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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 6 - 25.03.2018

Patientensicherheit: Vermehrte Umsetzung erforderlich


Für die Patientensicherheit existieren schon jetzt viele jederzeit anwendbare „Tools“. Deren Anwendung sollte in Österreich intensiviert werden.
Wolfgang Wagner


Wir haben die notwendigen ‘Tools’ und Programme. Das hat sich in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert. Wir sollten in Österreich aber die operative Umsetzung intensivieren”, erklärt die Präsidentin der Plattform Patientensicherheit, Brigitte Ettl. ÖÄK-Präsident Univ. Prof. Thomas Szekeres ergänzt: „Dazu wird man aber auch mehr Geld im Gesundheitswesen und das nötige Personal benötigen“.

Das Problem der Patientensicherheit ist enorm. „Medizinische Fehler - die dritthäufigste Todesursache in den USA“, lautete beispielsweise der Titel einer Analyse im British Medical Journal (BMJ), die im Jahr 2016 publiziert worden ist. Die Autoren, Martin Makary und Michael Daniel, kamen darin für die USA auf jährlich rund 251.500 Todesfälle. „Das Problem bedarf größerer Aufmerksamkeit“, schrieben sie. Was bei der Aufarbeitung des Problems am meisten hinderlich sei: Meist taucht es in den Todesurkunden nicht auf. Und wenn man die Mortalitätsstatistiken ansehe, würden die Todesfälle durch Fehler in der Medizin eben nicht aufgelistet.

Maßnahmen wirken


Gleichzeitig ist längst bekannt, wo man ansetzen muss. „Wir wissen, dass die Maßnahmen wirken“, betont Ettl. Es gäbe die verschiedensten Bausteine, um die Patientensicherheit und Mitarbeitersicherheit zu erhöhen. Hier hätte man auch deutliche Fortschritte gemacht. „Aber bei einer Klausur unserer Plattform war das wohl heißeste Thema, wie es zu schaffen sein wird, vermehrt in die Umsetzung der Maßnahmen zu kommen”, sagt Ettl, die ärztliche Direktorin des Krankenhauses Hietzing in Wien ist.

Die Möglichkeiten, die dabei zur Verfügung stehen, sind vielfältig: „SAFE-Briefing” (sichere Kommunikation), „Speak Up” (sich Hierarchie-übergreifend zu Wort melden, wenn ein Team-mitglied Sicherheitsbedenken hat), „OP-Checklisten- Kaskade”, „CIRS” (Critical Incident Reporting System), Fehler- und Schadensanalysen, „Sichere Patientenidentifikation”, „6-R-Regel“, Team-Trainings, Zielvereinbarungen etc.

Ettl weiter: „Die Frage der Qualität der Patientenversorgung und der Patientensicherheit sind gemeinsam zu betrachten. Das kann man nicht trennen.“ Die wichtigsten Maßnahmen zur Patientensicherheit in Spitälern könnten quer über alle Gesundheitsberufe und in allen Bereichen ergriffen werden. „Das sind die sichere Patientenidentifikation, die Medikamentensicherheit in allen Bereichen, die ‘Speak-Up’-Kultur oder die Anwendung der OP-Checklisten, von denen wir wissen, dass sie die Mortalität senken.” Spezieller seien beispielsweise das „Debriefing” nach der Reanimation eines Patienten, bei dem analysiert wird, ob im Ernstfall alles richtig gelaufen ist. Oder das Frühwarnsystem, ein speziell entwickelter Score, mit dem das Pflegepersonal leichter entscheiden kann, wann ein Arzt oder auch gleich der diensthabende Facharzt gerufen werden sollte.

Information und Schulung

Unerlässlich sind auch diesbezügliche Informationsund Schulungsaktivitäten. Jedem neuen Mitarbeiter werden im Rahmen von monatlich abgehaltenen Terminen an einem halben Tag die wichtigsten Werkzeuge zur Patientensicherheit vorgestellt. Das betrifft alle betroffenen Berufsgruppen - Pflege, medizinisch-technische Dienste und auch die Ärzte. „Im Wiener Krankenanstaltenverbund werden alle Ärzte extra geschult“, so Ettl. „Zusätzlich sollte an jeder der Abteilungen ein Arzt oder eine Ärztin, ein Angehöriger des Pflegepersonals und ein Angehöriger medizinisch-technischer Dienste im Risikomanagement ausgebildet sein. Das bedeutet die Absolvierung eines fünftägigen Kurses”, berichtet Ettl.

Dazu kommen Simulationstrainingseinheiten. Das kann für die einzelne Abteilung verschieden ablaufen. Zum Beispiel kann eine Notfall-Reanimation simuliert und dann analysiert werden oder an einer gynäkologisch- geburtshilflichen Abteilung eine postpartale Blutung auf einer Toilette oder auf der HNO-Abteilung eine Nachblutung nach einer Tonsillektomie. Solche oder ähnliche kritische Situationen werden einen ganzen Vormittag lang im Team trainiert. „Wichtig ist auch das Training vor Ort. Welches Telefon benutze ich? Wen alarmiere ich? Das sind ja Dinge, die im Notfall entscheidend sein können”, betont Ettl. Darüber hinaus erkenne man beim Training vor Ort womöglich Details, die im Fall des Falles zu Problemen führen könnten. „So haben wir zum Beispiel gesehen, dass es bei uns an einer Abteilung zwei unterschiedliche Defi-Typen gab.”

Keine österreichweiten Vorgaben

Eine Tatsache, die von Vertretern der Plattform Patientensicherheit in Österreich nach wie vor als problematisch angesehen wird: „Es gibt keine österreichweit geltenden Vorgaben für die Implementierung von Patienten-Sicherheitsprogrammen.“ Von Seiten der Plattform könnte nur immer wieder die Empfehlung zur Umsetzung von Maßnahmen ausgesprochen werden. Ettl weiter: „Besonders gut wäre es natürlich, wenn Krankenhäuser, die solche Programme umfassend umsetzen, zum Beispiel Bonus-Punkte in der LKF-Abrechnung erhielten.” Womit man bei der Umsetzung des vorhandenen Wissens angekommen ist. „Es hapert an der Finanzierung. Wir geben in Österreich weniger Geld für das Gesundheitswesen aus als die Schweiz oder Deutschland und haben ein vergleichbar gutes System. Es wäre also Spielraum vorhanden“, sagt Szekeres.

Besonders bei der Patientensicherheit geht es oft um Personalaufwand. Der ÖÄK-Präsident: „Speziell beim Personal schrammen wir aber unter dem notwendigen Level entlang. Wenn man das haben will, muss man es auch bezahlen. Die Ärzte sind an sich schon stark durch administrative Tätigkeiten belastet. Und Patientensicherheit bedeutet eben auch Administration. Da brauchen wir Hilfe. Das Gesundheitswesen wird komplexer, die Medizin kann immer mehr. Das hat Konsequenzen.“

Die Präsidentin der Plattform Patientensicherheit betont, dass in jedem Fall die Patientensicherheit von Anfang an in jede Ausbildung für Gesundheitsberufe gehöre und in jedem akademischen Studium und in jeder Fortbildung sowie als wichtiges Thema zur Bewusstseinsbildung berücksichtigt werden müsse. „Gemeinsam mit der MedUni Wien haben wir auch einen postgradualen Lehrgang im Risikomanagement geschaffen. Er ist für alle Gesundheitsberufe offen. Das schärft den Blick.”

Die Umsetzung all dieser Maßnahmen hängt in Österreich aber eben von der jeweiligen Organisation ab. Ettl dazu: „Man darf nicht verhehlen, dass es dazu auch finanzieller Ressourcen bedarf. Wir können jedoch damit auch Kosten dämpfen und menschliches Leid verhindern. Das müssen wir uns vor Augen halten“.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 6 / 25.03.2018