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ArchivÖÄZ 2013ÖÄZ 15/16 - 15.08.2013

Johann Baptist Reiter: Biedermeier-Flair in Linz


Er war einer der erfolgreichsten Biedermeier-Maler Österreichs, heute ist sein Werk jedoch vielfach unterschätzt: Anlässlich seines 200. Geburtstags ehren das Schlossmuseum Linz und das Nordico Stadtmuseum Linz Johann Baptist Reiter, den „Adalbert Stifter unter den Malern“, mit einer gemeinsamen Retrospektive.
Von Barbara Wakolbinger


Eigentlich sollten die Werke des oberösterreichischen Biedermeier-Malers Johann Baptist Reiter in einer Reihe mit den Porträts von Ferdinand Georg Waldmüller, Friedrich von Amerling oder Josef Danhauser hängen, ist Elisabeth Nowak-Thaller vom Nordico Stadtmuseum Linz überzeugt. „Was Adalbert Stifter für die österreichische Literatur des 19. Jahrhunderts war, ist Reiter für die Malerei“, erklärt sie. Aber obwohl Reiter zu Lebzeiten als einer der bedeutendsten Porträtmaler der Zeit geschätzt wurde, geriet das Werk des 1813 in Urfahr (heute Linz) geborenen Malers nach seinem Tod in Vergessenheit. In bedeutenden Sammlungen gibt es meist nur Einzelstücke; die letzte große Retrospektive fand im Jahr 1990 statt. Den 200. Geburtstag von Johann Baptist Reiter feiern das Schlossmuseum Lin und das Nordico Stadtmuseum Linz daher umso ausgiebiger: Die Sammlungen beider Häuser sollen - ergänzt durch Leihgaben von Museen und Privaten - das Werk des bekanntesten oberösterreichischen Malers in seiner Gesamtheit zeigen.

„Auf keinen Fall wollten wir eine angestaubte Biedermeier-Ausstellung“, sagt Kuratorin Nowak-Thaller. Deshalb gibt es auch keine chronologische Trennung zwischen Früh- und Spätwerk. Vielmehr teilen sich die beiden Museen gewisse Aspekte von Reiters Werk auf. Porträt- und Genre-Malerei kann man im Nordico bewundern; im Schlossmuseum hingegen hat man sich auf die zahlreichen Kinderbildnisse des oberösterreichischen Malers konzentriert. Insgesamt haben die Kuratoren rund 170 Werke zusammengetragen: So können Besucher im Raum „Ich“ Selbstbildnisse betrachten, in „Wallfahrt“ die religiösen Werke bestaunen und im „Spiegelkabinett“ die Auseinandersetzung von Reiter mit Frauen und deren Eitelkeit nachvollziehen.

Passendes Flair

„Nicht angestaubt“ bedeutet für Nowak-Thaller aber auch das passende Rundum-Flair. Die „Stube“, in der die Genre-Malerei von Reiter zu sehen ist, ist daher auch voll eingerichtet - natürlich passend mit Biedermeier-Möbeln. Oft wirken die Muster dabei gar nicht so, wie man sich Biedermeier heute vorstellen würde: „Wir haben Original-Tapetenmuster aus 1830 reproduzieren lassen und Tapetenstreifen in allen Räumen eingesetzt. Das wirkt fast spacig-psychodelisch“, meint die Kuratorin. Im Festsaal des Nordico gibt es dann nicht nur die passenden Möbel, sondern auch Biedermeier-Kleidung zu sehen. Neben den schönsten Kleidern stehen vor allem die Accessoires im Mittelpunkt: Handtaschen und besonders Kopfbedeckungen spielen auch bei den Gemälden von Reiter eine zentrale Rolle. Als Käppchen, Hauben, Hüte oder Mützchen schweben sie im Museum von der Decke oder thronen in den Vitrinen. Im Schlossmuseum werden dagegen die Kinderbilder von zeitgenössischen Spielzeugen begleitet.

Wirken über Biedermeier hinaus

Reiter starb 1890, sein Wirken reichte lange über das Biedermeier hinaus. „Reiters Werk prägte auch den Realismus mit. In manchen Bildern ist er unglaublich modern, fast schon avantgardistisch und erinnert beinahe an die Neue Sachlichkeit“, erklärt die Kuratorin. Dennoch ist Reiter bis heute nicht in der Top-Liga der Künstler verankert, auch wenn sich vor Ort immer wieder Kunstkritiker über seine Bandbreite wundern. Außerhalb von Linz gibt es allerdings auch kaum Möglichkeiten, das Gesamt-Oeuvre abzuschätzen, meist sind nur einzelne Bilder ausgestellt. Aber auch zu seiner Zeit war die Kritik nicht immer auf der Seite des Oberösterreichers. „Oft wurde er geschmäht“, berichter Nowak-Thaller. Denn seine Zeitgenossen hätten weder Reiters progressiven Stil noch seine beinahe voyeuristische Herangehensweise an seine Protagonisten verstanden. Im Themenraum „Frauenzimmer“ findet sich noch ein Grund für die ablehnende Haltung seines Publikums: Seine Frauendarstellungen, die oftmals als zu erotisch galten.

Über das Privatleben von Reiter hingegen weiß man außer Eckdaten nur wenig. Als Vater eines Tischlers geboren, ging Reiter schon früh an die Akademie nach Wien, wo er sich rasch einen Namen machte. Vor allem als Porträtmaler verdiente er gut und wohnte auch dementsprechend. So beliebt die Kunst des Porträtmalens bis ins 19. Jahrhundert vor allem bei Bürgerlichen und Adel war, so abrupt kam dann auch ihr vermeintliches Ende: Mit dem Aufkommen der Daguerreotypie beziehungsweise von anderen ersten fotografischen Verfahren etwa um 1850 verloren viele Maler ihren Beruf. Auch diesem Aspekt und der Frage, wie es mit dem Porträt weiterging, widmet die Ausstellung Raum. Denn auch einer der engsten Freunde von Reiter wechselte von der Malerei zur neuen Kunst der Fotografie - gut möglich, dass Johann Baptist Reiter für seine detailreichen Werke hier das eine oder andere abschaute.



Was, Wann, Wo:

„Johann Baptist Reiter“
2. Juni bis 3. November 2013
Schlossmuseum Linz und Nordico Stadtmuseum Linz

www.nordico.at
www.landesmuseum.at





© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2013