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ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 3 - 10.02.2014

Standpunkt - Präs. Artur Wechselberger


Ein starres System aufbrechen

© Dietmar Mathis

Mit der Generation Y, der jungen Bevölkerungsschicht, die nach 1980 geboren ist, treten selbstbewusste, gut ausgebildete Menschen in das Berufsleben ein, die andere Ansprüche an die Arbeitswelt stellen wie die Generation X, der sie nachfolgen oder die Babyboomer, die sie ablösen. Technik-affin, aufgewachsen in einer Welt - geprägt von Internet und elektronischer Kommunikation - stehen sie bereit, die Personallücken, die die gerade anlaufende Pensionierungswelle auch in die Ärzteschaft zu reißen droht, aufzufüllen. - Aber nicht um jeden Preis.

Millennials, wie die Angehörigen der neuen Generation auch genannt werden, bevorzugen die Unabhängigkeit der Zusammenarbeit in Teams anstelle tradierter Hierarchien. Geht es nach der neuesten Befragung des Beratungsunternehmens Deloitte, dann ist es auch nicht das Geld allein, das die in einer Überflussgesellschaft Aufgewachsenen animiert, eine Arbeitsstelle anzunehmen. Schon in der Ausbildung gelebte Mobilität stellt für den heimischen Arbeitsmarkt eine Herausforderung dar, um junge innovationsfreudige und kreative Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Dabei hätte gerade das Gesundheitswesen große Chancen, die Millennials anzusprechen: Sie sorgen sich - so das Ergebnis der Befragung - um gesellschaftliche und ökologische Belange und um die Lösung gesellschaftlicher Probleme. Die Suche nach dem Sinn einer Tätigkeit rückt mehr in den Vordergrund als Status und Karriere.

Dieser Realität wird sich auch unser Gesundheitssystem nicht entziehen können. Schon rächen sich die Versäumnisse der letzten Jahre, besonders dort, wo der geänderten Zusammensetzung der Ärzteschaft nicht Rechnung getragen wurde und man den Wünschen nach einer besseren Work-Life-Balance eines mehrheitlich weiblichen Ärzte-Nachwuchses nicht nachgekommen ist. Massive Hindernisse bilden auch die organisatorischen, bürokratischen und administrativen Errungenschaften der letzten 30 Jahre, die ein System geschaffen haben, das oft bis zur gänzlichen Unbeweglichkeit erstarrt ist. Anstatt hier Liberalität und Flexibilität entgegenzusetzen, weist die Gesundheitsreform in eine andere Richtung, drohen selbst elektronische Innovationen mit grundsätzlichem Zukunftspotential einem zentralistischen Verwaltungswahn zu erliegen.

Anstatt die Zeichen der Zeit zu erkennen, klammern sich Entscheidungsträger noch immer an längst überholte Statistiken, die unserem Land eine überdurchschnittlich hohe Ärztezahl bescheinigen, erdrücken Routine und Administration die berufliche Entfaltungsfreude der jungen Generation und bremsen fehlende, planbare Berufsverläufe die Akquisition von akademischem Nachwuchs. Ganz zu schweigen von der extramuralen Versorgung. Im einst fast ausschließlichen Einflussbereich der Krankenkassen hat sich ein Wahlarztsystem etabliert, in dem mittlerweile schon mehr als 50 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte tätig sind. - Eine parallele Versorgungsschiene, ohne die das Kassensystem schon längst kollabiert wäre. Trotz dieser hohen Anzahl an vertragslosen Ärzten fällt es zunehmend schwerer, freie Vertragsarztstellen zu besetzen. Dabei sind es meist nicht die bescheidenen Kassenhonorare, die die Bewerber abhalten, sondern die Starrheit des ASVGs und der abgeleiteten Vertragsinhalte, die Kontrollmechanismen, fachlich nicht nachvollziehbare Einschränkungen und bis an die Grenze des ethisch Tragbaren ausgereizte ökonomische Zwänge.

Das österreichische Gesundheitswesen baut aber davon scheinbar unberührt auf vielen Altlasten, die gerade eine Generation mit wenig Vertrauen in Hierarchien und politische Strukturen abschreckt. Zudem geben die meisten von Deloitte weltweit befragten 7.800 Akademiker an, dass für sie die klassische Arbeitswelt ausgedient hätte und sie weitgehend unabhängig unter Zuhilfenahme neuer Technologien arbeiten wollen. Gleichzeitig sehen sie in der Einstellung des Managements und in den internen Ablauforganisationen und Ablaufprozessen die größten Verhinderer von innovativem Denken.


Artur Wechselberger
Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.02.2014