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ArchivÖÄZ 2013ÖÄZ 15/16 - 15.08.2013

Klinische Studien: Nachhaltige Forschung


Bereits jetzt kommt in Österreich ein Drittel des Forschungs-Outputs aus der Medizin. Warum man hierzulande zwar sehr für Ergebnisse, aber auch oft gegen Forschung ist, darüber diskutierte eine Expertenrunde in Wien.
Von Barbara Wakolbinger


Das Interesse der Patienten, im Rahmen von klinischen Studien betreut zu werden, ist größer denn je. Bei vielen Indikationen – wie etwa dem Mammakarzinom – befindet sich derzeit bereits ein Großteil der Patienten in einer Studie, erklärte Hon. Prof. Alexander Hönel, Leiter des Instituts für Inspektionen, Medizinprodukte und Hämovigilanz von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) kürzlich beim 52. Gesundheitspolitischen Forum in Wien. Etwa 350 neue klinische Prüfungen starten jährlich, mehr als 10.000 Patienten nehmen daran teil.

Aber nicht nur auf den individuellen Verlauf einer Erkrankung können sich klinische Studien positiv auswirken, auch das Krankenhaus insgesamt profitiert von einem hohen Engagement in der klinischen Forschung. Wird etwa in einem Spital eine große Anzahl an Studien durchgeführt, sinkt auch das Risiko für Patienten, die nicht im Rahmen einer Studie betreut werden, an einem Myokardinfarkt zu sterben, von 5,9 auf 3,5 Prozent und damit um fast die Hälfte, rechnete Univ. Prof. Ernst Singer, Vorsitzender der Ethikkommission der Medizinischen Universität Wien, vor. „Die starke Kontrolle eines rigiden Studiendesigns zeigt Wirkung: Die Ärzte behandeln besser und die Patienten überleben häufiger“, erklärte Singer. Auch Begleiterkrankungen werden bei den regelmäßigen Kontrollen der Probanden schneller entdeckt. Bei pädiatrischonkologischen Erkrankungen bedeutet die Aufnahme in eine Studie, dass es bis zu 20 Prozent mehr Überlebende gibt.

Nicht zuletzt bedeute eine starke Forschung auch einen Mehrwert für den Standort Wien und die Volkswirtschaft, betonte der Vizerektor der Medizinischen Universität Wien, Univ. Prof. Markus Müller. „Eine Investition von einem Euro in klinische Forschung bedeutet eine Umweg-Rentabilität von 0,4 Euro für die nächsten Jahre für den Standort.“ Bereits jetzt komme in Österreich ein Drittel des Forschungs-Outputs aus der Medizin; das meiste davon aus dem Bereich Pharmakologie. Luft nach oben gebe es dennoch. „In Österreich ist man immer sehr für Ergebnisse, aber leider oft gegen Forschung“, erklärte er. Das ist laut einhelliger Meinung der Experten vor allem dann problematisch, wenn Geld für rein akademische Studien fehle und die Pharmaindustrie als Sponsor einspringen müsse - denn das beschädige die Glaubwürdigkeit von Studien in der Öffentlichkeit. „Noch immer haben wir ein Imageproblem“, meinte Singer. Als Gegenbewegung orteten die Experten einen Trend zu mehr Transparenz im weiten Feld der klinischen Studien. Schon jetzt muss jede Studie angemeldet und in eine Datenbank eingetragen werden. Auch die Veröffentlichung der Rohdaten zur „kollektiven Qualitätskontrolle“ steht im Raum, auch wenn klinische Forschung schon jetzt der am stärksten regulierte Bereich des Medizinrechts darstellt. Dazu Hönel: „Der Transparenzzug ist bereits jetzt mit beeindruckendem Tempo unterwegs.“