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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 8 - 25.04.2018

Ketamin bei Depressionen: Wirkt rasch, aber nur kurz


Bei bis zu 70 Prozent der Patienten, die an einer Therapie-resistenten Depression leiden, wirkt Ketamin – und zwar rasch. Der Nachteil: Die Wirkung hält nicht an.

Bei der Behandlung von Therapie-resistenten Depressionen werden subanästhetische Dosen von Ketamin intravenös verabreicht. „Die Kurzinfusion wirkt antidepressiv und vor allem rasch“, berichtet Christoph Kraus von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AKH in Wien. Depressive Spannungszustände können damit innerhalb von Stunden gelindert werden – „einzigartig“ (Kraus) bei der Behandlung von Depressionen.

Mittlerweile konnte in Studien belegt werden, dass Ketamin auch gegen akut auftretende suizidale Gedanken wirkt. Die Wirkungen selbst beruht – so wird jedenfalls vermutet – auf antagonistischen Eigenschaften von Ketamin an Glutamat-Rezeptoren im Gehirn, die zur postsynaptischen Dämpfung von Glutamat führen. Darüber hinaus wirkt Ketamin unter anderem in den Neurotransmitter-Systemen von Serotonin und Dopamin, deren Veränderungen bei Patienten mit Depressionen eine entscheidende Rolle spielen. „Insgesamt wird dadurch auch Neuroplastizität gefördert und die Anzahl der Synapsen in Depressions-relevanten Gehirnarealen kurzfristig erhöht“, ergänzt Kraus.

Seit mehreren Jahren kommt Ketamin – off label – bei der Behandlung von Therapie-resistenten Depressionen zum Einsatz. In den USA ist dies bereits seit Längerem der Fall; hier gibt es Bestrebungen, diesbezüglich auch eine Zulassung zu erreichen. Die Therapie mit Ketamin ist derzeit primär für die stationäre Behandlung in psychiatrischen Zentren vorgesehen. Voraussetzung: Die Betroffenen müssen zumindest zwei ausreichend lang durchgeführte Therapieversuche mit zugelassenen Antidepressiva in ausreichender Dosierung hinter sich haben. Begründung: „Die Indikation und Therapieplanung sind nicht unkompliziert“, erklärt Kraus. Auch kann es zu Vigilanzstörungen kommen. Wissenschaftliche Daten zur Ketamintherapie gibt es derzeit nur für Patienten mit einer Therapie-resistenten Depression.

Nicht nachgewiesen ist beispielsweise die antidepressive und antisuizidale Wirkung bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen sowie bei psychotischen Patienten. Kraus dazu: „Die Depression hat mit ziemlicher Sicherheit andere neurobiologische Grundlagen als Persönlichkeitsstörungen oder die Schizophrenie.“ Vermutlich wirke Ketamin auf das Glutamat-System im Hinblick auf die Neuroplastizität bei der Depression spezifischer.

Da Ketamin kurzfristig hypertensiv wirkt, sollte die Behandlung bei Personen mit unbehandelter Hypertonie, erhöhtem intrakraniellem Druck sowie bei akuten kardiovaskulären Erkrankungen nicht erfolgen. An weiteren Nebenwirkungen wurden außerdem dissoziative Zustände mit Illusionen – teils sogar Halluzinationen – beobachtet. Ebenso gibt es auch Fallberichte von Blasenentzündungen bei der wiederholten Anwendung der Ketamin- Therapie. Wegen des Suchtpotentials ist die Ketamin-Therapie bei Patienten mit Suchterkrankungen (Alkohol, Drogen etc.) kontraindiziert.

Großes Manko: kurze Wirkung

Ein bislang ungelöstes Problem bei der Therapie: die Wirkung aufrecht zu erhalten. Zwar sprechen 50 bis 70 Prozent der Patienten auf die Therapie in Studienprogrammen an – die maximale Wirkung wird innerhalb von 24 Stunden erzielt – allerdings lässt sie spätestens nach einer Woche nach. „Der Großteil der Patienten, die auf die Ketamin-Therapie anspricht, erleidet innerhalb einer Woche neuerlich eine Depression“, hält Kraus fest. Für Univ. Prof. Michael Lehofer von der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie I am Landeskrankenhaus Graz Süd- West liegt darin das große Manko dieser Therapie. „Mit Ketamin werden Verheißungen verbunden, die die Substanz allerdings häufig nicht halten kann, weil die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall hoch ist“, relativiert Lehofer.

Warum ist der Hype um die Ketamin-Therapie so groß? Im Gegensatz zu konventionellen Antidepressiva, bei denen frühestens nach zehn Tagen mit einem Wirkungseintritt zu rechnen ist, „ist das rasche Ansprechen der Ketamin-Therapie natürlich verlockend“. Beim Vorliegen einer Therapie-resistenten Depression greift Lehofer zumindest zusätzlich auf bewährte Substanzen zurück wie zum Beispiel MAO-Hemmer, deren „Wirksamkeit in der Akutphase bewiesen ist, die aber auch als Phasenprophylaxe eingesetzt werden können.“

Speziell bei Personen, die an Therapie-resistenten Depressionen leiden, ist es primäres Ziel, eine längere Depressions-freie Zeit zu erreichen – was Ketamin nicht bewirkt. Vorübergehend Erleichterung schaffen könne man mit der Ketamin-Therapie jedenfalls, ist der Experte überzeugt. MW



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2018