Logo Aerzteverlagszeitung
ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 1/2 - 25.01.2014

Standpunkt - Vize-Präs. Johannes Steinhart


Der Stein der Weisen

© Gregor Zeitler

Neues Jahr, neue Chance – oder doch nicht? Die Antwort, die viele Österreicher auf diese Frage in punkto ELGA geben, lautet „nein“. Haben sie doch nach Auskunft der ELGA-Betreiber in den ersten zehn Tagen, in denen das Formular zum ELGA-Austritt online verfügbar war, dieses 30.000 mal heruntergeladen. ELGA soll somit – als Teil der Gesundheitsreform – Zug um Zug Realität werden.

In der aktuellen Gesundheitsreform geht es einmal mehr um die Frage, wo die richtige Behandlung erfolgen soll. Die in regelmäßigen Abständen zu diesem Thema produzierten Papiere und Stellungnahmen erwecken den Anschein, als müsste man das Gesundheitssystem in Österreich von Grund auf neu erfinden.

Die Verfasser des aktuellen diesbezüglichen Reformpapiers meinen, mit der Formulierung „Best point of Service“ den Stein der Weisen gefunden zu haben. Allerdings hat man es peinlichst vermieden, auch nur ansatzweise festzuhalten, was damit konkret gemeint ist. Zu behaupten, dass das mit Absicht so geschehen ist, ist sicher eine Unterstellung. Aber es ist schon davon auszugehen, dass die Verfasser sich etwas dabei gedacht haben, wenn sie die Formulierung genau so gewählt haben. Die andere Variante, dass man sich nichts dabei gedacht hat, ist ja hoffentlich auszuschließen.

Dabei ist es ganz einfach: Die richtige Behandlung erfolgt dann und dort, wenn der Patient sie braucht und sie so wohnortnah wie möglich erhält. Dort, wo der Patient auch die Information aus einer Hand bekommt und die Kommunikation mit einem ihm bekannten, gleichbleibenden Gegenüber erfolgt. Es ist nur unschwer zu erkennen: Ich meine den Hausarzt, den Arzt des Vertrauens.

Wer glaubt, dass ELGA hier entscheidend weiterhilft, wird jedenfalls mit der derzeitigen technischen Konzeption von ELGA eine herbe Enttäuschung erleben. Eine punktgenaue Suchfunktion? Bis dato nicht! Und so wird ELGA in erster Linie anfangs vor allem bewirken, dass wir Ärztinnen und Ärzte noch mehr Zeit damit verbringen werden, in den Computer zu starren als dass wir in das Gesicht unseres Gegenübers schauen.

Anstatt hier einzugreifen, und Maßnahmen zu setzen, die Zeit für Gespräche schaffen und endlich auch eine Honorierung derselben, werden zu den jetzt ohnehin schon nicht allzu knapp vorhandenen Steuerungs- und Lenkungsebenen im österreichischen Gesundheitswesen weitere neun Landes-Gesundheitskommissionen und eine Bundes-Gesundheitskommission installiert. Dass das weniger kosten wird, ist eher unwahrscheinlich. Und auch die Bürokratie wird damit nicht nur auf der Steuerungsebene nicht weniger; die Befürchtung, dass das Auswirkungen bis hinein in die Ordinationen hat, ist nicht von der Hand zu weisen.

Ich vermisse profunde Versorgungsinteressen des neuen (alten) Gesundheitsministers. In der abgelaufenen Legislaturperiode ist es ihm nur um den Kostendämpfungspfad = Einsparungen im Gesundheitswesen gegangen. Ihm haben wir es auch zu verdanken, dass ein in mehrerer Hinsicht fragwürdiges ELGA-Konzept, das noch dazu ohne zukunftssichere Dokumentenstruktur mit perfekter Suchfunktion schon vom Start weg veraltet ist, den österreichischen Ärzten – und somit auch den Patienten – oktroyiert wurde.

Am österreichischen Gesundheitswesen haben schon genug Nicht-Ärzte herumgedoktert. Es wird Zeit, dass endlich die geschulten und erfahrenen Experten, die Ärzte, zum Zug kommen.


Johannes Steinhart
Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 1-2 / 25.01.2014