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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 13/14 - 15.07.2018

Standpunkt - Präs. Thomas Szekeres


Neue Begriffe, alte Leiden


© Stefan Seelig

Vor kurzem hat die WHO die Online-Spielsucht offiziell zu einer Krankheit erklärt. Es häufen sich neue Begriffe für alte Leiden: Burn-out und Bore-out, Online-Spielsucht und ADHS. Müssen wir mit neuen Massenkrankheiten rechnen? Wie reagieren Medizin, Prävention und begleitende Kuration darauf? Haben wir die richtigen Ausbildungsstrukturen und die adäquaten therapeutischen Einrichtungen, um diesen Herausforderungen zu begegnen? Ich fürchte: Nein. 

Sind die neuen Krankheiten Symptome der rasenden Digitalisierung und des wachsenden Auseinanderklaffens derer, die zu viel arbeiten und jener, die gar keine Perspektive auf Arbeit haben? Was bedeutet das für die Gesamtgesundheit einer Gesellschaft? Und mit welchen volkswirtschaftlichen Folgen ist zu rechnen, wenn immer mehr Menschen über lange Zeit aus dem Arbeitsprozess herausfallen? 

Chronisch kranke oder in Rehabilitation befindliche Menschen können mittlerweile versuchsweise ein paar Stunden am Tag arbeiten, damit sie den „Anschluss“ nicht verlieren. Aber wie definiert man künftig Krankenstände und welche Übergangsphasen wird es geben? Müssen wir unser gesamtes Gesundheitsversorgungsdenken hinterfragen? – Diese Überlegungen und Bedenken sind keineswegs realitätsfern: Es ist eine Tatsache, dass Langzeitarbeitslose – und ihre Anzahl steigt – überdurchschnittlich und signifikant krankheitsanfällig sind. Aktuelle Statistiken der Armutskonferenz haben das erst kürzlich wieder gezeigt. Viele der Jugendlichen von heute, die in zehn Jahren im erwerbsfähigen Alter sein werden, werden gehandicapt in den Beruf einsteigen: adipös, hör- und sehgeschädigt, an Diabetes leidend. 

Gleichzeitig ist zu bedenken, dass wir in 20 Jahren nahezu 300.000 an Demenz leidende Mitbürgerinnen und Mitbürger haben werden. Laut jüngstem OECD-Bericht zählt Österreich zu den Nachzüglern bei Demenzvorsorge und -behandlung. 

Dazu kommt, dass es zur Behandlung vieler „neuer Krankheiten“ noch keine adäquaten Einrichtungen gibt: Auch der Klimawandel zieht neue Krankheiten nach sich, ähnlich wie die Globalisierung des Handels und Warenverkehrs – und wir werden bald weitere haben. Dabei kämpfen wir jetzt schon mit strukturellen Mängelfächern in der Jugendpsychiatrie oder etwa in der Dermatologie. 

Darüber sollte sich Gesundheitspolitik den Kopf zerbrechen, anstatt bewährte Einrichtungen zu zerschlagen und aus Kooperationspartnern feindliche Lager zu konstruieren.

a.o. Univ.-Prof. Thomas Szekeres
Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2018