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ArchivÖÄZ 2013ÖÄZ 5 - 10.03.2013

Interview - Manfred Stelzig


Mehr Gespräch in die Medizin

Das fordert Manfred Stelzig, Leiter des Sonderauftrags für Psychosomatische Medizin an der Christian-Doppler-Klinik Salzburg, der davon überzeugt ist, dass 20 Prozent der Patienten in den Ordinationen eines Allgemeinmediziners nicht an organischen Problemen, sondern an somatoformen Störungen leiden.
Das Gespräch führte Barbara Wakolbinger.


ÖÄZ: Was bedeutet krank ohne Befund?

Stelzig: Mindestens 20 Prozent der Patienten in der Allgemeinpraxis leiden unter so genannten somatoformen Störungen. Das sind Krankheiten, die die Form einer somatischen Erkrankung haben, also etwa Schmerzen, Funktionsstörungen, Stechen in der linken Brust, Ausstrahlen in den linken Arm, einen Herzinfarkt vortäuschend. Allerdings ist dann bei der organischen Abklärung nichts zu finden. Der organische Teil der Medizin funktioniert einfach wunderbar, da gibt es überhaupt nichts zu kritisieren. Für den psychischen Teil fühlen sich Ärzte aber oft nicht verantwortlich und zuständig. Sie sind auch nicht ausreichend ausgebildet, außer sie haben eine Zusatzausbildung absolviert.

Das bedeutet, jeder fünfte Patient leidet an einer psychosomatischen Erkrankung, die oft nicht erkannt wird. Welche Probleme ergeben sich daraus?
Es gibt das Syndrom der dicken Akte. Die Patienten wollen ja, dass man etwas Organisches findet, deshalb laufen sie von einem Spezialisten zum nächsten. Weil sie immer noch genauere Untersuchungen verlangen und die Ärzte praktisch vor sich hertreiben. Dahinter steht oft die Angst, für einen Simulanten oder Systemschmarotzer gehalten zu werden. Daher machen diese Patienten oft so viel Druck. Deshalb ist es so notwendig, die Menschen ernst zu nehmen und ein gemeinsames Modell und eine gemeinsame Herangehensweise zu entwickeln.

Belasten diese Patienten das Gesundheitssystem auch finanziell?

Wir wissen, dass die ambulanten Kosten gegenüber einem Durchschnittspatienten um das 14-Fache steigen. Es gibt Studien, die besagen, wenn Patienten nur organmedizinisch gesehen werden, kostet es schlussendlich das 46-Fache. Es müssen ja nicht nur Untersuchungen, sondern auch Krankenstände und Produktionsausfälle einberechnet werden. Das sind unerhörte Kosten.

Was muss sich ändern?

Wir müssen uns alle darauf einigen, dass es diese Krankheitsbilder tatsächlich gibt und zwar in einer wirklich hohen Zahl. Die Patienten haben tatsächlich Funktionsstörungen. Man kann sie zwar nicht nachweisen, aber man muss sie trotzdem genauso ernst nehmen wie eine organische Erkrankung. Körper und Seele gehören einfach zusammen. Wenn der Patient mit einem Konflikt oder einer Überforderung kämpft, reagiert auch der Körper. Hier ist ein engagiertes Gespräch mit dem Patienten notwendig.

Wie sollte das Gesundheitssystem reagieren?

Ganz wichtig ist, dass die Sozialversicherungen sich dieses Problems annehmen und Gespräche auch bezahlen. Momentan kann ich für ein Gespräch eine Position abrechnen, zehn Minuten für 13 Euro. Mit einer Zusatzausbildung sind es 18 Euro für 20 Minuten. Das geht sich einfach nicht aus. Man kann die Gesprächsmedizin nicht dermaßen unterdotieren. Ein zweiter Punkt ist die Ausbildung. PSY-Diplome müssen in die Grundausbildung integriert werden. Denn in der Praxis hat einfach mindestens ein Drittel der Patienten eine psychische Erkrankung: Seien es nun somatoforme Störungen oder auch Depression, Angststörung oder eine Suchterkrankung.

Was würden Sie Allgemeinmedizinern raten, wenn die organische Seite abgeklärt ist?
Ich würde den Kollegen raten, den psychischen Teil der Medizin zu integrieren. Nach der ergebnislosen organischen Abklärung sollte der Arzt sagen: Da müssen wir uns zusammensetzen und noch einmal darüber reden. Da muss man einen Extratermin vereinbaren und sich ansehen, was da im Hintergrund die Ursache sein könnte. Wenn ein Kind Bauchweh hat, wird man zwar den Blinddarm untersuchen, aber auch relativ rasch nach Sorgen oder Ängsten fragen. Gibt es Konflikte mit Kameraden, Angst vor der Schularbeit? Genauso müsste es eigentlich bei Erwachsenen funktionieren. Ein Allgemeinmediziner kann die Therapie nicht selbst übernehmen, aber die Drehscheibe sein. Ein gutes Netz an Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapeuten ist wichtig.

Was können klassische Symptome sein?

Rücken- und Gelenksschmerzen sind sehr häufig. Muskuläre Verspannungen und Schmerzen oder Magenbeschwerden sind ebenfalls typisch. Atemnot und Druck auf der Brust, weil einem einfach etwas die Luft wegnimmt. Das sind ganz klassische Ur-Reflexe, mit denen der Körper auf psychische Probleme reagiert. Man muss in der Psychosomatik immer fragen: Wofür stehen der Schmerz und die Funktionsstörung? Deshalb gilt das Gebot des Gesprächs auch für Fachärzte, die mit diesen Symptomen konfrontiert werden. Man muss den Patienten auch dorthin bringen, dass er selbst eine Erklärungsmöglichkeit sucht. Wenn man nur sagt: ‚das ist psychisch‘, ist er gekränkt. Das bringt gar nichts.

Wie werden psychosomatische Erkrankungen ausgelöst?

Es kann Überforderung sein, eine chronische Erschöpfung mit Burn-Out-Entwicklung oder auch Konflikte. Eine Frage ist auch immer die nach einem möglichen Trauma in der Vergangenheit. Ein Trauma, ganz gleich ob das jetzt ein Autounfall, ein Schicksalsschlag oder ein Missbrauch war, kann man vom Kopf her vergessen, aber der Körper erinnert sich nach wie vor. Es gab einen Fall eines Mannes, der unter wiederholten Attacken von Herzrasen gelitten hat. In der Anamnese hat sich dann herausgestellt, dass es eine Traumafolge-Störung aufgrund eines Autounfalls war.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 5 / 10.03.2013