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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 11 - 10.06.2018

Standpunkt - Präs. Thomas Szekeres


Warten auf die Milliarde

© Stefan Seelig

Es mag einiges schief liegen in der Republik Österreich. Es mag enormer Reformstau herrschen. Dass man aber ausgerechnet dort „scheinbar reformieren“ und sparen will, wo das System grundsätzlich in Ordnung ist, nämlich in der Gesundheitsversorgung, verärgert die Tausenden Ärzte und verängstigt Millionen potenzielle Patienten, die brav ihre Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Und ein Anrecht auf Leistung haben – und zwar auf solidarische.

Versicherungen sind selbstverwaltend, weil sie auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit, Solidarität und Subsidiarität aufgebaut sind. Ärzte sind deshalb in der Kategorie Freie Berufe und damit selbstbestimmt, damit sie in ihrem Handeln nicht gegängelt oder gelenkt werden können.

Ein unabhängiges, selbstverwaltetes Sozial- und Gesundheitssystem ist deshalb autonom, damit es das Recht aller Menschen garantiert, bestmöglich behandelt und im Notfall sofort verarztet zu werden sowie nach der Erwerbstätigkeit ein Entgelt zum Überleben zu beziehen – inklusive Krankenversicherung. Und das unabhängig davon, wie viel sie verdienen, wie alt oder jung sie sind oder wie gebildet.

Wer daran rüttelt, rüttelt an den Grundfesten des Wohlfahrtstaates. Die Selbstverwaltung und das System der Freien Berufe dürfen nicht in Frage gestellt werden. Regionale Entscheidungen müssen regional getroffen werden.

Nochmals: Wir Ärzte haben nichts gegen Reformen. Im Gegenteil: Wir wünschen wesentlich mehr Prävention, mehr Gesundheitserziehung, bessere Pflege und Rehabilitation – und vor allem leistungsgerechte Bezahlung für die Ärzte. Wenn wir das nicht erreichen, wird der Ärztemangel noch drastischer werden. Vor allem im Kassen- und Krankenhausbereich.

Es ist zu befürchten, dass es zu einer Verschlechterung der Leistungen kommt, wenn am Gesundheitssystem herumgedoktert wird, ohne die Patienten im Fokus zu haben. Jedem vernünftigen Menschen muss einleuchten: Die Gesundheitsversorgung wird in Zukunft mehr kosten, weil die Lebenserwartung steigt, die Medizin Fortschritte macht, die Menschen länger mobil und gesund leben wollen, und sich neue chronische Krankheiten – Zivilisationskrankheiten – ausbreiten.

Wer wirklich sparen will, muss daher jetzt Geld in die Hand nehmen und in Prävention investieren. Dann werden die Folgekosten automatisch geringer werden.


a.o. Univ.-Prof. Thomas Szekeres

Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 11 / 10.06.2018