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Paper of the Month: Risiken im diagnostischen Prozess


Ein positives Sicherheitsklima und eine vollständig implementierte IT sind mit einer geringeren Häufigkeit von Problemen im diagnostischen Prozess assoziiert, wie eine Befragung von Mitarbeitern in US-amerikanischen Ordinationen zeigt.

Campione et al. untersuchten den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von konkreten Problemen im diagnostischen Prozess, dem Sicherheitsklima und dem Implementierungsstand von IT in ambulanten Praxen. Ihre Untersuchung basiert auf einer Befragung von Mitarbeitern in Ordinationen in den USA. Daran beteiligten sich 925 Praxen, aus denen durchschnittlich je 25 Personen teilnahmen (durchschnittliche Antwortrate 72 Prozent). In der Befragung wurden drei Arten von Informationen erhoben: Zum einen die Häufigkeit von spezifischen Ereignissen, die den diagnostischen Prozess negativ beeinflussen können: (1) eine Krankenakte war nicht verfügbar, wenn benötigt; (2) die Resultate eines Labors oder einer Bildgebung waren nicht verfügbar, wenn benötigt; (3) ein kritisches, anormales Laborergebnis oder eine Bildgebung wurden nicht binnen eines Werktages weiterbearbeitet.

Zu jedem dieser Ereignisse wurden die Teilnehmenden gefragt, wie häufig diese in ihrer Praxis in den letzten zwölf Monaten aufgetreten waren. Zum anderen wurde anhand von 38 Fragen das Sicherheitsklima in der Praxis auf zehn Dimensionen wie etwa Teamarbeit, Arbeitsbelastung und Führung gemessen. Für die Analyse wurde der durchschnittliche Wert über die Dimensionen hinweg pro Praxis ermittelt. Höhere Werte zeigen ein „besseres Sicherheitsklima“ in der Praxis an. Drittens wurden die Praxen nach dem Implementierungsstand der elektronischen Patientenakte und der elektronischen Verfügbarkeit von Testergebnissen (Labor, Bildgebung, Befundung) gefragt. Die Antworten wurden klassifiziert als „beides vollständig implementiert“, „teilweise implementiert“ und „beides gar nicht implementiert“.

Zur Häufigkeit der Probleme im diagnostischen Prozess wurde „täglich“ oder „wöchentlich“ berichtet: 15 Prozent Krankenakte nicht verfügbar, wenn benötigt; zehn Prozent Resultate eines Labors oder einer Bildgebung nicht verfügbar, wenn benötigt; vier Prozent kritisches, anormales Laborergebnis oder Bildgebung nicht binnen eines Werktages weiterbearbeitet. Eine Regressionsanalyse zeigte, dass - adjustiert nach Praxis-Merkmalen - ein niedriges Sicherheitsklima und der Implementierungsstand der IT signifikante Prädiktoren für das häufige Auftreten der drei spezifischen Probleme im diagnostischen Prozess waren. Praxen mit einem niedrigeren Sicherheitsklima berichteten vom Auftreten dieser Probleme deutlich häufiger als Praxen mit höherem Sicherheitsklima. Unabhängig vom Sicherheitsklima traten alle drei Probleme häufiger auf, wenn elektronisches Patientendossier und Integration von Befunden nur teilweise und noch nicht vollständig implementiert waren (im Vergleich zu vollständig implementiert). Allerdings berichteten Praxen ohne implementierte IT zwei der drei Probleme nicht häufiger als Praxen mit vollständig implementierter IT. Nur die nicht verfügbare Patientenakte war in Praxen ohne IT häufiger als in Praxen mit vollständiger IT. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass alle Daten im Rahmen einer einzigen Befragung erhoben wurden. So ist es durchaus vorstellbar, dass die teilweise Implementierung von IT nicht nur eine Phase besonderer Risiken für eine sichere Diagnosestellung ist, sondern auch eine Phase, in der die Mitarbeitenden die auftretenden Probleme eher registrieren.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass positives Sicherheitsklima und vollständig implementierte IT unabhängig voneinander mit geringerer Häufigkeit von Problemen im diagnostischen Prozess assoziiert sind. Das Sicherheitsklima hat also eine wichtige Bedeutung, auch wenn die Umstellung auf IT geglückt ist. Transitionen vom traditionellen zum digitalen Informationsmanagement stellen hingegen zunächst eine zunehmende Gefahr für die Patientensicherheit dar. Die Häufigkeit, mit der notwendige Informationen nicht oder nicht zeitnah verfügbar sind und bearbeitet werden, steigt zunächst. Es ist daher zu empfehlen, solche Phasen durch gezielte Maßnahmen zu begleiten.

 *) Prof. Dr. Dieter Schwappach, Patientensicherheit Schweiz