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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 6 - 25.03.2018

Notwendiges Zeichen der Wertschätzung


Immer wieder gibt es Unklarheiten darüber, in wie vielen europäischen Staaten es nun tatsächlich den Facharzt für Allgemeinmedizin gibt. Der Grund: Nicht alle Länder, die diesen Titel national anerkennen, melden ihn auch auf EU-Ebene.

Andrea Riedel


EU-weit gibt es nur mehr vier Länder, in denen die Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner noch nicht den Status von Fachärzten genießen: Belgien, Italien, Großbritannien und – Österreich. In den übrigen 24 Mitgliedsstaaten ist der Facharzt für Allgemeinmedizin mittlerweile Realität. Sechs dieser Länder sind allerdings mit der Meldung des nationalen Facharzt-Status auf EU-Ebene säumig, wie die ÖÄK auf Nachfrage bei Mary McCarthy, der Vizepräsidentin der Europäischen Vereinigung der Ärzte für Allgemeinmedizin/ UEMO, erfuhr. Dadurch kommt es mitunter zu Unsicherheiten, was die Zahl der Länder mit nationalem Facharzt-Titel für Allgemeinmedizin betrifft.

„In 24 EU-Ländern, aber auch in den USA, Kanada und Australien genießen Allgemeinmediziner den Status von Fachärzten. Damit ist der Facharzt für Allgemeinmedizin im Großteil der westlichen Welt Standard“, sagt Martina Hasenhündl, die die ÖÄK in der UEMO vertritt. Für sie ist es „nur logisch“, dass die UEMO ihre Mitgliedsländer drängt, die Rolle der Allgemeinmediziner als Säulen der Gesundheitsversorgung entsprechend anzuerkennen.

Internationales Niveau

Der Facharzt-Titel sei eine wichtige und dringend notwendige Maßnahme zur Stärkung der Allgemeinmedizin, ist auch der Leiter der Bundessektion Allgemeinmedizin und stellvertretende Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte, Edgar Wutscher, überzeugt. Er pocht darauf, dass in Österreich der Facharzt für Allgemeinmedizin zügig umgesetzt wird. Schließlich müsse auch die Politik ein Interesse daran haben, „dass wir endlich an internationales Niveau anschließen“.

Unter anderen will die Bundessektion Allgemeinmedizin den Facharzt-Status für die Allgemeinmedizin, „weil er ein starkes, offizielles Signal für die Gleichwertigkeit des Hausarztberufs ist“, betont Sektionsleiter Wutscher. Die Bundeskurie niedergelassene Ärzte sollte sich daher für eine rasche Aufnahme von Gesprächen mit Gesundheitsministerin Hartinger-Klein einsetzen. „Ich werde mich da reinhängen, damit etwas weitergeht“, versichert Wutscher.

Seit geraumer Zeit setzt sich die UEMO zudem intensiv dafür ein, dass jene Länder, die den Facharzt intern bereits anerkannt haben, dies auch offiziell bei der EU-Kommission melden („notifizieren“). Insgesamt sind hier noch sechs Staaten säumig: Irland, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta und Finnland. UEMO-Berichten zufolge verzögert sich die Notifikation auf EU-Ebene manchmal auch dadurch, dass die nationalen Standesvertretungen selbst nicht hundertprozentig dahinterstehen. Auch seitens der Bundessektion Allgemeinmedizin gehe man davon aus, dass noch einiges an Überzeugungsarbeit not-wendig sein wird, um den Facharzt für Allgemeinmedizin in Österreich durchzusetzen.

Die UEMO jedenfalls wünscht sich ein starkes und geschlossenes Auftreten der Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner innerhalb der EU. Sobald der Facharzt-Titel lückenlos auf europäischer Ebene verankert sei, könne man mit vereinten Kräften große Projekte in Angriff nehmen wie zum Beispiel den Ausbau der wissenschaftlichen Forschung im Bereich Allgemeinmedizin. Dafür treten auch Hasenhündl und Wutscher ein: Die Allgemeinmedizin als Wissenschaft gehöre auch an den staatlichen Universitäten institutionalisiert und mit ordentlichen Ressourcen ausgestattet. Derzeit „lebt“ die Allgemeinmedizin an manchen Hochschulen vor allem vom Engagement Einzelner. So verfügt von allen drei staatlichen Medizinuniversitäten nur Graz über ein wirklich eigenständiges „Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung“. In Innsbruck gibt es zwar auch ein „Institut für integrierte Versorgung“, an diesem sind die Allgemeinmediziner aber nur beteiligt. Die Wiener „Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin“ hat seit über einem Jahr nur eine interimistische Leitung und untersteht dem Zentrum für Public Health. In Linz gibt es kein Institut, aber die Medizinische Fakultät arbeitet eng mit regionalen Fachorganisationen und Verbänden für Allgemeinmedizin zusammen. Neben Graz gibt es nur noch an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg ein eigenständiges „Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin“.

„Notwendigkeit, nicht Option“

Was den Facharzt-Titel für Allgemeinmediziner in Österreich betrifft, gibt sich der stellvertretende BKNÄ-Obmann Edgar Wutscher realistisch und zuversichtlich zugleich: Den Facharzt für Allgemeinmedizin könne man einführen, ohne zusätzliches Geld in die Hand nehmen zu müssen. „Das ist schon einmal ein Startvorteil gegenüber anderen wichtigen Maßnahmen zur Förderung der Allgemeinmedizin.“ Der Facharzt-Status wäre jedenfalls ein ganz wesentliches Zeichen der Wertschätzung vor allem auch den jungen Kolleginnen und Kollegen gegenüber. Denn für die nachkommende Ärztegeneration ist der Facharzt-Titel ein essenzieller Faktor, wenn es darum geht, sich für oder gegen die Niederlassung zu entscheiden und womöglich auch für oder gegen den Verbleib in Österreich.

Bestätigt sieht sich der stellvertretende BKNÄ-Obmann Wutscher durch den früheren Vorstand der Abteilung Allgemeinmedizin der Meduni Wien, Manfred Maier: „Nicht zuletzt wegen der Abwanderung von Absolventen der Medizin und der aus mehreren Gründen drohenden Gefährdung der Grundversorgung der Bevölkerung in Österreich ist die Einführung des Facharztes eine absolute Notwendigkeit und nicht nur eine Option.“*


* Univ.-Prof. Dr. Manfred Maier: „Facharzt für Allgemeinmedizin – Chance oder Gefahr?Option oder Notwendigkeit?“ in: Zeitschrift für Gesundheitspolitik 2017/1



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 6 / 25.03.2018