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ArchivÖÄZ 2013ÖÄZ 12 - 25.06.2013

Gesundheitsbildung: Neue Wege, neue Strukturen


Wie kann und muss die Ausbildung der Gesundheitsberufe verändert werden, damit die künftigen Herausforderungen des Gesundheitssystems zu bewältigen sind? Dazu braucht es Incentives, ein neues System und im Gesundheitswesen selbst Mitarbeiter, die anders ausgebildet sind, erklärten Experten bei einer Podiumsdiskussion in Wien.
Von Marion Huber


Um das Thema Gesundheitsbildung „neu zu denken“, begrüßte Univ. Prof. Bernhard Schwarz, Präsident der Karl-Landsteiner-Gesellschaft, Ende Mai 2013 zahlreiche Experten in Wien bei der achten Podiumsdiskussion der Reihe „Zukunft Gesundheit“.

In einem Beitrag im Lancet mit dem Titel „Health Professionals für das neue Jahrhundert“, der 2010 erschienen ist, wird eine Strategie zur globalen Reform der Ausbildung von Fachleuten im Gesundheitsbereich beschrieben. Das war der Grund, wieso die Careum-Stiftung in Zürich sich damit auseinandergesetzt hat, erklärte deren Stiftungsrätin Univ. Prof. Ilona Kickbusch: „Wir haben festgestellt, dass der Lancet-Report nicht ganz unseren Vorstellungen entspricht.“ Beim Careum Dialog 2012 diskutierten Experten aus der Schweiz, Deutschland und Österreich diese Ansätze; herausgekommen ist dabei ein Bericht zur „Neuausrichtung der Ausbildung der Gesundheitsfachleute“. Kickbusch dazu: „Immer werden Pläne und Ziele für die Gesundheit aufgestellt, aber der Aspekt der dafür nötigen Bildung wird ausgeblendet.“ Ihre Forderung: Bildungs- und Gesundheitssektor müssen als lernende Systeme zusammengeführt werden. Denn Gesundheitsbildung beinhalte sowohl eine zunehmende Gesundheitskompetenz der Bürger als auch eine neue Haltung der Professionals: „Es geht um mehr als um reine Fachexpertise.“

Die größte Herausforderung sieht Kickbusch darin, „kooperieren zu lernen“. Starre Grenzen zwischen den Berufsgruppen müssten überwunden werden. Nicht umsonst zeigten Daten der US-amerikanischen Gesundheitsorganisation Kaiser Permanente etwa bei der Behandlung von Diabetes dann das beste Outcome für die Patienten, wenn die Interaktion zwischen Ärzten und anderen Berufsgruppen stimmt. Auch für Univ. Prof. Jürgen Pelikan vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Promotion Research geht es im Kern darum, dass die Gesundheitsberufe künftig im Team zusammenarbeiten: „Das verlangt von allen Parteien, Barrieren zu überwinden und Hierarchien hinter sich zu lassen.“ Schon in der Ausbildung müsse man die Gesundheitsberufe zusammenführen.

Zwar komme der Pflege durch die demographische Entwicklung und die Ökonomie immer mehr Aufmerksamkeit zu; Univ. Prof. Sabine Pleschberger, Leiterin des Instituts für Pflege- und Versorgungsforschung der UMIT in Wien, sieht das aber als „Chance und gefährliches Terrain“ zugleich. So würde angepriesen, Pflege könne oft die gleiche Leistung billiger anbieten – aber warum? Weil eine entsprechende Ausbildung fehlt und die Pflege erst „an der Schwelle zur Akademisierung“ steht, kritisierte sie. Dieser Prozess zwischen „beharrenden und progressiven Kräften in der Pflege selbst, der Politik und anderen Berufsgruppen“ sei noch völlig Ergebnis-offen. „Es gibt ein Konzept und es ist alles Nötige vorhanden. Jetzt ist die Politik am Zug“, stellte sie klar.

Das Konzept einer Gesundheitswissenschafts-Universität mit einem gemeinsamen Ausbildungsweg etwa für Ärzte, Pharmazeuten, Pflegepersonal und Gesundheitsökonomen hält zwar auch die Vize-Rektorin der Medizinischen Universität Wien, Univ. Prof. Karin Gutiérrez-Lobos, für eine „interessante Möglichkeit“. Dennoch zweifelt sie daran, dass es in den nächsten Jahren bereits umgesetzt werden könne. Um aber Jungmediziner auf den Praxisalltag vorzubereiten, gebe es mit dem neuen Curriculum das klinischpraktische Jahr, so Gutiérrez-Lobos. „Mit dem Studium allein ist es aber nicht getan“, relativierte sie. Lebenslanges Lernen und ständige Weiterentwicklung seien gefragt. Manfred Maier, Professor für Allgemeinmedizin und Leiter des Zentrums für Public Health an der Medizinischen Universität Wien, bezeichnete das klinischpraktische Jahr als „vertane Chance“. Und weiter: „Wir haben damit den umgekehrten Weg eingeschlagen und bewegen uns zurück in die Silos der Disziplinen – ganz entgegen der lange geforderten und überfälligen interdisziplinären Ausbildung.“

Kritik an Ministerien

Besonders hart kritisierte er in diesem Zusammenhang die Rolle der Ministerien: So hätten die Anreize des Wissenschaftsministeriums mit der zukunfts-orientierten Ausbildung der Medizinberufe nichts zu tun. „Das ist ihnen - salopp gesagt - egal“, resümierte Maier. Und die Kommunikation zwischen Bildungs-, Gesundheits- und Wissenschaftsministerium sei ohnehin „eine schwierige Hürde“ – das wisse man als gelernter Österreicher. Bei der Pflege komme auch das Sozialministerium ins Spiel, wandte Pleschberger ein: „Und jeder schaut, dass sein Ressort nicht angetastet wird. Hier fehlt es an Mut, Sektoren-übergreifend zu denken.“

Neben der Kooperation der Gesundheitsberufe sieht Pelikan im Patienten einen weiteren entscheidenden Faktor. Er sei als Koproduzent und Mitentscheider gefordert, womit auf die Professionals eine neue – nämlich erzieherische – Aufgabe zukomme. „Wie schaffen wir es, dass die Professionals Patienten besser darauf vorbereiten, mitzuarbeiten?“, so Pelikan. Nur wenn sich diese erzieherische Aufgabe in der Ausbildung der Gesundheitsberufe wiederfindet, könne Gesundheitsbildung gelingen. „Es braucht Professionals, die gelernt haben, mit Patienten auf Augenhöhe zu kooperieren“, sagte er. ‚Making every contact count‘ heißt es im britischen National Health Service (NHS) – dabei nutzen alle Berufsgruppen jeden Kontakt zum Patienten für die Vorsorge und zur Verbesserung seiner Gesundheit. Kritisch sieht Gutiérrez-Lobos dabei den Faktor Finanzierung: „So lange Vorsorge nicht entlohnt wird, wird sie auch nicht bespielt werden.“ Es nütze nichts, nur an der Bildung anzusetzen; man müsse auch an der ökonomischen Schraube drehen.

Davon, dass „der Patient im Mittelpunkt steht“ – wie es oft heißt –, merke man in der Praxis nichts, kritisierte Johannes Rampler, Bundesgeschäftsführer der ARGE Selbsthilfe Österreich. „Zu oft verkommt das zu einer reinen Wortfloskel“,  wie er meint. Ein Beispiel, bei dem es den Entscheidungsträgern seiner Ansicht nach nicht um das Wohl des Patienten gehen konnte, war die Kündigung des Disease Management Programms „Therapie Aktiv“ von Seiten der Ärztekammer Niederösterreich. In diesem Sinn müsste in Österreich noch viel getan werden, um die Interessen der Patienten gut vertreten zu wissen. Während etwa in Deutschland die Selbsthilfegruppen gesetzlich verankert sind, seien viele Selbsthilfe-Vertreter hierzulande nur ehrenamtlich tätig: „Die Patientenvertretung muss gestärkt und aufgewertet werden.“ Und nach Ansicht von Pelikan müssten – ganz nach dem Vorbild Hollands – die Patienten durch ihre Vertreter sogar von Beginn an in die Planung und das Management des Gesundheitssystems einbezogen werden.

Nicht nur der Umgang der Ärzte mit den Patienten, sondern auch der Umgang mit sich selbst müsse Teil der Ausbildung sein, stimmten Pelikan und Gutiérrez-Lobos überein. Gutiérrez-Lobos zitierte die Prostituierte Shen Te aus Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“, die sagt: „Gut zu sein zu andern und zu mir konnte ich nicht zugleich.“ So müsse man sich auch mit der Identitätsfindung und den Belastungen der Gesundheitsberufe auseinandersetzen. Gesundheitsfachleute seien eine wichtige Ressource, die knapper wird, während der Bedarf steigt. Pelikan dazu: „Deshalb brauchen wir langfristig gesunde Gesundheitsberufe.“

Henne-Ei-Problem

Wo soll man nun beginnen? „Wir brauchen Incentives, wir brauchen ein anderes System und anders Ausgebildete“, weiß Pelikan. Beginnen könne man damit, die Ausbildung so zu verändern, dass ein Paradigmenwechsel möglich ist. „Es ist höchst an der Zeit und es würde sich lohnen“, zeigte er sich überzeugt. Eine Modell-Lösung gebe es aber nicht. Wenn es auch gute Ansätze in Skandinavien gibt, waren es bislang meist lokale Initiativen, die Maßnahmen ermöglicht haben, so Kickbusch. Ihrer Ansicht nach sei die Politik gefragt, „Räume für solche Experimente zu schaffen“. Auch wenn es dabei immer um Macht, Geld und Besitzstandswahrung gehe, habe sie die Hoffnung, „dass der finanzielle Druck, der Druck der Wirtschaft, der Patienten und der neuen Generation doch zu Veränderungen führt“. Die Strukturen umzuorientieren ist für Pelikan ein „Henne-Ei-Problem“. „Wer soll das tun? Der Bildungsminister? Der Gesundheitsminister, der ohnehin begrenzte Kompetenzen hat?“ Von einem ist Pelikan jedoch überzeugt: „Man muss an vielen Enden beginnen, damit ein Dialog in die Richtung zustande kommt, in die wir alle wollen.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2013