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ArchivÖÄZ 2013ÖÄZ 3 - 10.02.2013

Standpunkt - Präs. Artur Wechselberger


Fakten sind gefragt

(c) Dietmar Mathis

Eine Untersuchung zur Entwicklung fachärztlicher Leistungen im deutschen Gesundheitswesen zeigt auf, dass die „doppelte Facharztschiene“ einer ambulanten fachärztlichen Versorgung im niedergelassenen Bereich wie auch durch Krankenanstalten die Effizienz des Systems auch steigern kann. Ebenso bringen die Erhebungen des Institutes für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) zu Tage, dass die so oft beschworene Ressourcenvergeudung durch Doppel- oder Mehrfachuntersuchungen auf keine ausreichende Evidenz verweisen kann und in dem vom IGES untersuchten Bereich der bildgebenden Diagnostik wesentlich niedriger sei als in den Vorwürfen allgemein dargestellt.

Zwei interessante Ergebnisse, denen auch in der Diskussion um die österreichische Gesundheitsreform Bedeutung zukommen sollte. Trotzdem gibt es keine heimischen Untersuchungen, die belegen, ob und welches Effizienzpotential im politisch geforderten sogenannten „Abbau von Doppelstrukturen“ liegen könnte.

Obwohl man in Österreich die gesamthafte Planung und Steuerung des Gesundheitswesens - zumindest spätestens seit dem Gesundheitsreformgesetz 2005 - als Grundprinzip gesundheitspolitischer Entscheidungen versteht, können wir einer Arbeit in der Februar-Ausgabe des Lancet Oncology entnehmen, dass Österreich nicht immer Musterland ist, sondern etwa im europäischen Vergleich bei der radioonkologischen Versorgung deutlich hinten nach hinkt. Vergleichsdaten, die die österreichischen Planer entweder bisher nicht erhoben oder einfach ignoriert haben, wenn auch das Regierungsprogramm die Bekämpfung von Krebs als ein nationales Ziel definiert.

Auch ein Beispiel aus dem ambulanten RSG des Landes Tirol zeigt in drastischer Weise auf, dass für die Planung wesentliche Versorgungsdaten scheinbar gar nicht interessieren. So hält der nach jahrelangen Vorarbeiten erstellte RSG Tirol in seinem ambulanten Modul zur Bedarfsanalyse nichtärztlicher Gesundheitsberufe lapidar fest, dass die Datenlage im Bereich der nichtärztlichen Gesundheitsberufe sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht so stark eingeschränkt sei, dass keine mengenmäßige Planung in diesem Versorgungsbereich möglich ist. Wie sich diese Erkenntnis, die möglicherweise für alle Bundesländer Gültigkeit hat, auf die angepeilte Integration der Versorgung und auf die Einhaltung moderner Qualitätsstandards auswirkt, bleibt ein Mysterium.

Natürlich ist es einfacher, die ausgezeichnete Datenlage der ärztlichen Versorgung zu nutzen und denen, die fortwährend, transparent und nachvollziehbar an der Qualität der Leistungserbringung arbeiten, weitere Qualitätsforderungen vorzuschreiben, als dort aktiv zu werden, wo Daten zur Versorgungsleistung aber auch zu Prozess-, Struktur- und Ergebnisqualität offensichtlich noch im tiefen Dunkel verborgen liegen. Vielleicht würde man aber gerade in diesen Bereichen die Effizienzreserven finden, die zur Honorierung der beispielhaften Qualitätsarbeit der Ärzteschaft fehlen.


Artur Wechselberger
Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.02.2013