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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 12 - 25.06.2018

Standpunkt - Vize-Präs. Johannes Steinhart


Entscheiden & Wirken

© Gregor Zeitler

Das dominierende gesundheitspolitische Thema dieser Tage ist sicherlich die „Kassenreform“. Meine grundsätzliche Überzeugung: Entscheidungen sollten möglichst dort getroffen werden, wo sie wirksam werden. Prinzipiell hielte ich einen im Kern zentralistisch agierenden Krankenkassen- Monolithen mit Büros in den einzelnen Bundesländern für keine wünschenswerte Weiterentwicklung unseres Sozialversicherungs-Systems. In diesem Sinn habe ich bereits sehr viele persönliche Gespräche mit Politikern geführt, und bin dabei auf viel Verständnis für meine Position gestoßen.

Lassen Sie mich diese am Beispiel des aktuellen Abschlusses mit der WGKK und mit Gesundheitspolitikern des Bundeslandes Wien illustrieren. Dieser Abschluss ist wohl ein historischer Durchbruch, der zum Beispiel eine Tarifanhebung von mehr als 30 Prozent für Allgemeinmediziner und Pädiater bis zum Jahr 2020 brachte. Aber auch die Förderung von Ordinationsgründungen, die Weiterentwicklung von Jobsharing-Modellen und weitere echte und positive Weichenstellungen.

Möglich wurde das durch ein gemeinsames Vorgehen der Wiener Ärztekammer, der WGKK und des Bundeslandes Wien. Wir haben uns zusammengesetzt, die Situation analysiert, Versorgungs- und Honorierungsdefizite identifiziert, und eine regional angepasste Lösung gesucht und schließlich gefunden. Und die Wiener Gesundheitspolitik hat zusätzliches Geld in die Hand genommen, um diese Lösung zu ermöglichen.

Kaum vorstellbar, dass das mit einer zentralistisch agierenden österreichischen Krankenkassen-Zentrale möglich gewesen wäre.

Denn eine zentrale Planung hat, ob sie das will oder nicht, die Tendenz zum Einebnen von Unterschieden zwischen den Bundesländern, und sie wird auf regionale Versorgungsrealitäten weniger spezifisch reagieren können, als das Vertragspartner aus der jeweiligen Region tun würden. Und da gibt es nun einmal markante Unterschiede zwischen einem Skigebiet, dem bevölkerungsarmen flachen Land oder Wien mit seinem „Großstadtfaktor“.

Das Wiener Ergebnis hat damit eine über einen bloßen Verhandlungserfolg der Ärzteschaft weit hinausgehende politische Bedeutung. Die Moral von der Geschichte: Probleme einer Region sollten in dieser Region gelöst werden, und nicht zentralistisch. Und es ist nötig, dass nicht nur die Kassen, sondern auch die Politik bereit ist, Geld in die Versorgung zu stecken, und damit auch in den Wirtschaftszweig Gesundheit zu investieren.


Dr. Johannes Steinhart
2. Vizepräsident der ÖÄK



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2018