: „Die Turnusärzte in Wien werden zu wenig ins medizinische Geschehen einbezogen. Sie werden als Hilfskräfte eingesetzt.“ Wenn Jungärzte den größten Teil ihrer Arbeitszeit mit Administration und Dokumentation verbringen, dürfe man sich nicht wundern, „wenn der Frust groß ist“, so Dorner weiter. Und er kündigt Aktionen für die nächsten Monate und Jahre an: „Es ist dringender Handlungsbedarf gegeben, die Turnus-Ausbildung in Wien zu verbessern.“


Turnusärzte: Wien ist anders

Im Vergleich mit anderen Bundesländern fällt die Beurteilung der Ausbildungsqualität des Turnus für Wien wesentlich schlechter aus. Hier müssen Turnusärzte mehr Hilfsdienste erledigen als im Rest von Österreich.
Von Agnes M. Mühlgassner

Für den Jungärztereferenten der Ärztekammer Wien, Martin Andreas, ist ganz klar, wo die Ursache für dieses Übel liegt: „Viele Tätigkeiten, die unbeliebt waren, hat man den Turnusärzten aufgeladen.“ Im Gegensatz zu den USA werde in Österreich die Ausbildung nicht regelmäßig evaluiert. Das soll sich in Zukunft ändern, wie Andreas bei einer Präsentation einer aktuellen Auswertung von Daten vor Journalisten erklärte. In Wien wurden 803 Turnusärzte befragt; österreichweit waren es insgesamt 3.000 Turnusärzte. Durchgeführt wurde diese Erhebung vom ärztlichen Qualitätszentrum in Zusammenarbeit mit der Ärztekammer für Wien.

Zu den Ergebnissen:

  • Die Wiener Turnusärztinnen und Turnusärzte müssen mehr Blut abnehmen im Vergleich zum übrigen Österreich (Wien: 84 Prozent der Befragten; Österreich: 66 Prozent);
  • Besonders eklatant ist dieser Unterschied beim EKG-Schreiben: Wien: 68 Prozent, Österreich: 15 Prozent;
  • Auch beim Blutdruckmessen gibt es Diskrepanzen: in Wien müssen das 20 Prozent der Jungärzte tun, in Österreich lediglich sechs Prozent;
  • Das Vereinbaren von Terminen gehört in Wien bei 30 Prozent zur täglichen Arbeit von Turnusärzten; in Österreich sind es 18 Prozent.
  • 34 Prozent der Wiener Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung müssen immer alte Krankengeschichten ausheben und Befunde abfragen; in Österreich sind es 25 Prozent.
  • 28 Prozent der Wiener Turnusärzte sagen, dass sie sich arbeitsmäßig auf der Abteilung überlastet gefühlt haben; österreichweit sind es 18 Prozent.


Der Qualität der Ausbildung wird insgesamt kein gutes Zeugnis ausgestellt: Lediglich zwölf Prozent der Wiener Turnusärzte geben - nach dem Schulnotensystem - dafür die Bestnote „sehr gut“ (in Gesamt-Österreich sind es 16 Prozent). Jeweils knapp ein Drittel der Ärzte beurteilt die Qualität der Ausbildung mit einem „befriedigend“.

Die Forderung von Andreas angesichts dieser Ergebnisse: „Dort, wo Turnusärzte schlecht ausgebildet werden, müssen Betten gesperrt werden. Wenn es einen Mangel an Pflegepersonal gibt, werden auch immer wieder Betten gesperrt.“




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 6 / 25.03.2012