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ArchivÖÄZ 2013ÖÄZ 9 - 10.05.2013

Langzeitpflege: Eine emotionale Herausforderung


Langzeitpflege stellt für Familienangehörige oft eine enorme psychische Belastung dar: Jeder dritte Pflegende wird selbst krank. Als hilfreich erweisen sich u.a. Bewältigungsstrategien der Pflegenden und die Zusammenarbeit mit professionellen Helfern sowie psychotherapeutische Unterstützung zur Verbesserung von Copingstrategien.
Von Johanna Franz*


Langzeitpflege und die daraus folgende Abhängigkeit des Pflegebedürftigen ist in dem heute erlebten Umfang - sowohl was die Dauer als auch die Intensität betrifft - ein neues Problem, das sich durch die steigende Lebenserwartung und die lebensverlängernden Maßnahmen der modernen Medizin ergeben hat. Ambulante und stationäre Betreuung müssen sich auf diese wachsenden Herausforderungen einstellen. Nahezu 80 Prozent der pflegebedürftigen Angehörigen werden nach wie vor in der Familie betreut. Trotz der stark individualistisch geprägten Gesellschaft ist die Bereitschaft zur familiären Solidarität noch gegeben. Und trotz Emanzipation und Erwerbstätigkeit von Frauen sind es in 90 Prozent der Fälle Frauen, die die Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen übernehmen. Es scheint, als würden sich Frauen - rein äußerlich betrachtet - bereitwilliger in eine chronische Abhängigkeit zu pflegebedürftigen Angehörigen begeben als Männer. Frauen erleben es unter Umständen als Rollen- und Kompetenzerweiterung. Bislang dürfte es für Männer schwieriger sein, „typisch weibliche“ Aufgaben zu übernehmen.

Hilfe sollte aber nicht zur Selbstaufgabe führen und soweit gehen, dass man ein Opfer der Verhältnisse wird. Es gilt auch, eigene Grenzen, die für die persönliche Stabilität wichtig sind, zu beachten. Die Grenzen der körperlichen (schweres Tragen und Heben) und emotionalen Belastbarkeit werden häufig unterschätzt. Zur Verarbeitung von psychischen Belastungen helfen oft Gespräche in der eigenen Familie und bei Freunden. Aber dieser unterstützende Ausgleich fehlt oft durch die zeitliche Beanspruchung an Pflegeaufwand. Und gerade ein sozialer Rückzug wirkt sich negativ auf die Psyche und das Immunsystem aus, wie mittlerweile aus den Neurowissenschaften bekannt ist. Jeder dritte Pflegende wird selbst krank und leidet an Erschöpfungssymptomen, Depressionen, Schlafstörungen oder psychosomatischen Symptomen, die sich letztlich aus der psychischen Belastung durch Langzeitpflege von Angehörigen ergeben. Die familiäre Betreuungsleistung stellt zweifelsohne einen enormen gesellschaftlichen Nutzen dar und entlastet das Gesundheitssystem. Allerdings ist die Frage, ob die Folgeerkrankungen aufgrund der kontinuierlichen körperlichen und psychischen Belastung nicht doch das Gesundheitssystem belasten. Dafür gibt es aber keine ausreichenden Daten, weil meist die kausalen Zusammenhänge in den Arztpraxen nicht erfasst werden.

Speziell die Langzeitpflege von pflegebedürftigen Eltern stellt für Angehörige eine große Herausforderung dar, an der sie wachsen, aber auch verzweifeln können. Die Pflege von Eltern ist mit starken Emotionen verbunden. Die Rollenumkehr bedingt eine wechselseitige Abhängigkeit besonderer Art. Im Fall einer Pflegesituation kommen die früher omnipotenten Eltern in eine abhängige Kind-Rolle. Plötzlich sollen die Kinder den Eltern Vorschriften machen oder Verbote aussprechen. Diese Rollenumkehr muss erst einmal emotional bewältigt werden. „Mutter“ für die Mutter zu sein, gibt zwar eine verantwortungsvolle und wichtige Position, wird aber nicht selten mit Schuldgefühlen verknüpft, vielleicht doch in dieser zugeteilten Machtstellung die falsche Entscheidung zu treffen oder nicht helfen zu können. Im Fall der Langzeitpflege von Eltern werden nicht selten unbewusste Konflikte in einer alten Eltern-Kind-Dynamik wiederbelebt, bei der Unerledigtes und Unverarbeitetes in der Beziehung zu Tage treten.

Entscheidend: Copingstrategien


Eine bedeutsame Einflussvariable im Umgang mit Belastungssituationen ist die Effizienz von Copingstrategien. Die Belastung durch Langzeitpflege wird ineffizient bewältigt und als stärker erlebt, wenn folgende Motive eine Rolle für die Übernahme der Pflege spielen:

  • finanzielle Gründe;
  • gesellschaftlicher Druck oder Angst, ins Gerede zu kommen;
  • eine langersehnte Zuneigung des pflegebedürftigen Elternteils zu erhalten.


Die Frustration ist dann besonders groß, wenn Geschwister, die nur selten erscheinen oder wenig bis gar nichts beitragen, über alles gelobt werden. Eine zusätzliche emotionale Belastung kann es geben, wenn ein Geschwister die Pflege der pflegedürftigen Eltern altruistisch auf sich nimmt und anstatt Anerkennung für die Leistung an Pflegeaufwand von den nicht pflegenden Geschwistern unter Umständen sogar den Vorwurf bekommt, Nutzen eines privilegierten Erben beziehungsweise eines finanziell Begünstigten aus der Pflege zu ziehen. Nicht selten zerstreiten sich Familien auf diese Weise schon vor dem Tod eines Angehörigen.

Belastungen werden hingegen effizienter bewältigt, wenn als Motive Dankbarkeit, Liebe und Zuneigung im Vordergrund stehen. Dann wird trotz des Pflegeaufwandes oft über ein hohes Wohlbefinden und eine gesteigerte Lebenszufriedenheit berichtet.

Es gibt viele persönliche Copingstrategien im Umgang mit pflegebedürftigen Angehörigen. Allgemein empfehlenswert erweisen sich folgende Verhaltensweisen:

  • Überforderung durch Inanspruchnahme von externer Hilfe durch professionelle Pflegekräfte abfangen und eigene Bedürfnisse ernst nehmen. Bewältigung kann unter Umständen mit psychotherapeutischer Hilfe zur Unterstützung der Selbstreflexion verbessert werden. Überforderung führt oft zu Ohnmachts-, Schuld- und Versagensgefühlen. Quälende Schuldgefühle, nicht genug getan zu haben, können weit über den Tod hinaus bestehen bleiben, was eine normale Trauerreaktion erschwert.

  • Selbstbestimmung und Anleitung zur Selbsthilfe. Es muss ein Paradigmenwechsel stattfinden: von einer defizitorientierten und bevormundenden Versorgung zu hilfreichen Arrangements und Förderung von Selbstbestimmung von Pflegepatienten. Keine Entscheidungen sollten unter Ausschluss der Betroffenen getroffen oder Befunde ohne Beisein besprochen werden.

  • Persönlichkeitsveränderungen alter Menschen sollte man vor allem nicht persönlich nehmen. Heute ist man vielleicht der rettende Engel, der aber morgen schon abstürzen kann.

  • Ausschau nach Ressourcen. Alte Menschen können oft mehr, als man glaubt. Man muss genau überprüfen, was sie wirklich noch allein machen können, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind.

  • Kontakt zu Pflegekräften halten und die Zusammenarbeit suchen. Angehörige sollten zu einem Teil des Pflegeteams gehören. Bei einer schlechten Verständigung kann es vorkommen, dass aus dem Spannungsfeld der Familie Aggressionen und Schuldzuweisungen in inadäquater Weise auf Pflegekräfte übertragen werden. Es ist oft leichter erträglich, wenn Fremde stellvertretend schuld sind und Konflikte, die vielleicht Angehörige betreffen, nach außen projiziert werden können.


Die Betreuung von alten pflegebedürftigen Menschen kann in einer guten Beziehung – wenn entsprechende Grenzen der eigenen Belastbarkeit gewahrt werden – sehr befriedigend erlebt werden. Oft ist es eine Bereicherung für Betreuer, wenn alte Menschen ihre Erinnerungen erzählen. Man lernt sie auf diese Weise erst richtig kennen und schätzen. Gleichzeitig ist das Erinnern an bessere Zeiten wie eine Ressource, führt zu einer Ich-Stärkung und lässt das Alter und die Vergänglichkeit leichter ertragen.

Aus tiefenpsychologischer und neurobiologischer Sicht ist bekannt, dass die Erinnerung an Positives die geistige Wachheit und das Selbstbewusstsein von alten Menschen verbessert. Durch Gespräche wird das Gehirn angeregt und vielleicht noch ein bisschen neugierig gemacht. Liebevolle und adäquate Betreuung braucht Zeit und Geduld zum Hinhören und Einfühlen. Die Pflegebeziehung ist nicht immer nur Belastung und asymmetrisch, sondern der Pflegende bekommt in vielen Fällen Dankbarkeit, Freude, Anerkennung, Zuwendung und das Erleben einer sinnvollen Aufgabe. Auch eine gelingende Zusammenarbeit und eine gute Kommunikation mit professionellen Helfern können zu einer wichtigen Erfahrung werden. Das Verstanden- und Unterstütztwerden hilft, neue und schwierige Lebenssituationen zu bewältigen.


*) Dr. Johanna Franz ist Allgemeinmedizinerin in Wien



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2013