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ArchivÖÄZ 2013ÖÄZ 1/2 - 25.01.2013

Standpunkt - Vize-Präs. Harald Mayer


Unbefriedigend

(c) Zeitler

Auch die Tatsache, dass sich knapp die Hälfte aller derzeit in Ausbildung befindlichen Turnusärztinnen und Turnusärzte an der laufenden Evaluierung über eben diese ihre Ausbildung beteiligen, kann nicht wettmachen, dass die Ergebnisse zum Teil wirklich Besorgnis erregend sind. Das spiegelt die große Unzufriedenheit der jungen Ärzte mit der aktuellen Situation nur zu deutlich wider.

Ausbildung braucht Zeit, und diese Zeit hat man allen Involvierten ja schon lange genommen. Es braucht Zeit, die der Ausbildner sich nehmen können muss und auch Zeit für den Turnusarzt, die er benötigt, um zu sehen, zu hören, zu fragen und zu lernen. Die Ergebnisse der Evaluierung zeigen ganz klar die Mängel unseres Systems auf: Dort, wo Turnusärzte als Systemerhalter missbraucht werden, fällt die Bewertung schlecht aus. Und überall dort, wo es etwa um Bedside teaching, selbstständiges Arbeiten unter Aufsicht oder aktive Miteinbeziehung der Turnusärzte in Prozessabläufe geht, dort fällt die Beurteilung gut aus.

So gesehen kann der Turnus ja beinahe als Negativ-Beispiel dafür herhalten, wie man es in drei Jahren schaffen kann, jedem noch so motivierten Jungmediziner jegliche Freude an der Arbeit gründlich zu verderben. Den Umkehrschluss, dass es anders auch möglich ist, lassen – stellvertretend – jene Abteilungen zu, die von den Turnusärztinnen und Turnusärzten mit „sehr gut“ beurteilt worden sind.

Falls es sich noch nicht herumgesprochen haben sollte: Der Ausbildungs-Assistent ist in Österreich gesetzlich verankert. An den österreichischen Spitälern ist jedoch bis dato
leider nur selten etwas davon zu bemerken. Meines Wissens gibt es sie in keinem Dienstplan. Die Forderung von Seiten der ÖÄK ist daher ganz klar: Es muss an jeder Abteilung mindestens einen halben Posten geben, der eindeutig als Ausbildungs-Assistent deklariert ist.

Änderungen sind möglich: So hat es etwa in einem Bundesland im Zuge der Evaluierung einige Abteilungen gegeben, die sehr schlecht abgeschnitten haben, was die jeweiligen Leiter der Krankenanstalten dem Gesamtranking aller Krankenhäuser ihres Bundeslandes entnehmen konnten. Und was ist passiert? Plötzlich sind die am schlechtesten bewerteten Abteilungen bei den nächsten Bewertungen zu den besten geworden. Hier konnte innerhalb kürzester Zeit ein gewaltiger Lernerfolg bei einzelnen Abteilungen verzeichnet werden. Gerade unter Turnusärzten spricht es sich schnell herum, an welchen Abteilungen tatsächlich ausgebildet wird und welche man auf jeden Fall meiden sollte.

Und die Jungen wählen nicht nur die Abteilungen, an denen sie ihre Ausbildung absolvieren, sie wählen auch immer mehr das Land. Sie sind flexibel, die jungen Kolleginnen und Kollegen: Stimmen die Rahmenbedingungen nicht, gehen sie einfach ins benachbarte Ausland.

Wenn die Krankenhausträger glauben, die Jungärzte zum Narren halten zu können, werden sie ein böses Erwachen erleben – spätestens dann, wenn sie ohne Ärzte dastehen. Und dabei geht es ja nicht nur um den Ärztemangel in Zukunft: Faktum ist ja, dass es schon jetzt in fast allen Bundesländern Schwierigkeiten bei der Besetzung von Turnusarztstellen gibt.

Wer Turnusärzte nur als Lückenbüßer im System sieht, darf sich nicht wundern, dass sie die nächstbeste Möglichkeit ergreifen, um diesem System den Rücken zu kehren.


Harald Mayer
Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 1-2 / 25.01.2013