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ArchivÖÄZ 2013ÖÄZ 12 - 25.06.2013

Energiegewinnung aus Fracking


Kaum Daten, große Risiken

Im Fracking-Verfahren versuchen große US-amerikanische Konzerne, natürliche Gas-Reserven mittels Chemie und Druck aus dem Boden zu pressen. Welche Folgen das für Mensch und Umwelt hat, ist kaum erforscht. Denn mit welchen Chemikalien gearbeitet wird, ist streng geheim: Es fällt unter das Betriebsgeheimnis.
Von Barbara Wakolbinger


Es ist eine Mischung aus Chemikalien und ungeheurer Kraft: Bei der Energiegewinnung durch Fracking werden Millionen Liter an Wasser durch ein betoniertes Bohrloch in den Boden getrieben - dort sollen sie gashaltiges Gestein aufbrechen. Entweicht das Gas, kann es gefördert werden. Die Methode ist umstritten, die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sind weitgehend unklar. Während in den USA seit Jahren auf diese Art Gas gewonnen wird, wurde ein zaghafter Versuch, diese Vorgangsweise auch im niederösterreichischen Weinviertel einzusetzen, von Umweltschutzorganisationen und Bürgerinitiativen verhindert. Inzwischen liegen die Pläne auf Eis - sie wurden als wirtschaftlich unrentabel eingestuft. „Man weiß einfach noch zu wenig“, sagt Ao. Univ. Prof. Michael Kundi, Leiter der Abteilung für Arbeits- und Sozialhygiene am Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien. Denn noch gibt es kaum systematische Studien und Untersuchungen; die chemische Mischung des Verfahrens, das von US-amerikanischen Unternehmen eingesetzt wird, fällt unter das Betriebsgeheimnis.

Geheime Chemie-Mischungen

Diese Problematik sieht auch Piero Lercher, Referent für Umweltmedizin der Ärztekammer Wien: „Die sogenannten Frac-Hilfsstoffe sind technische Cocktails mit oftmals mehr als zehn Substanzen.“ Unter anderem konnten laut Lercher etwa Butyldiglycol (erhöht die Tragkraft der Flüssigkeit für Sand) und Cholinchlorid (erhält den Porenraum im Schiefer) nachgewiesen werden. Auch Polyethylenglycol-monohexylether, Octylphenolethoxylat sowie Magnesiumchlorid und Magnesiumnitrat kommen zum Einsatz; Tetramethylammoniumchlorid, Paraffinöle und auch Biozide stehen ebenfalls auf der Liste der eingesetzten Substanzen. „Abgesehen von aggressiven, Mineralauflösenden Säuren wie zum Beispiel Salzsäure oder Borsäure wurden auch karzinogene Verbindungen wie Acrylamid-Copolymere oder Benzol nachgewiesen“, führt der Umweltmediziner aus.

Fraglich ist vor allem, wie sich die Chemikalien in den höheren Gesteinsschichten und dem Grundwasser abbilden. Aufgrund der meist großen Bohrlochtiefen dürfte eigentlich nichts ins Grundwasser gelangen, erklärt Kundi. Allerdings werden dem Wasser verschiedenste Stoffe zugesetzt, etwa um dessen Viskosität zu erhöhen. „Problematisch sind aber vor allem flüchtige Bestandteile und kanzerogene Stoffe wie etwa Benzol.“ Bleibt die Bohrlochtiefe unter 100 Metern, kann es zu einer Mischung mit dem Grundwasser kommen. „Boden und Grundwasser können längerfristig mit giftigen und gesundheitsschädlichen Bohrwasseradditiven kontaminiert werden“, befürchtet Lercher.

Eine umweltmedizinische und umwelthygienische Überprüfung des Verfahrens sei aus Experten-Sicht dringend notwendig. Nachdem sich die Firmen kaum in die Karten schauen lassen würden, sei eine Einschätzung des tatsächlichen Risikos für Menschen und Umwelt jedoch schwierig. „Allerdings müsste selbst bei kanzerogenen Stoffen die Exposition dauerhaft sein“, sagt Kundi. Das dürfte aufgrund der schnellen Erschöpfung der Gasvorkommen meist nicht der Fall sein. Auch bewege sich die Menge der eingesetzten Stoffe im Promille-Bereich. Dennoch sei nicht genügend erforscht, inwieweit die Bestandteile in die Nahrungskette des Menschen gelangen könnten und ob es langfristig negative Auswirkungen gebe.

In Niederösterreich hätte das von der Montanuniversität Leoben entwickelte Verfahren des so genannten „Clean Fracking“ zur Anwendung kommen sollen. Hier bestehe die Chemikalienmischung weitestgehend aus Naturprodukten, genauer gesagt aus Wasser, Bauxit und Stärke, erklärt Kundi. „Hier ist von den Additiven im Wasser grundsätzlich keine gesundheitliche Gefährdung zu erwarten“, so der Umweltmediziner. Jedoch bleibt die Frage nach der Ressourcenproblematik. Um das Gas aus dem Gestein zu lösen, braucht es eine große Menge an Wasser. Jedoch ist in vielen Gegenden in Österreich, in denen Fracking in Frage käme, der Grundwasserspiegel aufgrund der extensiv betriebenen Landwirtschaft bereits relativ niedrig. Eine große Entnahme könnte die Balance weiter stören, der Ressourcenverbrauch würde weiter angeheizt. „Hier muss man sich ganz genau ansehen, wo das Wasser entnommen wird und wo es wieder in den Kreislauf eintritt“, meint Kundi.

Landschaften wie ein Bergwerk


Auch zur Sicherheit des Untergrunds gibt es nur wenige Daten; gut sichtbar sei einzig die Zerstörung von Kulturlandschaft, die Fracking zurücklässt. Ist die Gesteinsschicht leer, ziehen die Unternehmen weiter - zurück bleiben große Bohrlöcher und eine Oberfläche, die einem Bergwerk gleicht. „Für die Regionen bedeutet das eine große Zahl an zusätzlichen Belastungen, sei es nun bei Verkehr oder auch bei der Suche nach geeigneten Flächen.“

Aus den USA kennt man Bilder von brennendem Wasser, das aus den Leitungen der Anrainer strömt. „Es gab die Befürchtung, dass Gase ausgepresst werden“, schildert der Umweltmediziner. Diese seien in manchen Gegenden natürlich vorhanden, könnten aber durch das Fracking-Verfahren vermehrt austreten. „Abgesehen von der vorhandenen Brand- und Explosionsgefahr ist die Gesundheitsgefahr hier aber nicht groß“, meint Kundi. Denn die Gase würden auch auf natürlichem Wege irgendwann die Oberfläche erreichen. „Grundsätzlich sollte man sich jedoch fragen, ob es Sinn macht, wirklich den letzten Rest an fossilen Brennstoffen aus den geologischen Schichten zu pressen“, gibt er zu bedenken. Zu befürworten sei hingegen ein Konzept der erneuerbaren Energien und des eingeschränkten Verbrauchs. „Derzeit überwindet die technologische Machbarkeit alle anderen Bedenken“, bedauert der Experte.


Deutschland stoppt Fracking-Gesetz

Wegen der Widerstände aus CDU und CSU hat die deutsche Bundesregierung letztlich doch nicht über eine bundesweite Regelung für Fracking abgestimmt. Während sich die Länder, die von SPD und Grünen regiert werden, generell gegen diese Fördermethode aussprechen, befürchten jetzt auch Kritiker innerhalb der Regierungsparteien CDU und CSU eine Trinkwasserverseuchung durch den Einsatz von Chemikalien und fordern eine Aufschiebung. Nach den bisherigen Plänen des Bundes sollte es kein Moratorium, sondern strikte Auflagen geben - etwa ein Verbot für sämtliche Wasserschutzgebiete. Allerdings sind beispielsweise rund um den Bodensee nur die Hälfte der Gebiete als Trinkschutzwassergebiete ausgewiesen. Geht es nach den Kritikern, sollen Bohrungen daher auch in oberirdischen Einzugsgebieten von Seen verboten werden. Eine Entscheidung vor der Bundestagswahl im September 2013 ist aber unwahrscheinlich. Bisher fehlt in Deutschland eine klare bundesweite Regelung zu Fracking. Theoretisch könnten also derzeit neue Anträge für Bohrungen gestellt werden.





© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2013