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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 12 - 25.06.2018

BKAÄ: Gesunde Reformen braucht das Land


Die geplante Zusammenlegung der Krankenkassen im sogenannten Sozialversicherungs-Strukturreformgesetz ist ein erster Tropfen auf einen heißen Stein. Wo der Schuh tatsächlich drückt, sind große Baustellen wie überfüllte Spitalsambulanzen, Bürokratie und Finanzierungsthemen. 

Kommt Ihnen folgende Forderung bekannt vor? Es wird die „Notwendigkeit einer Reorganisation des österreichischen Krankenhauswesens aufgezeigt und in Verbindung damit die Erarbeitung eines Krankenhausplanes verlangt, um die Entwicklung des österreichischen Krankenhauswesens zu koordinieren und um Fehlplanungen zu vermeiden.“ Wer meint, bei diesen Worten das aktuelle Regierungsprogramm zu lesen, irrt gewaltig. Dieses Zitat stammt aus der Gesundheitsreform des Jahres 1965 und zeigt, wie lange die heimische Politik die Probleme rund um die großen Baustellen im Gesundheitssystem vor sich herschiebt.

Gesundheitspolitische Archäologie

Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer begab sich bei einer Presseveranstaltung, zu der die Bundeskurie Angestellte Ärzte im vergangenen Jahr lud, auf eine gesundheitspolitische Archäologiereise und listete Textproben der letzten Jahrzehnte aus Regierungsprogrammen, 15a-Vereinbarungen und Bundes- Zielsteuerungsverträgen auf, die vor allem einen Eindruck hinterließen: Es gab Gesundheitsreformen über Gesundheitsreformen, getan hat sich aber nicht viel. „Wenn wir von einer Reorganisation und Reform des österreichischen Gesundheitswesens sprechen, ist es natürlich wichtig, auch über die Anzahl der Sozialversicherungsträger zu diskutieren. Es aber darauf zu beschränken ist ein grober Fehler“, meint dazu Harald Mayer, Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte, und ergänzt: „Ich kann das Gejammere über die Zusammenlegung der Krankenkassen ehrlich gesagt nicht mehr hören.“

Mayer fordert tatsächliche Reformen wie eine Entlastung der Spitalsambulanzen und die Verlagerung von Leistungen in den niedergelassenen Bereich (siehe Kommentar). Hier stecke das Sparpotenzial, hier müsse man hinschauen und das Gesundheitswesen effizienter gestalten, so Mayer. „Stattdessen begutachten wir Verordnungen wie zuletzt zum Österreichischen Gesundheitsplan Gesundheit, in der es hinten und vorne an Transparenz fehlt.“ Es entstehe der Eindruck, dass die Planung nicht der Sicherstellung einer bedarfsgerechten, qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung diene, sondern eine gesamtwirtschaftlich möglichst kostengünstige Leistungserbringung erfolgen solle. Dazu der Ärztevertreter: „Man wird den Eindruck nicht los, dass die Abkürzung ÖSG für den Österreichischen Sparplan Gesundheit steht.“ Für Mayer werden auch Aspekte der medizinischen Forschung und Entwicklung sowie neuer medizinischer Technologien und anderer medizinischer Qualitätsparameter nicht ausreichend berücksichtigt.

So ist beispielsweise für die Rehabilitation im Bereich Bewegungs- und Stützapparat von „abgeschätzten Auslagerungspotenzialen“ die Rede. Im stationären Bereich sollen Beten gekürzt werden unter der Annahme, dass Leistungen in den niedergelassenen Bereich verlagert werden. Obwohl schon von einem Planungshorizont 2020 die Rede ist, liegen laut Bundeskurie Angestellte Ärzte noch keinerlei Konzepte vor, wie die angesprochenen Maßnahmen auch tatsächlich umgesetzt werden sollen. „Das Material für diese Planungen ist nicht nachvollziehbar, es fehlt an Transparenz, welche Datengrundsätze herangezogen wurden. Dieses theoretische Modell passt nicht in die Wirklichkeit hinein“, so Mayer.

Prävention und Qualität in den Fokus

Um ein weiteres Beispiel einer Baustelle im Gesundheitsbereich zu nennen, hinterfragt der Ärztevertreter die aktuelle Versorgung von Alten- und Pflegeheimen. „Wenn diese Bereiche besser mit medizinischer Leistung versorgt wären, dann würden sich ältere Menschen oft ersparen, dass sie ins Spital eingeliefert werden“, so Mayer. Studien zeigen, dass es in Altenund Pflegeheimen oftmals an medizinischer Prävention fehle. Hier und bei der Qualität im Allgemeinen müsse angesetzt werden. „Wir brauchen Gesundheitsreformen, die auch ihrem Namen gerecht werden. Die Politik muss sich endlich die Hände schmutzig machen und auch dort hingreifen, wo die echten Baustellen des Gesundheitswesens liegen“, so Mayer abschließend.

KOMMENTAR

Die Spitalsambulanz als eierlegende Wollmilchsau


Harald Mayer *)

Der subsidiäre Versorgungsauftrag, den das Krankenanstalten- und Kuranstaltengesetz § 26 regelt, besteht neben der Leistung Erster ärztlicher Hilfe in der „Anwendung von Untersuchungs- und Behandlungsmethoden mit solchen Behelfen, die außerhalb der Anstalt in angemessener Entfernung vom Wohnort des Patienten nicht in geeigneter Weise oder nur in unzureichendem Ausmaß zur Verfügung stehen“. Eine weitere Aufgabe stellt die Ausbildung künftiger niedergelassener und angestellter Ärzte dar.

Die Realität ist eine andere: Täglich spüren wir Ärztinnen und Ärzte in der Praxis schon lange, wie Arbeitsverdichtung und Überlastung auf der Tagesordnung stehen. Überlaufene Ambulanzen, langen Wartezeiten und immer öfter auch aggressives Verhalten sind eine Folge dieser Entwicklung.

Die Ursachen, warum Österreichs Ambulanzen teilweise kurz vor dem Kollaps stehen, sind vielfältig: Die Patientinnen und Patienten können – wie in keinem anderen Land – selbst entscheiden, wo sie sich behandeln lassen möchten. Selbstzuweisungen rund um die Uhr sind gang und gebe. Die unklare Finanzierung war schon Ende der 1970-er-Jahre Thema eines WHO-Reports, der von einer „steigenden Tendenz der praktizierenden Ärzte, ihre Patienten in ein Spital einzuweisen“ sprach. Diese Entwicklung werde unter anderem durch das Honorierungssystem gefördert.

Wo genau drückt nun der Schuh? Wie so oft geht es um das liebe Geld. Der budgetäre Rahmen ist eng, ärztliche Entscheidungen sind oftmals von ökonomischen Zwängen geprägt. Was aber genauso hineinspielt ist die Tatsache, dass Spitalsambulanzen immer mehr Aufgaben bei immer weniger Zeit und immer mehr Bürokratie übernehmen müssen – Stichwort ELGA und der PDF-Wahnsinn, den das System mit sich bringt. Wir sehen immer mehr Einsparungen und Umstrukturierungen bei der zeitgleichen Erwartungshaltung einer lege artis Medizin auf Facharzt-Niveau. Das kann sich nicht ausgehen.

Aus der Sicht der Patientinnen und Patienten stellt die Spitalsambulanz den Best Point of Service dar: 24 Stunden offene Türen, Rund-um-Service, kein Gatekeeper, keine Selbstkostenbeiträge inklusive dem Wunsch nach kurzen Wartezeiten und bester Qualität. Umgangssprachlich nennt man das auch die eierlegende Wollmilchsau. Aus meiner Sicht sind zwei Dinge dringend anzugehen:

1. Es bedarf einer Informations- und Aufklärungsarbeit: Ja, der Versorgungsauftrag ist zu erfüllen, aber es darf kein Recht des ungesteuerten Zugangs geben.

2. Wenn das Gesundheitssystem sozial geregelt ist, muss es auch beim Zugang klare Regeln geben. Wir brauchen einen niederschwelligen Einstieg ins System bei gleichzeitiger Stärkung des niedergelassenen Bereiches. Wir müssen Patientenströme lenken und den Zugang regeln. Es bedarf der besseren Abstimmung zwischen intra- und extramuraler Versorgung. Wir müssen Bürokratie abbauen, um mehr Zeit für unsere Patientinnen und Patienten zu haben. Zu guter Letzt, und das werden wir als Bundeskurie Angestellte Ärzte nicht müde zu betonen, benötigen wir qualitätsvolle Ausbildungskonzepte als Basis für ein qualitativ hochwertiges Gesundheitswesen. Das sind die Themen, denen sich unsere Politikerinnen und Politiker stellen müssen. Ob wir künftig fünf oder fünfzig Sozialversicherungen haben werden, mag ein Baustein in dieser Entwicklung sein, darf aber nicht im alleinigen Fokus stehen, wenn wir von Reformen sprechen.


*) Harald Mayer ist Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte

 




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2018