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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 21 - 10.11.2018

USA: Trump und die Wissenschaft


Bereits kurz nach der Wahl wollte Donald Trump die Finanzierung der National Institutes of Health um fast sechs Milliarden US-Dollar kürzen. Senat und Repräsentantenhaus haben das verhindert. Dennoch: Landesweit sehen Wissenschafter sich und ihre Arbeit abgewertet.
Nora Schmitt-Sausen

Der Spätsommer war für den US-amerikanischen Wissenschaftssektor einmal mehr eine Zitterpartie. Der Grund: Die US-Regierung musste sich dringend auf das Budget für das Fiskaljahr 2019 einigen, das bereits am 1. Oktober des Vorjahres begonnen hat. Erst wenige Tage vor der beginnenden Zahlungsunfähigkeit konnten die beiden Kammern des US-Kongresses und der Präsident ihren Haushalt verabschieden. Beschlossen wurden unter anderem mehr Mittel für die Gesundheitsforschung, insbesondere für die National Institutes of Health (NIH), eine der weltweit größten und führenden Einrichtungen für medizinische Forschung.

Zu verdanken sind diese Investitionen allerdings nicht Donald Trump, der von wissenschaftlichen Erkenntnissen bekanntlich wenig hält und deswegen auch keine großen Gelder mehr für Forschung und Entwicklung freigeben wollte. Dass – zumindest die Gesundheitsforschung – in den USA nicht ins Straucheln geraten ist, ist einem Schulterschluss von Senat und Repräsentantenhaus zu verdanken. Die beiden republikanisch geführten Kammern stellten sich bereits mehrfach gegen die von Trump vorgesehenen drastischen finanziellen Kürzungen des Wissenschaftssektors.

Die Versuche von Trump, den Rotstift bei Wissenschaftseinrichtungen und Forschungsprogrammen anzusetzen, hatten es in sich. Bereits kurz nach seiner Wahl schlug er vor, schon allein die Finanzierung der National Institutes of Health um knapp sechs Milliarden US-Dollar – also um fast 20 Prozent – zu kürzen. Auch anderen renommierten US-Forschungseinrichtungen und Behörden wollte der Präsident jeweils circa ein Fünftel ihrer Mittel streichen.

Dementsprechend laut war der Aufschrei: Das renommierte New England Journal of Medicine bezeichnete im Vorjahr die Pläne von Trump als „Desaster“. Und es zeigte auf, wie sehr nur der 32 Milliarden-Haushalt des National Institute of Health von Kürzungen betroffen sein würde: 2.500 Universitäten, Medical Schools und Forschungseinrichtungen in den USA und der ganzen Welt erhielten Zuwendungen aus dessen Budget. „Der Vorschlag des Präsidenten hat weitreichende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit, Forschung und Arzneimittelentwicklung und Amerikas Position als Innovationsgröße“, hieß es in dem Beitrag von Katz und Wright. Und weiter: „Es bedroht auch junge Wissenschaftler, die die zukünftigen führenden Köpfe der Wissenschaft, der Biotechnologie und der Pharmaindustrie sind.“

Doch der US-amerikanische Kongress spielte bei den Plänen Trumps nicht mit. Er legte in den vergangenen beiden Jahren seit dem Amtsantritt von Donald Trump bereits mehrfach sein Veto gegen die Kürzungsversuche des Präsidenten ein - teils mit vereinten Kräften von Republikanern und Demokraten. Aber nicht nur das: Am Weißen Haus vorbei legten die Politiker den Grundstein für Ausgabensteigerungen in den Bereichen Forschung und Entwicklung. Der Vorschlag des Präsidenten „hätte amerikanische Innovationen in der medizinischen Forschung zerstört, neue Heilmethoden und Behandlungen verzögert und die NIH-Finanzierung auf das niedrigste Niveau seit 2002 gedrückt“, zitierte die New York Times den demokratischen Senator Richard J. Durbin aus Illinois nach den ersten zentralen Budgetverhandlungen der Ära Trump im vergangenen Herbst. Aktuell kann die medizinische Forschung aus dem Vollen schöpfen. Insbesondere die National Institutes of Health haben Rekordzuwendungen erhalten und stehen finanziell nun so gut da wie schon lange nicht mehr. Auch viele andere Einrichtungen haben mehr statt weniger Geld bekommen. Damit können auch viele der US-amerikanischen Top-Universitäten aufatmen, da auch keine Zuschüsse für Forschungsprojekte und Personal gestrichen werden.

Die Signale des Kongresses sind eindeutig: Anders als der Präsident setzen die Politiker von Washington auf die Wichtigkeit der Forschung in der Biomedizin, Präzisionsmedizin und der öffentlichen Gesundheit. Ein großer Teil der Investitionen fließt in die Erforschung von Krankheiten wie Krebs und Alzheimer. Massiv unter Druck geraten ist dagegen vor allem der Energie- und Umweltsektor. Einige Einrichtungen und staatliche Programme wurden zurückgefahren, zentrale Stellen ohne wissenschaftliche Expertise besetzt und zahlreiche Regularien aus der Ära Obama zurückgedreht. Die Forschung hat in vielen Bereichen keinen hohen Stellenwert mehr – beispielsweise auch nicht im Hinblick darauf, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die öffentliche Gesundheit hat.

Dennoch ist die Stimmung unter den vielen Ärzten und Biochemikern, die wissenschaftlich tätig sind, schlecht. Der Grund dafür: Die Regierung Trump gilt bei vielen als grundsätzlich „wissenschaftsfeindlich“. Landesweit sehen Wissenschafter sich und ihre Arbeit abgewertet. Die New York Times berichtete kürzlich gar, dass sich immer mehr staatliche Wissenschaftler in ihrer Arbeit „unterdrückt“ fühlen und mit den Gedanken spielten, die Wissenschaft in Richtung Industrie zu verlassen – oder sogar die USA. Außerdem erschwert es die Regierung ausländischen Wissenschaftern, in den USA zu arbeiten. Nicht wenige sind von den Einreiseverboten betroffen, die von der Regierung Trump für Bürger aus mehreren überwiegend muslimischen Ländern erlassen wurden. Die Verbote beschränken sowohl den Zugang von Personen, die als Gastwissenschafter tätig sein wollen als auch von Studenten. Die US-amerikanische Forschungsgemeinschaft beklagt, dass die USA schon jetzt potentielle Mitarbeiter und Auszubildende verlieren.

Aber auch an anderer Stelle wird ausländischen Wissenschaftern der Zugang erschwert. Trump setzt auch bei der Stellenbesetzung in einigen staatlichen Behörden seine Devise „America First“ um. Wissenschaftler müssen bereits mehrere Jahre in den USA gelebt haben, um in Frage zu kommen. Doch damit nicht genug: Mehrere US-Medien haben im vergangenen Sommer davon berichtet, dass Wissenschaftern aus staatlichen Einrichtungen Interview-Verbote erteilt wurden. Immer wieder haben in den vergangenen Monaten auch Meldungen die Runde gemacht, wonach die Regierung die Veröffentlichung von Studienergebnissen, die nicht in ihrem Sinn sind, untersagt. Bereits im vergangenen Jahr war die Aufregung groß, als die Regierung Trump einer Behörde des Gesundheitsministeriums die Verwendung von bestimmten Worten verboten hat. So durften sieben Worte - darunter „Fötus“ und „Transgender“ - nur noch eingeschränkt verwendet werden.

Ereignisse wie diese und die mangelnde Akzeptanz der Regierung Trump von wissenschaftlichen Erkenntnissen haben bereits mehrfach zum öffentlichen Aufbegehren von Forschern geführt. Das größte Signal für die Kluft zwischen dem Wissenschaftssektor und der Regierung Trump war die Gründung des „March for Science“ im vergangenen Jahr. Er brachte 100.000 Protestierende in die Hauptstadt Washington. Auch in anderen US-Städten wie etwa der Wissenschaftshochburg Boston sind am selben Tag mehrere 10.000 Wissenschafter auf die Straße gegangen, um sich für die Bedeutung von Wissenschaft in der Politik einzusetzen und Kritik an Trump zu äußern.

Das derzeit nicht mehr ausnahmslos gute Klima für Wissenschaftler in den USA könnte einem Akteur in die Karten spielen, der in jüngster Zeit ohnehin stark aufgeholt hat: China. Der dortige Forschungssektor wird für in- und ausländische Wissenschafter immer interessanter, vor allem, da die Chinesen inzwischen fast so hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung tätigen wie die USA – und die Amerikaner bald einholen werden. Immerhin: Es gibt einen Lichtblick für den US-amerikanischen Wissenschaftssektor. Kürzlich gab Trump bekannt, wer künftig oberster wissenschaftlicher Berater der US-Regierung wird: Kelvin Droegemeier, ein angesehener Meteorologe. Dass ein wissenschaftlich und technisch versierter Fachmann zentrale Entscheidungen im Weißen Haus mitträgt, ist in den USA seit 1941 üblich. Trump hatte den Posten eineinhalb Jahre lang nicht nachbesetzt.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 21 / 10.11.2018